Börse: Aktien gegen das Griechenland-Drama

Börse: Aktien gegen das Griechenland-Drama

von Niklas Hoyer und Stefan Hajek

Der Schuldenstreit mit Griechenland bewegt die Anleger, die Kurskapriolen machen die Börse schwer prognostizierbar. Doch wichtiger sind Zins, Notenbanken und Konjunktur. Aktien solider Unternehmen bieten noch Chancen.

Eigentlich wollte Franz M., der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, einen sechsstelligen Betrag "für mehrere Jahre" investieren - gestreut in Aktien, Anleihen und Gold, "so, wie man es immer empfiehlt". Doch als der Pensionär aus Schwaben darangeht, den Plan in die Tat umzusetzen, überkommen ihn Zweifel: "Jetzt steht die Entscheidung in Griechenland an, sollte ich nicht lieber abwarten?"

Das Zögern ist verständlich. Jede Griechenland-Meldung schickt die Börsen zurzeit auf die Achterbahn. Am 11. Juni läuft um 16.30 Uhr über die Nachrichtenticker, dass der IWF sein Verhandlungsteam aus Athen abgezogen habe; in nur drei Minuten verliert der Dax 130 Punkte. Am vergangenen Montag dann reagiert die Börse noch euphorisch auf die von Premier Alexis Tsipras vorgelegten Reformvorschläge - obwohl die vage sind: In nur einer Stunde legt der Dax 350 Punkte zu. Und an diesem Montag dann verliert der Dax zu Beginn so stark wie seit 2011 nicht mehr, steht vorübergehend knapp 530 Punkte im Minus, nachdem die Verhandlungen am Wochenende gescheitert sind. Endgültig? Vorerst? Wer weiß das derzeit schon so genau. Eins ist klar: Das griechische Drama schreckt Anleger, der Dax verlor zwischenzeitlich 15 Prozent vom Hoch bei 12.375 Punkten, die stärkste Korrektur seit mehr als vier Jahren.

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Noch ist "Korrektur" die vorherrschende Beschreibung für die Verluste. Das K-Wort impliziert, dass es nach der Schrecksekunde wieder aufwärts geht, der seit März 2009 laufende Aufwärtstrend fortbesteht und Anleger weiter Aktien kaufen können.

Können sie? Einerseits muss man kein Pessimist sein, um Warnsignale auszumachen: Aktien sind teuer, und die aktuelle Hausse gehört zu den längsten aller Zeiten. Andererseits begleiten Crash-Sorgen die Anleger schon seit sechs Jahren: Euro-Krise, Haushaltsstreit um die US-Schuldenobergrenze, Ukraine-Krise, Atomunfall in Fukushima, drohende Zypern-Staatspleite – immer wieder wurde das Ende der Hausse ausgerufen, Und der Dax? Hat sich verdreifacht.

Anleger müssen mit Unsicherheit leben. Auf die nächste wichtige Entscheidung in der Euro-Staatsschuldenkrise wird eine noch wichtigere folgen, auf die nächste finale Frist für die Griechen die nächste, noch finalere. Wer sein Depot nach Krisennachrichten auszurichten sucht, wird scheitern. Auf Aktien verzichten sollte niemand. Papiere von Unternehmen mit stabilen, zur Not auch ohne den Euro in seiner heutigen Form funktionierenden Geschäftsmodellen, gehören in jedes Depot.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

  • Problem Euro

    Seit Wochen betonen die Euro-Partner, dass die Ansteckungsgefahr nach einem Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone eher gering wäre. Zum einen wird darauf verwiesen, dass sich heute fast alle griechischen Schulden bis auf 40 bis 50 Milliarden Euro in der öffentlichen Hand befinden - eine Kettenreaktion kollabierender Banken also nicht zu befürchten sei. Zum anderen hätten sich Gläubiger seit langem auf mögliche Probleme eingestellt und ihre griechischen Geschäfte reduziert.

    Alles falsch, meint Schulz und verweist darauf, dass die Risikoaufschläge etwa für spanische Staatsanleihen in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen seien. Kommt ein Staatsbankrott, würde der möglicherweise einen Schuldenschnitt nach sich ziehen - mit erheblichen Belastungen für die klammen Haushalte etwa der südlichen EU-Staaten, aber auch Frankreichs.

    Außerdem könnte das Vertrauen in den Euro als Währung weltweit Schaden nehmen, wenn eines der 19 Mitglieder ausbreche, heißt es in der Bundesregierung. Dabei spiele keine große Rolle, dass Griechenland weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Währungszone beisteuere. Denn die angebliche Unumkehrbarkeit der Euro-Einführung wäre widerlegt.

  • Problem Großbritannien

    In Berlin fürchtet man aber auch, dass ein Kollaps Griechenlands den Befürwortern eines britischen Austritts aus der EU Auftrieb geben könnte. Europa droht also an seinen Rändern zu zerfasern. Der Grund ist einfach: Die EU wäre nach einem Ausstieg Athens wahrscheinlich in einem so desolaten Zustand und müsste so viel kurzatmige Rettungsaktionen für Griechenland starten, dass die Gemeinschaft auf britische Wähler kaum noch attraktiv wirken dürfte. Möglicherweise würden zudem mehr Griechen das eigene Land auch Richtung Großbritannien verlassen wollen. Die Briten schimpfen aber bereits jetzt über zu viele Migranten aus anderen EU-Ländern - dies ist einer der Kritikpunkte der EU-Gegner auf der Insel.

  • Problem Russland

    Griechenland ist nicht nur ein angeschlagener Euro-Staat, sondern auch ein schwieriger EU-Partner. Mit seiner Linksaußen- Rechtsaußen-Regierung betonte Ministerpräsident Alexis Tsipras politische Nähe zum Kreml und hat sich mehrfach mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. In der EU gibt man sich zwar gelassen, dass Russland nicht als alternativer Geldgeber gegen die EU ausgespielt werden kann - dafür sind die nötigen Hilfssummen viel zu groß. Auch die Träume des Links-Politikers, dass Griechenland Verteilland für russisches Gas in der EU werden könnte, dürften sich angesichts des Vorgehens der EU-Kommission gegen den russischen Gasriesen Gazprom zerschlagen. Aber Putin hat nach Ansicht von EU-Diplomaten durchaus schon bewiesen, dass er Differenzen zwischen EU-Staaten ausnutzen kann. Bei der Verlängerung von EU-Sanktionen gegen Russland braucht es etwa auch die Zustimmung Griechenlands.

  • Problem Balkan

    In Berlin sorgt man sich zunehmend, dass die gesamte Balkan-Region ohnehin sehr instabil werden kann. Immer noch gärt der Namensstreit zwischen Griechenland mit dem EU-Beitrittsaspiranten Mazedonien - in dem ein heftiger innenpolitischer Machtkampf tobt. Und Geheimdienste warnen, dass die radikalislamische Miliz Islamischer Staat (IS) in den vergangenen Monaten massiv versucht hat, in den moslemischen Bevölkerungen Bosnien-Herzegowinas, Albaniens oder Mazedoniens Fuß zu fassen. Ein zusammenbrechender Nachbarstaat Griechenland würde die Unruhe in der Region noch verstärken.

  • Problem Flüchtlinge

    Kaum diskutiert worden ist die Rolle Griechenlands bei der Abwehr eines unkontrollierten Zuzugs von Flüchtlingen in die EU. In den vergangenen Jahren hat der bessere Schutz der griechisch-türkischen Grenze Flüchtlingen aus dem Nahen Osten die Einwanderung in die EU zumindest zum Teil erschwert. Die linke Syriza-Partei könnte im Falle eines Staatsbankrotts die Schleusen für afrikanische oder syrische Flüchtlinge aufmachen. Entsprechende Drohungen waren aus Athen bereits zu hören. Denn seit Jahresbeginn seien bereits 46.000 Flüchtlinge nach Griechenland gekommen, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit. 2014 waren es im selben Zeitraum nur 34.000 Personen. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer Flüchtlingskatastrophe in Griechenland.

    EU-Kommissar Günther Oettinger forderte die Brüsseler Behörde auch deshalb auf, einen "Plan B" zu erarbeiten. Dabei soll Hilfe für das Land für den Fall eines Bankrotts vorbereitet werden. Neben humanitärer Hilfe gehe es um die Frage, wie man eigentlich die Sicherheit in dem EU-Land noch gewährleisten will, wenn die Regierung den Polizisten keine Löhne mehr zahlen kann.

Wie gefährlich wäre der Grexit?

Die Kurskapriolen an der Börse sind mit Blick auf Griechenlands Bedeutung überzogen: Die Wirtschaft des Landes macht nur 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union (EU) aus. Auch die direkten Folgen des Ausscheidens des Landes aus dem Euro (Grexit) wären beherrschbar: Hinter den Staatsschulden von 315 Milliarden Euro stehen fast nur noch öffentliche Gläubiger, 40 Prozent hält allein die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF).

Für die Steuerzahler in den EU-Ländern würde es teuer. Doch dass eine griechische Staatspleite europaweit Gläubigerbanken in die Pleite reißt und die Konjunktur einbrechen lässt – das Schreckgespenst von 2010 und 2012 –, steht kaum noch zu befürchten. „Diese Gefahr ist sehr viel kleiner geworden“, meint Rainer Krämer von der Investmentbank Nomura.

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