Bitcoins bitte!: Die Zukunft des Geldes hat begonnen

Bitcoins bitte!: Die Zukunft des Geldes hat begonnen

, aktualisiert 10. September 2017, 12:48 Uhr
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Eins ist klar: Die Finanzbranche wird umgebaut.

von Felix HoltermannQuelle:Handelsblatt Online

Ja was denn nun: Macht der Bitcoin die Banken überflüssig – oder ist er nur ein neuer Spielchip im globalen Finanzcasino? Keins von beidem. Unser Verständnis der Kryptowährung basiert auf einem Denkfehler. Ein Essay.

Woher das Geld kommt ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da. (Kurt Tucholsky, 1931)

Mit dem Wesen des Geldes ist das so eine Sache. Über wenige Themen haben Ökonomen so viele Bücher geschrieben und so heftig gestritten. Mit den Kryptowährungen ist die Debatte erneut entbrannt, der Ausgang ist offen. Schon über die Frage, was Bitcoin und Co. im Kern sind, herrscht keine Einigkeit. Und wie wir mit ihnen umgehen sollten, ist noch umstrittener.

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Aristoteles sah es als Rohstoff des Handels: „Das Geld ist um des Tausches Willen erfunden worden.” Für Karl Marx war Geld „ein gesellschaftliches Verhältnis”. Es repräsentiere die Arbeitsleistung, die in einer Ware stecke. Milton Friedman hielt dagegen, Geld sei eben keine Konstante, die in Arbeitsstunden ausgedrückt werden könne. „Der Tauschwert hängt vielmehr von Vorlieben, Neigungen und relativen Mengen ab.” Und Mathias Binswanger schrieb knapp: „Geld ist eine Fiktion.”

Mit den Kryptowährungen ist die Debatte erneut entbrannt, der Ausgang ist offen. Schon über die Frage, was Bitcoin und Co. im Kern sind, herrscht keine Einigkeit. Und wie wir mit ihnen umgehen sollten, ist noch umstrittener. Heute stehen sich zwei Extrempositionen unversöhnlich gegenüber.

Auf der einen, mächtigeren Seite sammeln sich die Kritiker: Für sie sind die digitalen Münzen schlicht Werkzeuge des Verbrechens aus den dunklen Ecken des Internets, oder, im besten Fall, eine neue Zockeranlage am Spieltisch der Finanzmärkte. Auf der anderen Seite stehen die Anhänger: Für sie eröffnet der Bitcoin jedem Bürger den Zugang zu den Zahlungsströmen der Welt, ebnen die Kryptowährungen den Weg zu einem demokratischeren Geldsystem ohne gierige Banker und gestrige Aufseher.

Welche Seite hat nun Recht? Im Zweifel keine. Tatsächlich sehen Kritiker wie Befürworter im Aufstieg des Bitcoins zuvorderst die eigenen Ängste und Sehnsüchte bestätigt. Das Wesen der Währung aber haben sie kaum erfasst.

Gangster und Zocker

Bis vor kurzem war vom Bitcoin nur im Zusammenhang mit schmutzigen Geschäften die Rede. Er ist demnach die bevorzugte Währung von Kriminellen, die damit schnell, anonym und unkontrolliert Drogen, Waffen und Schlimmeres bezahlen. Höchste Zeit also, dass der Staat eingreift und den Bitcoin am besten gleich ganz verbietet, so eine populäre Forderung.

Leider ist hier schon die Diagnose falsch. Laut Europol ist das beliebteste Werkzeug für dunkle Geschäfte noch immer ziemlich real – die Rede ist vom Bargeld. Bevorzugt greifen Kriminelle demnach zur 100-Dollar- und 500-Euro-Note. Der Befund der europäischen Polizeibehörde überrascht nicht: Verbrecher haben schon immer Mittel und Wege gefunden, ihre Geschäfte abzuwickeln. Wenn nicht mit Scheinen und Bitcoins, dann wird eben mit Diamanten oder iPhones bezahlt. Kryptogeld zu bekämpfen, um den Schwarzmarkt auszutrocknen, ist in etwa so effektiv, wie einen Beinbruch mit Aspirin zu behandeln.

Neben dem Missbrauch des Bitcoins durch Kriminelle ruft in den Augen der Kritiker das Zocken durch Privatanleger nach einer ordnenden Hand. Schließlich weckt eine Währung, die binnen acht Monaten um 800 Prozent an Wert gewinnt, tatsächlich Misstrauen. Der Vergleich mit früheren Spekulationsblasen drängt sich auf, von der Internetbubble bis zur Tulpenmanie. Doch welche Hand sollte die Privatanleger vor der eigenen Gier schützen? Keine andere als die des Staates, seiner Aufsichtsbehörden und Notenbank.


Eine österreichische Idee

Was vernünftig klingt, eine staatliche Aufsicht, ist für die Anhänger der Kryptowährungen vor allem eines: Teufelszeug. Ihre Vorstellung ist im Kern anarcho-libertär: Der Bitcoin löst demnach das heutige Geldsystem ab, bricht die Macht der Banken. Jeder Bürger nimmt an den globalen Finanzströmen teil; ohne Vermittler jagen Transaktionen blitzschnell und fast kostenlos um den Erdball. Ob dabei Bitcoins Verwendung findet, Ethereum oder eine andere Digitalwährung, ist zweitrangig. Klar ist nur: Die klassischen Notenbanken sind verhasst, ihr Geld wird als „Weichwährungen“ geschmäht. Selbst große Verwerfungen – gehackte Börsen, durch Kursstürze ruinierte Privatanleger – werden von den Anhängern akzeptiert, um den Staat aus dem Markt herauszuhalten.

Der Ansatz ist unerbittlich, aber nicht neu. Man sollte seinen geistigen Vater kennen: Friedrich August von Hayek. Der Ökonom kann als Vordenker der Krypto-Visionäre gelten. Bereits 1976 plädiert Hayek für eine „Entnationalisierung des Geldes“, für eine Geldschöpfung außerhalb der Notenbanken. Hayek misstraut den Regierungen, sieht die Versuchung, das Geldausgabe-Monopol durch Währungsentwertung zu missbrauchen, etwa, um staatliche Ausgabenprogramme zu finanzieren. Der Österreicher sieht in den westlichen Marktwirtschaften eine chronische Niedrigzinspolitik am Werk, die immer gewaltigere Kredit- und Geldmengen auftürmt. Hayeks Rezept gegen die Krise: In Zukunft sollen Banken eigene, private Währungen herausgeben. Im freien Spiel des Marktes setzen sich dann die „guten Währungen“ gegen „schlechten“ durch, kehrt die Deckung durch Edelmetalle zurück, so die Hoffnung.

Ausprobiert wurde Hayeks Idee nie, was auch an zögerlichen Banken liegt, wie der Nobelpreisträger beklagte. Der Bitcoin geht einen Schritt weiter – und eliminiert die störrischen, aber wichtigen Banken gleich ganz. Über die Geldpolitik herrscht nun die Macht des Algorithmus. Und das bringt neue Probleme mit sich.

„Digitales Gold“

Da die Kryptowährungen nicht an ein Edelmetall gekoppelt sind, wie die „guten Währungen“ in Hayeks Theorie (und natürlich auch keine Zentralbank über die Geldmenge wacht), müssen sie mit einem anderen Mechanismus Inflation verhindern. Mittel der Wahl ist meist eine absolute, im Algorithmus verankerte Obergrenze. Beim Bitcoin liegt sie bei 21 Millionen Stück, die früher oder später erreicht werden. Die digitale Geldmenge hält damit auf Dauer nicht mit dem Wirtschaftswachstum schritt. Der Bitcoin wird seltener und damit tendenziell wertvoller.

Die wichtigste Folge der Zwangsverknappung: Das Wesen des Bitcoins verändert sich über die Zeit. Die Kryptowährung wird von Jahr zu Jahr immer mehr zum Rohstoff, statt zu echtem Geld. Viele Anhänger begrüßen das sogar, rufen den Bitcoin schon zum „Gold des digitalen Zeitalters“ aus. Das klingt schmeichelhaft, da facto verabschiedet sich die Bitcoin-Gemeinschaft damit aber von der Vision eines alternativen Geldsystems. Der Aufbau einer Währung mit einer atmenden, variablen Geldmenge und halbwegs stabilen Preisen – ohne Zentralbank erscheint das auch 41 Jahre nach Hayek immer noch nicht denkbar.

Der Bitcoin wird daher weder die Finanzinstitute überflüssig machen, noch die Macht der Notenbanken brechen. Euro, Dollar und Yuan wird er so lange nicht ablösen, wie die Zentralbanken ihre Hauptaufgabe, für halbwegs stabile Preise zu sorgen, erfüllen.


Alte Probleme – Neue Freiheit

Haben also die Kritiker Recht, ist der Bitcoin eine Totgeburt? Mitnichten. Dafür ist seine Grundidee zu gut, sind sein Algorithmus und seine Datenbank-Technik zu ausgereift. Wahrscheinlicher ist, dass dem Bitcoin schon bald eine wichtige Reservefunktion im Finanzsystem zufällt – als „sicherer Hafen“ für turbulente Tage und als theoretisches Notgeld für den Fall X.

Dem Klassiker Gold wäre er dann überlegen: Um Bitcoins zu kaufen und in der Blockchain sicher zu lagern, genügt ein Internetanschluss. Und sollte die Bargeldversorgung einmal stocken, lässt sich kaum mit Goldbarren bezahlen – mit dem Bruchteil eines Bitcoins (zumindest in der Theorie) aber schon.

Da der Bitcoin aufgrund seines fälschungssicheren Transaktionssystems Zahlungen in beliebiger Größe abwickeln kann, kann er in begrenztem Umfang eine Geldfunktion übernehmen. Diese nichtstaatliche Konkurrenz auf dem Markt für Tauschmittel ist, frei nach Hayek, heilsam: Zentralbanken werden sich in Zukunft zweimal überlegen, mit welchem Negativzins sie die Anleger belasten können. Alle Gedankenspiele, die staatliche Handlungsfreiheit auf Kosten der Anleger auszudehnen (bis hin zur Bargeld-Abschaffung) stehen bald unter Krypto-Vorbehalt.

Tatsächlich ähnelt der Bitcoin weniger dem Rohstoff Gold, als einem weiteren Anlageklassiker: dem Kaurigeld. Die kleinen Gehäuse der tropischen Meeresschnecken sind selten, fälschungssicher, leicht zu transferieren und aufzubewahren. In manchen Erdteilen wurde mit ihnen über 4000 Jahre bezahlt, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Dass auch der Bitcoin so lange populär bleibt, ist zu bezweifeln. Dass er rasch wieder verschwindet, ebenso. Noch sind Kryptowährungen nicht mehr – aber auch nicht weniger – als ein Anlage-Experiment, ein Testlauf für mehr Freiheit. Hayek hätte das gefallen.

Die Serie

Banken zittern, Spekulanten jubeln: Aber was steckt wirklich hinter Bitcoin, Ethereum und Co.? In einer Serie behandeln wir die Welt der Digitalwährungen. Bisher erschienen:

Teil 1: Der Selbstversuch: Warum Bitcoins so verlockend sind
Teil 2: Welche Währung, welche Börse? So klappt der Einstieg
Teil 3: Mehr als ein Zockergeld: Wie das Bezahlen mit Bitcoins funktioniert
Teil 4: Sparen in der digitalen Zukunft: In Bitcoins investieren
Teil 5: Gemeinsam in die Blockchain: Die drei großen Allianzen
Teil 6: Streit in der Gemeinschaft: Wie China den Bitcoin zerstören könnte
Teil 7: Von Japan in die Welt: Die Geschichte des Bitcoin
Teil 8: Mehr als virtuelle Münzen: Ethereums Griff nach der Vorherrschaft
Teil 9: Bitcoin und Moral: Ein philosophischer Blick auf den Krypto-Hype
Teil 10: Digitalwährungen als Rohstoffe: Die Vision des Bitpay-Chefs
Teil 11: Finanzbranche und Bitcoin: Die Folgen für Banken und Banker
Teil 12: Das zweifelhafte Business der Krypto-Börsengänge

Ende der Serie

Quelle:  Handelsblatt Online
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