
Der Rückruf kommt 30 Sekunden, nachdem ich die SMS abgeschickt habe. Er habe da was ganz Tolles, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung: ein Goldunternehmen, mit vier Minen, Rio Tinto werde es bald übernehmen. Dann gibt er genaue Anweisungen: „Gehen Sie in Ihr Online-Depot“, sagt er. Ich soll die Wertpapierkennnummer A1H65K eingeben. „Die Aktie liegt bei 45 Cent. Bei Stückzahl machen wir mal einfach 3.000, das sind nicht mal 1.500 Euro. Und dann beim Limit Billigst.“ Warum Billigst, also zu jedem Preis? „Damit wir direkt in den Markt kommen. Und jetzt: Ausführen.“
Ich hatte ihm zuvor per SMS geschrieben, dass ich 30.000 Euro mit hochriskanten Penny-Stocks verloren hätte. Und dass ich gehört hätte, dass die Börse einen Rettungsfonds für Anleger aufgelegt habe, damit die ihr Geld wieder bekommen.
Kuriose Börsenpannen
Vertippt und verkauft
Ein Aktienhändler der UBS handelte durch Eingabe zu vieler Nullen im Januar 1999 innerhalb von zwei Minuten zehn Millionen Aktien der Pharmafirma Roche, von den aber überhaupt nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte. Den Verkauf versuchte er durch eigene Kauforders rückgängig zu machen. 2001 verkaufte ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers aus Versehen immer hundertmal mehr Aktien als er wollte – vor allem von Schwergewichten wie AstraZeneca und BP – und vernichtete so zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.
100 Millionen für Verdreher
Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen gleich 610.000 Aktien zu 6 Yen an. Schnell verkaufte die UBS so 64.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor so 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien selbst zum Marktpreis kaufen musste, um die Käufer mit den Papieren zu versorgen.
Milliarden statt Millionen
Ein Händler von Bear Stearns verkaufte im Oktober 2002 Aktien für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert vom 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Der Leitindex Dow Jones sank dadurch um 2,3 Prozent.
Hochfrequenzhandel als Fallbeil der Börse
Der Hochfrequenzhandel war für den "Flash Crash" an der Wall Street verantwortlich, als sich im Mai 2010 durch einen blitzartigen Kurseinbruch aus heiterem Himmel binnen Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auflöste. Einige Aktien verloren in der kurzen Zeitspanne rund die Hälfte ihres Wertes. Schon davor hatte es Kritik gegeben an den immer schnelleren Börsengeschäften über Computersysteme. Beim sogenannten Hochfrequenzhandel werden tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst.
Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup
Ende Juni 2010 fielen die Aktien der Citigroup nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um17 Prozent. Da die US-Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash im Mai zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, sofern diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent fallen oder steigen, stoppte diese Sicherungssystem den Kursrutsch. Fünf Minuten stoppte der Handel, dann beruhigte sich die Lage. Den Handelstag beendete die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.
Börsenplattform BATS plattgemacht
Noch vor Facebook gab es einen weiteren verpatzten Börsengang: Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets Ende März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die Aktien sollten auf der eigenen Handelsplattform ihr Börsendebüt feiern, aber die neuen BATS-Aktien sackten binnen Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Als Schuldige wurde eine neue Software ausgemacht. BATS musste falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm die eigenen Aktien nach dem peinlichen Vorfall gleich mit von der Börse.
Das Facebook-Desaster
Als das 900 Millionen Nutzer starke Social-Media-Portal im Mai 2012 den Sprung an die Börse wagte, bekam die Erfolgsstory deutliche Risse. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten hohe Millionen-Verluste, etliche fordern von der Nasdaq Schadenersatz. Die Schweizer Großbank UBS, die beim Facebook-Börsengang 349 Millionen Franken (290 Millionen Euro) verlor, drohte bereits mit einer Klage gegen die Börse.
Knight Capital sorgt für Börsenchaos
Am 31. Juli 2012 versetzte eine fehlerhafte Handelssoftware versetzte Wertpapierhändler und Anleger an der Wall Street in Aufruhr: In den ersten 45 Minuten des Handelstages verzeichneten rund 150 Aktientitel so hohe Umsätze wie sonst an einem ganzen Tag. Die Folge waren heftige Preisschwankungen, und fünf Aktien mussten sogar ganz aus dem Handel genommen werden. Das Börsenhandelshaus Knight Capital räumte ein, Probleme mit seinen computergestützten Systemen seien dafür verantwortlich. Ein neues Handelsprogramm hatte die Börse mit fehlerhaften Handelsaufträgen geflutet. Knight Capital verbuchte durch die viel zu teuer gekauften Aktien einen Verlust von rund 440 Millionen Dollar.
Computerfehler beflügelt Kraft-Aktie
Kurz nach dem Handelsstart an der Technologiebörse Nasdaq schossen die Aktien des Lebensmittelherstellers Kraft Foods binnen einer Minute um satte 30 Prozent nach oben, von 45 auf mehr als 58 Dollar. Die Nasdaq verneinte Probleme mit ihrer Handelsplattform und machte einen Börsenmakler als Verursacher aus. Laut "Financial Times" hatte ein Handelsprogramm irrtümlich versucht, 30.000 Kraft-Aktien binnen kürzester Zeit zu ordern. Die Nasdaq und andere betroffene Börsen erklärten nach einer Untersuchung der Kursbewegungen die fragwürdigen Transaktionen oberhalb eines Kurses von 47,82 Dollar für ungültig. Der Fehler ereignete sich nur einen Tag, nachdem Kraft Foods sich aufgespalten und sein Geschäft mit Snacks außerhalb der USA unter dem Namen Mondelez International als eigenständige Aktie an die Nasdaq gebracht hatte.
Ein Anleger, der viel Geld mit Betrüger-Aktien versenkt hatte, hatte mir die Nummer von Anton K. zugesteckt, eine 0162-Mobilnummer. Anton K. hatte ihn zuvor angerufen und ihm Schadensersatz versprochen.
Doch bei mir geht Herr K. tagelang nicht an sein Handy. Also bekommt er eine SMS. Jetzt klappt die Kontaktaufnahme. Der Rückruf, diesmal von einer Frankfurter Festnetznummer, kommt umgehend.
Schnell, schnell!

Ein freundlicher Herr mit südosteuropäischem Akzent stellt sich als Michael B. vor, die „Vertretung von Herrn K.“. Der Retter kommt gleich zur Sache: Damit er mich in seine Kundendatei aufnehmen könne, benötige er unbedingt meinen Depotauszug. Der solle auf dem schnellsten Weg bei seiner privaten Mail-Adresse von Freenet landen. Darüber hinaus müsse ich – schnell, schnell – Aktien kaufen, sonst könne er mich nicht „in die Datei“ aufnehmen.
Ich habe vorgegeben, Geld im First Quotation Board verloren zu haben. Hier nahm die Deutsche Börse Unternehmen auf, die sonst nirgendwo notiert waren – ohne viele lästige Vorschriften und ohne bürokratischen Aufwand. Das nutzten Betrüger jahrelang aus. Sie brachten wertlose Aktien an die Börse, vor allem Energie- und Goldwerte. Hinter vielen Papieren stehen organisierte Banden, die Börsentipps über Spam-Faxe oder Telefon verbreiten und Aktien an naive Anleger abdrücken. Mehr als 300 Aktien notieren noch im Board. Bei rund einem Drittel dürfte schon manipuliert worden sein. Die Börse will das Board deshalb im Dezember endlich dichtmachen.
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