Athen lässt Börsen beben: Ist der Griechenland-Börsencrash nur verschoben?

Athen lässt Börsen beben: Ist der Griechenland-Börsencrash nur verschoben?

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In Griechenland bleibt die Börse zu. Weltweit reagieren die Märkte mit Verlusten. Auch der DAX bricht am Morgen ein, erholt sich aber im Verlauf des Vormittags zumindest auf über 11.100 Punkte.

von Saskia Littmann

Die Börsen haben sich von ihrem Einbruch am Morgen etwas erholt, der vorläufige Crash hat sich zu mittleren Kursverlusten gemausert. Nun heißt es für Anleger abwarten. Dabei könnten sich Einstiegschancen ergeben.

Die Spannung am Wochenende war groß: wie würden die Börsen auf das sich zuspitzende Griechenland-Drama reagieren? Kommt der große Crash, oder wird es nur ein sanfter Sinkflug ein bis zwei Börsenetagen nach unten? Zunächst standen alle Uhren auf Crash. Die roten Felder auf den Computerbildschirmen der Börsenhändler blitzen in Sekundenschnelle auf.

An vielen europäischen Handelsplätzen hat das Drama um den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone die Kurse kräftig abrutschen lassen, teilweise so stark wie seit Jahren nicht mehr. Weil auch die Börsen in Asien deutlich einbrachen, war das Gewitter auf den Finanzmärkten vorerst perfekt. Dennoch wollen die meisten Analysten von einem nachhaltigen Crash nichts wissen, sie rechnen kurzfristig eher mit einer Crash-Pause. Warum?

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Schon im Verlauf des Tages erholten sich viele Börsen wieder, auch die Frankfurter. Kurz nach der Eröffnung war der Dax noch um mehr als vier Prozent in die Tiefe gerauscht, rund 500 Punkte gab der Leitindex nach.

Börsianer erlebten den größten Kursrutsch seit dreieinhalb Jahren. Schon im Verlauf des Vormittags pendelten sich die Verluste bei einem Minus von etwas mehr als drei Prozent ein, am Nachmittag waren es zeitweise auch nur noch etwas mehr als zwei Prozent. Der Dax konnte also einen großen Teil seiner anfänglichen Verluste wieder gutmachen. Gut möglich, dass einige Anleger die gesunkenen Kurse zum Kauf genutzt haben. "Wir sehen Marktturbulenzen als Einstiegschancen", sagt Asoka Wöhrmann, Chef-Anleger der Vermögensverwaltungstochter der Deutschen Bank.

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

  • Der Zusammenbruch

    Sollte Griechenland nicht bald zu einer stabilen politischen Ordnung zurückfinden, wäre eine Pleite des Staates spätestens im Sommer wohl unausweichlich. In einem solchen Fall würde wohl auch die EZB griechische Banken gemäß ihren Statuten nicht mehr als Geschäftspartner bei ihren Refinanzierungsgeschäften mit dem Banksektor akzeptieren können. Sie wären also nicht mehr refinanzierungsfähig und dürften auf den Bankrott zusteuern. Dies wäre das Ende eines griechischen Finanzsektors in der Euro-Zone - der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel wäre dann nicht mehr zu halten.

  • Der Übergang

    Am Beginn eines Übergangs müssten alleine schon wegen der nötigen technischen Umstellung von Millionen Konten, aber auch um eine Panik und lange Schlangen vor den Banken zu verhindern, die Institute des Landes für einige Tage - vermutlich gut eine Woche - geschlossen bleiben. Parallel würde der gesamte Kapitalverkehr mit dem Ausland für diesen Zeitraum zum Erliegen kommen. In dem Zeitfenster könnte dann die Währungsreform vorbereitet werden - ein banktechnisch und politisch komplizierter Prozess. Unter anderem müssten zahlreiche neue Gesetze erlassen werden. Die Hüter der neuen Währung, also die Notenbanker in Athen, müssten unter anderem eine neue Mindestreservequote und einen neuen Leitzins für ihre Banken beschließen. Zudem müssten sie Vorbereitungen für den so gut wie sicheren Fall treffen, dass die neue griechische Währung am Devisenmarkt massiv abwertet.

  • Die neue Währung

    Wahrscheinlich würde in Griechenland eine neue Währung in zwei Stufen eingeführt. Während sie auf Konten als Buchgeld mehr oder weniger per Knopfdruck umgestellt werden könnte, bräuchte die Bargeldeinführung mehr Zeit - schließlich müssten Münzen geprägt und Geldscheine gedruckt werden. Anschließend müsste das Geld im Land verteilt werden - eine logistische Herkulesaufgabe. In dieser Phase könnte der Euro weiterhin als Tauschmittel für den Alltag fungieren. Hier gibt es eine Art Vorbild: Das Balkanland Montenegro verwendet den Euro bereits einseitig als Zahlungsmittel im Bargeldverkehr, ohne dass es offiziell Mitglied der Euro-Zone ist.

  • Der Scherbenhaufen

    Nach der Währungsreform käme innerhalb des europäischen Systems der Zentralbanken das große Aufräumen. Hier rückt das Großbezahlsystem der Notenbanken, Target II, ins Zentrum. Die Zentralbank in Athen hat innerhalb des Systems Verbindlichkeiten gegenüber der EZB in Höhe von rund 100 Milliarden Euro. Hinzu kämen Forderungen der Euro-Notenbanken aus dem umstrittenen Kauf griechischer Staatsanleihen seit Mai 2010 - geschätzt zwischen 40 und 50 Milliarden Euro. Rechnet man diese Posten zusammen steht Athen alleine beim Eurosystem aus EZB, Bundesbank & Co. mit bis zu 150 Milliarden Euro in der Kreide. Auf die Bundesbank entfielen nach dem Kapitalschlüssel der EZB etwas mehr als ein Viertel, also etwa 40 Milliarden Euro. Möglich wäre nun, dass die Griechen das Geld über einen langen Zeitraum, eventuell viele Jahrzehnte, abzahlen. Auch eine Lastenteilung zwischen der Zentralbank in Athen, der EZB und den verbleibenden 16 Euro-Notenbanken ist denkbar. Im schlimmsten Fall, also wenn Griechenland nicht zahlen will oder kann, müsste die Bundesbank Abschreibungen vornehmen und/oder ihre Risikovorsorge erhöhen. Bundesbankgewinne und damit eine jährliche Entlastung des Bundeshaushalts wären dann für lange Zeit Geschichte. Dass diese Belastung der Bundesbank deutlich höher ausfiele als ihr derzeitiges Eigenkapital von fünf Milliarden Euro wäre kein Problem, da Notenbanken im Gegensatz zu normalen Instituten auch mit negativen Eigenkapital operieren können. Die Bundesbank selbst hat dies etwa in den 1970er-Jahren einige Jahre selbst praktiziert.

Entsprechend zwiegespalten ist die Stimmung an den Börsen. Viele Beobachter gehen weiter davon aus, dass es auch im Fall eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone nur zu einem kurzen Beben an den Börsen kommen wird. Auch der aktuelle Kursverlauf wird als Indiz dafür gesehen. "Ein Chaos sieht anders aus", sagt Anton Börner, Präsident des Handelsverbandes BGA. Er habe mit Rückgängen von rund 15 Prozent an den Börsen gerechnet. Auch Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) erwartet weiterhin keinen Crash an den Börsen, auch nicht im Fall eines Grexits. „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft intakt“, sagte Tüngler. Der Rückschlag werde nicht von Dauer sein.

Die Mehrheit geht davon aus, dass die fundamentalen Folgen eines Austritts Griechenlands beherrschbar für die Wirtschaft wären. "Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland, aber für Deutschland spielt das keine Rolle", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Allerdings gibt es auch etwas vorsichtigere Stimmen. "Man muss abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen", sagt Johannes Mayr, Ökonom bei der BayernLB.

Börse Aktien gegen das Griechenland-Drama

Der Schuldenstreit mit Griechenland bewegt die Anleger, die Kurskapriolen machen die Börse schwer prognostizierbar. Doch wichtiger sind Zins, Notenbanken und Konjunktur. Aktien solider Unternehmen bieten noch Chancen.

Hausse mit Scheuklappen durch die Griechenland-Krise Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

"So nah am Grexit waren wir noch nie", räumt auch NordLB-Analyst Bernd Krampen ein. In der Form sei das nicht eingepreist gewesen. Für die nächsten Tage rechnet Krampen allerdings nicht mehr mit vergleichbaren Rücksetzern. "Vieles deutet darauf hin, dass die endgültige Entscheidung erst nach dem nächsten Wochenende fällt", sagt Krampen. Auch wenn am Dienstag die Frist für den Hellas-Kredit beim Internationalen Währungsfonds (IWF) abläuft, dürften Börsianer also relativ ruhig bleiben.

Das liegt auch daran, dass mit den Kapitalverkehrskontrollen endlich die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen eingeführt wurden. Griechen bekommen am Geldautomaten nur noch 60 Euro pro Tag, Banken und Börsen sind geschlossen und öffnen erst am kommenden Montag wieder. Sollte es noch zu einem richtigen Marktbeben kommen, droht das ebenfalls am Montag, wenn die Märkte möglicherweise mit dem Ergebnis des Referendums umgehen müssen. Zuvor wird es darum gehen, wie viele Fakten über das geplante Referendum vorab durchsickern. Wie sieht die Entscheidung konkret aus, welche Frage wird den Griechen gestellt, welche Antwortmöglichkeiten gibt es.

Vorerst dürfte also weiterhin die Unsicherheit die Oberhand an den Märkten haben. Da das Gift für die Börsen ist, hat die Berliner Wohnungsfirma ADO Properties ihren eigentlich für Dienstag geplanten Börsengang vorerst auf Eis gelegt. "Bis auf weiteres" sei die Emission verschoben, so das Unternehmen. Ein Börsengang in einem so unsicheren Kursumfeld ist riskant und nicht unbedingt erfolgversprechend.

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