Anleihen: Der Zins ist weg

, aktualisiert 14. Juni 2016, 09:30 Uhr
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Selbst für deutsche Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit gibt es keine Zinsen mehr.

von Andrea CünnenQuelle:Handelsblatt Online

Die Rendite der viel beachteten zehnjährigen Bundesanleihe ist auf null Prozent gefallen. Wie weit kann es noch runter gehen?  

Frankfurt„Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“, heißt eine bekannte Filmkomödie aus dem Jahr 1989. „Anleger, ich habe die Zinsen geschrumpft“, könnte 27 Jahre später EZB-Chef Mario Draghi sagen. Sowohl die Leitzinsen als auch die Kapitalmarktzinsen – also die Anleiherenditen – in ganz Europa lässt der Vorsitzende der Europäischen Zentralbank (EZB) dabei schon lange fallen. Doch jetzt gibt es einen neuen Höhepunkt: Die Rendite der deutschen Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit ist an diesem Dienstag um kurz vor halb 10 erstmals in ihrer Geschichte auf null Prozent gefallen.

Die zehnjährige Bundesanleihe gilt seit Jahrzehnten als die entscheidende Benchmark für die langfristigen Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum. Außerdem bezieht sich der wichtigste europäische Anleiheterminkontrakt – der Bund-Future - auf die zehnjährige Bundesanleihe. Deshalb sorgt das Rekordtief der zehnjährigen Bund-Rendite für großes Aufsehen bei Investoren – auch wenn schon länger Bundesanleihen mit einer Laufzeit von bis zu neun Jahren sogar im negativen Bereich rentieren. Die Spanne reicht dabei von minus 0,4 Prozent für zweijährige bis minus 0,1 Prozent für neunjährige Papiere.

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Gründe für die steigenden Kurse und fallenden Renditen gibt es viele: Allen voran ist es die Politik der Europäischen Zentralbank. „Die EZB heizt die Rally an“, meint Harvinder Sian, Zinsstratege bei der US-Bank Citi. Im April dieses Jahres hat die EZB ihr seit März 2015 laufendes Anleihekaufprogramm vor gut drei Monaten um monatlich 20 Milliarden auf 80 Milliarden Euro erhöht.

Dabei kauft die EZB vor allem Staatsanleihen. Seit dem 8. Juni greift sie auch bei Anleihen von Unternehmen zu. Zudem hat sie den Leitzins auf null Prozent gesenkt und dazu den Einlagenzins auf minus 0,4 Prozent heruntergesetzt. Banken, die über Nacht Geld bei der Notenbank anlegen, zahlen somit eine Strafgebühr.

Mit ihrer Geldpolitik will die EZB die Kreditvergabe und damit Investitionen und die Konjunktur ankurbeln. Dabei geht es ihr im Endeffekt darum, die Inflationsrate zu erhöhen, die mit minus 0,1 Prozent weit entfernt vom EZB-Ziel einer mittelfristigen Inflation von knapp zwei Prozent liegt.

Beflügelt wird die Talfahrt der Renditen von Bundesanleihen zudem durch die jüngsten US-Konjunkturdaten. Der schwache US-Arbeitsmarkt hat die nächste Zinserhöhung der US-Notenbank Fed bereits im Juni unwahrscheinlicher gemacht. Erhöht hatte die Fed den Leitzins zuletzt im Dezember auf 0,25 bis 0,5 Prozent.

Hinzu kommt die wachsende politische Unsicherheit – vor allem durch die Angst vor einem „Brexit“. Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib in der Europäischen Union ab. „Sollte es zu einem Brexit kommen, wird die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sicher in den negativen Bereich fallen“, sind die Strategen der Landesbank Baden-Württemberg überzeugt.


Die Null dürfte nicht lange halten

Auch Häuser wie BNP Paribas, die Commerzbank, MM Warburg oder das Fondshaus Blackrock rechnen damit, dass die zehnjährige Bund-Rendite zumindest kurz in negatives Terrain rutschen wird. Die Zinswelt würde damit weiter auf den Kopf gestellt. Investoren bekommen keine Zinsen, wenn sie einem Schuldner Geld leihen, sondern zahlen eine Gebühr dafür, dass der Schuldner ihr Geld verwahrt. Allein im Euro-Raum dürften nach Schätzungen von Bankern knapp die Hälfte aller staatlichen Anleihen und Geldmarktpapiere im Minus rentieren, in Deutschland sind es um die 80 Prozent.

Dennoch meinen Experten, dass die zehnjährige Bund-Rendite – auch wenn sie zunächst noch weiter fallen dürfte - nicht lange im negativen Bereich verharren wird. „Viele Investoren fragen sich wohl schon länger, ob es sich noch lohnt, Bundesanleihen zu kaufen“, meint Rainer Guntermann, Anleiheanalyst bei der Commerzbank.

Ein gutes Geschäft machen die Investoren nur, wenn die Bund-Rendite noch weiter fällt und ihr Kurs im Gegenzug steigt. Doch viel Spielraum gibt es da nicht. Selbst bei einem Fall der Rendite auf minus 0,2 Prozent entspräche das einem Kursgewinn von nur knapp zwei Prozent.

Auf der anderen Seite würden Investoren bei steigenden Renditen Kursverluste erleiden. Dass die Umkehr schnell gehen kann, zeigt der Blick ins vergangene Jahr. Am 17. April 2015 war die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe schon einmal auf bis zu 0,05 Prozent gefallen. Anfang März 2015 hatte die EZB ihr am 22. Januar angekündigtes Anleihekaufprogramm gestartet. Nach dem Tief stieg die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe aber innerhalb von weniger als drei Wochen auf 0,8 Prozent. Das entsprach einem Kursverlust von mehr als sechs Prozent. „Dabei gab es damals keinen ganz konkreten Auslöser für den Ausverkauf, fundamental hatte sich wenig geändert“, blickt Norman Rudschuck, Anleiheanalyst bei der NordLB, zurück. Bis zum 10. Juni stieg die Rendite sogar auf über ein Prozent.

Dass sich der Ausverkauf in diesem Maße wiederholen wird, glauben Experten allerdings nicht. „Im vergangenen Jahr war die Rally zunächst vor allem den EZB-Käufen geschuldet, und die Renditen waren zu schnell gefallen“, sagt Guntermann von der Commerzbank. Diesmal gibt es laut Analysten aber neben dem EZB-Kaufprogramm größere Sorgen um die Konjunktur und vor allem die Ängste vor einem Brexit.

Quelle:  Handelsblatt Online
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