Börse: Draghis Bluff fliegt auf

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Börse: Draghis Bluff fliegt auf

von Frank Doll

Der Wind hat gedreht. Die Finanzmärkte bewerten die Aussichten für die Weltwirtschaft neu, das Vertrauen in die Allmacht der EZB schwindet. Die nächste Systemkrise geht von Europa aus.

Die Finanzmärkte gelten als die Seismographen für die Weltwirtschaft. So gesehen müsste der freie Fall der Renditen zehnjähriger Bundesanleihen auf zuletzt 0,72 Prozent eine Depression vorwegnehmen - nicht nur in der Eurozone. Die massive Fluchtbewegung in Qualität erinnert an die Bankenkrise 2008. Auch damals fürchteten Anleger, die Weltwirtschaft könnte in eine Depression stürzen. Der jüngste Einbruch des Ölpreises der Sorte Brent auf unter 84 Dollar pro Fass verstärkt diese Befürchtungen.

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Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Während 2008 vor allem US-Finanzhäuser das globale Finanzsystem an den Rand des Abgrunds führten, könnte die nächste Systemkrise von Europa ausgehen - von seinen Schuldenstaaten und Banken. Mit den jüngsten Kursabstürzen europäischer Bankaktien und den Bewegungen an den Anleihenmärkten sind die Anzeichen nicht mehr zu übersehen. Bundesanleihen sind der einzige noch verbliebene sichere Hafen in der Eurozone, deutsche Aktien aber schon nicht mehr. Die internationalen Anleger fangen an, sich aus dem Euro-Raum zu verabschieden. 

Naiver Glauben an beherrschbare Schulden
Zwei Jahre lang haben die Investoren die europäischen Politiker in ihrem Glauben bestärkt, dass die Eurokrise vorbei oder zumindest beherrschbar sei. Das war naiv. Italien und Frankreich stecken trotz historisch tiefer Zinsen in der Schuldenfalle und Griechenland war noch nie so pleite wie heute. Das reflektieren seit einigen Tagen auch wieder die Renditen. Innerhalb von drei Handelstagen zogen etwa die Renditen für zehnjährige griechische Staatsanleihen zwischenzeitlich von 6,6 auf rund 9,0 Prozent an. Die Renditeaufschläge gegenüber deutschen Staatsanleihen, das Krisenbarometer für die Eurozone, weiten sich wieder flächendeckend aus.

Die griechische Staatsschuldenkrise steht wieder ganz oben auf der Tagesordnung und droht den Rest der Eurozone erneut anzustecken - auch große Länder wie Frankreich. Der Renditeaufschlag französischer gegenüber deutschen Staatsanleihen weitete sich Mitte vergangener Woche markant aus. Anders als 2011/2012 sieht es jetzt so aus, als könnten französische Staatsanleihen wegen der sinkenden Kreditwürdigkeit des Landes nicht mehr von der Flucht in die Sicherheit profitieren.

Frankreich gehört nach Jahren schrumpfender Industrieproduktion, steigender Arbeitslosigkeit und steigender Staatsverschuldung nicht mehr zum wirtschaftlich gesunden Kern von Europa. Im Gegensatz zu Griechenland ist Frankreich aber zu groß, um von Deutschland und den anderen europäischen Partnern gerettet werden zu können. Schon die bisherigen Rettungsversuche für das vergleichsweise kleine Griechenlands haben allein 240 Milliarden Euro verschlungen.      

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