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Börsenängste: Wann kommt der große Crash?

Quelle: Handelsblatt Online

Großinvestoren fürchten den nächsten Börsenabsturz, vergleichbar mit der Lehman-Pleite 2008. Bereits in den kommenden Monaten wird es krachen, glauben sie. Und versuchen, sich strategisch ganz neu aufzustellen.

Dunkle Wolken über den Hochhäusern der Banken in Frankfurt am Main. Der nächste Absturz kommt bestimmt, meinen Großinvestoren. Quelle: dpa
Dunkle Wolken über den Hochhäusern der Banken in Frankfurt am Main. Der nächste Absturz kommt bestimmt, meinen Großinvestoren. Quelle: dpa

London, DüsseldorfEin wenig unheimlich ist sie schon, die Rally: Seit Wochen klettern an den großen Börsenplätzen dieser Welt die Aktienkurse. In Frankfurt, in London, an der New Yorker Wall Street oder in Tokio. Der Dax notiert deutlich oberhalb der Marke von 7.000 Punkten; der altehrwürdige Dow Jones Index hat die Hürde von 13.000 Zählern längst überschritten. Dabei warnen Volkswirte, dass der Weltwirtschaft die nächste Rezession drohe. Und die Euro-Krise noch lange nicht ausgestanden sei. Eigentlich müssten die Aktienkurse fallen, nicht steigen. Jim Rogers, der weltbekannte Rohstoffspekulant empfiehlt vorsorglich, sich einen Bauernhof in Asien zu kaufen.

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Vielen Großinvestoren ist deshalb ein wenig mulmig zumute. Irgendetwas stimmt nicht mit dieser Rally. Die Gründe für den wundersamen Kursanstieg sind zwar bekannt: billiges Geld und die Angst der Investoren vor Inflation. Allerdings weiß niemand so recht, ob die laxe Geldpolitik der Währungshüter erfolgreich sein wird. Ob die Weltkonjunktur wieder anspringt und die Eurokrise sich irgendwann verflüchtigen wird.

Viele institutionelle Investoren gehen deshalb davon aus, dass der schöne Schein trügt. Dass es nochmal krachen wird an den Börsen - und zwar so richtig. So fürchten mehr als zwei Drittel der Großanleger, dass in den kommenden zwölf Monaten eine Katastrophe vom Ausmaß der Lehman-Pleite die Märkte erschüttert.

Rund 71 Prozent der Anleger hält ein solches Extremszenario für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich. Das Dumme daran: Nur ein geringer Teil der Investoren glaubt, er sei gut genug gegen ein solches Beben an den Märkten abgesichert. Viele würde ein neuerlicher Börsencrash hart treffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage des Vermögensverwalters State Street.

Dabei hat das Management von Extremereignissen spätestens mit der Finanzmarktkrise an Bedeutung gewonnen. "Tail Risks" nennen die Angelsachsen Ereignisse dieser Art; sie treten selten auf, entfalten aber eine extrem zerstörerische Wirkung. Die Lehman-Pleite war ein solcher Fall. Billionen Dollar wurden nach dem Zusammenbruch der einst so stolzen Investment-Bank rund um den Globus vernichtet.


Wer löst den nächsten Crash aus?

Aber wer oder was könnte einen neuerlichen Kurssturz auslösen? Wo liegen die größten Gefahren für die Börsen? Als mögliche Kandidaten handeln die Großanleger im Moment zum Beispiel eine tiefe Rezession in den USA, die die gesamte Welt mit in die Tiefe reißen könnte. Tatsächlich will die US-Wirtschaft vier Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise nicht so recht anspringen. Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor ein großes Problem. Die Zahl der neuen Jobs, die zwischen New York und Los Angeles geschaffen wurde, ist überschaubar. Anders ausgedrückt: Amerika kommt nicht auf die Beine.

Dabei flutet die US-Notenbank die Finanzmärkte mit frischem Geld. Immer mehr, immer weiter. Nur kommen die vielen Dollar nicht dort an, wo sie eigentlich hin sollen: von den Banken zu den Unternehmen, die dann investieren und neue Jobs schaffen. Stattdessen halten die Finanzkonzerne das Geld lieber zurück beziehungsweise spekulieren damit, kaufen Aktien - und treiben so die Kurse in die Höhe.

Die USA sind aber nicht der einzige Crash-Auslöser, den die Investoren derzeit fürchten. Genauso oft nannten sie eine erneute Bankenpleite - oder das Auseinanderbrechen der Euro-Zone als möglichen Grund für die nächste Börsen-Panik.

Mehr als 80 Prozent der befragten Investoren halten heute das aktive Management von Tail Risks deshalb für einen wichtigen Teil der Anlagestrategie. Und noch weitere Lehren haben die Investoren aus den Verwerfungen der Jahre 2008 und 2009 gezogen. Die "klassische" Diversifikation über Aktien und Renten reicht bei einem Extremereignis schon lange nicht mehr aus, um das Portfolio zu sichern. Auch die Sicherung über Put-Optionen, deren Wert bei einem Kursverfall des Basisinvestments überproportional zulegt, verlor in der Gunst der Anleger.

Bevorzugten vor der Lehman-Pleite mehr als 81 Prozent der Privatbanker, Manager von Family Offices oder Pensionsfonds eine klassische Diversifikation, gilt dies heute nur noch für knapp 76 Prozent. Immobilien und Rohstoffe hingegen werden stärker nachgefragt. Auch das Interesse an sogenannten "Managed volatility equity-Konzepten", die eine geringe Volatilität versprechen, steigt. Dabei kaufen Investoren Pakete aus Einzeltiteln, deren Kursentwicklungen weitgehend unabhängig voneinander verlaufen. So schwankt auch der Wert des Gesamtpakets kaum.

Dagegen gerieten Dach-Hedge-Fonds nach der Finanzkrise sowohl in den USA als auch in Europa aus der Mode. Nur noch knapp 30 Prozent der Großanleger vertraut darauf, dass ein Portfolio dieser Fonds das Kapital bei extremen Marktturbulenzen tatsächlich schützt.


Wie bereitet man sich auf den Absturz vor?

Während der Finanzkrise gerieten auch viele Hedge-Fonds in Not, mussten aufgeben oder das Geld der Anleger einfrieren. Zwar sei das größere Bewusstsein um die Tail Risks "ermutigend", sagt Niall O'Leary, Managing Director bei State Street. Allerdings hapert es noch immer an der Umsetzung, denn auch die Absicherungsstrategien haben ihre Tücken.

Eine davon betrifft die Handelbarkeit. Viele Investoren blieben während der Finanzmarktkrise auf Produkten sitzen, die sie gerne verkauft hätten - doch es fanden sich keine Abnehmer. Rund zwei Drittel der Befragten fürchten daher, ihre Absicherungsinstrumente im Fall einer neuerlichen Krise nicht mehr loszuwerden.

Andere Asset Manager misstrauen dem regulatorischen Umfeld: Bei seinem Bemühen um mehr Anlegerschutz schießt der Gesetzgeber gelegentlich über das Ziel hinaus und gefährdet Spezialprodukte, die das Portfolio gegen Extremereignisse absichern sollen. Für viele Investoren ist eine Tail-Risk-Strategie aber einfach nur zu teuer. Tritt das Ereignis nicht ein, zahlt der Asset Manager trotzdem die "Versicherungsprämie". Immerhin halten sich 73 Prozent der Großanleger besser für eine Extremsituation gewappnet als vor der Lehman-Pleite. Ob die "gefühlte Sicherheit" auch der Realität standhält, wird sich zeigen.

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