Börsenweisheit: Ruhiger schlafen dank Anleihen? Von wegen!

Börsenweisheit: Ruhiger schlafen dank Anleihen? Von wegen!

, aktualisiert 12. September 2014, 15:20 Uhr
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Der Traum vieler Altersvorsorge-Sparer: Mischfonds-Manager erledigen die Anlage, die Sparer können sich ausruhen.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Droht ein Crash am Anleihemarkt? Die Deutsche Bank sieht zumindest Anzeichen für eine Blase – und nicht nur sie. Anleger, die sich am Bondmarkt in Sicherheit wähnen, dürften bald nicht mehr ganz so gut schlafen.

DüsseldorfVor nichts fürchten sich Börsianer mehr als vor einer Blase. Denn wenn sie platzt, gibt es einen schrecklichen Crash. So geschehen 2007/2008, als die Immobilienblase in den USA platzte und die Welt in die Finanzkrise schlidderte. Oder Anfang des Jahrtausends, als die Internetblase platzte und die Börsen in die Tiefe stürzten. Doch aktuell sind es nicht die Aktienmärkte, die heiß gelaufen sind. Die größte Gefahr sehen Experten derzeit am Anleihemarkt.

Blasen gehören zum Finanzmarkt wie Hausse und Baisse, wie Rekordstände und Seitwärtsbewegungen.  „Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten beobachten können, dass in der Weltwirtschaft eine Blase auf die nächste folgte, die Exzesse aber nie völlig aufgelöst wurden“, schreibt Jim Reid von der Deutschen Bank in einer aktuellen Studie.  Schuld ist die Politik, die die Überhitzung einzelner Anlageklassen begünstigt, ja sogar befeuert. Die jüngste Blase macht Reid an den Anleihemärkten aus. Allerdings erwartet der Experte nicht, dass sie zeitnah platzt.

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Aber natürlich müssen sich Anleger mit den hohen Preisen und niedrigen Renditen der Papiere auseinandersetzen. In Zeiten, in denen Zinsen mehr oder weniger abgeschafft sind, und die Notenbanken rund um den Globus die Märkte mit billigem Geld fluten, ist es an der Zeit umzudenken. Risiko muss neu definiert werden.  Viele Regeln, die über Jahrzehnte gültig waren, müssen zumindest überdacht werden. Manche sind auch schlichtweg überholt.

Wie etwa die alte Börsenweisheit: „Besitzer von Zinspapieren schlafen gut. Aktionäre hingegen leben gut.“ Sie spielt auf die planbaren Erträge der Anleihen und höheren Chancen von Aktien – allerdings bei stärkeren Kursschwankungen – an. Experten sind sich allerdings einig, dass die Welt so einfach nicht mehr ist.  „Die Börsenregel ist ein Relikt aus 30 Jahren tendenziell fallender Zinsen“, sagt Anja Welz, Vorstand von Laureus Privat Finanz, der Vermögensverwaltung der genossenschaftlichen Sparda Bank West. „Inzwischen ist das Kurspotenzial am Anleihemarkt deutlich begrenzt und mögliche Kursverluste werden auch nicht mehr durch hohe Kupons abgefedert wie in der Vergangenheit.“

Früher habe diese Regel gestimmt, doch heute ist ihre Gültigkeit äußerst fragwürdig, meint auch Christoph Bruns, Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys. Die Aktienmärkten würden funktionieren wie eh und je, doch die Zinsmärkte würden seit Jahren von den Notenbanken manipuliert. „Damit ist die Funktionsweise der Anleihemärkte eingeschränkt, gehorchen sie doch den politischen Absichten der Zentralbanken“, sagt der Fondsmanager. Die Anleihemärkte seien überteuert, die Politik der Notenbanken „heiß gelaufen“. „Platzen kann die sichtlich spekulative Blase an den Anleihemärkten wohl erst dann, wenn die Zentralbanken ihre Nullzinspolitik aufgeben“, sagt er.


Unter Investoren wächst das Unbehagen.

Vor allem konservative Anleger, die Aktien eher kritisch gegenüber stehen, haben schon heute ein Problem. Zinspapiere guter Schuldner mit hoher Bonität sind zwar nach wie vor sicher. Allerdings sind die Renditen dieser Anleihen auf historisch sehr niedrigen Niveaus. „Je nach Laufzeit und Emittent sind Negativzinsen keine Seltenheit mehr“, sagt Ulrike Jäger, Leiterin Portfoliomanagement Investmentstrategie, Sal. Oppenheim. Wer bereits länger investiert ist, kann sich über Kursgewinne freuen. Wer allerdings aktuell nach sicheren Anlagen sucht, dürfte – um im Bild der Börsenweisheit zu bleiben – die ein oder andere schlaflose Nacht haben.

Doch auch langjährige Besitzer der Anleihen müssen das Geschehen am Markt im Auge behalten. Jäger sieht durchaus die Gefahr eines baldigen Zinsanstiegs. „Ein Zinsanstieg würde zu Kursverlusten bei Zinspapieren führen und unter Umständen nicht nur den Kupon aufzehren, sondern möglicherweise sogar zu negativen Erträgen führen“ sagt die Sal.-Oppenheim-Expertin. In diesem Umfeld sei ein aktives Laufzeitmanagement gefragt, um Kursverluste zu vermeiden und einen auskömmliche Rendite zu erwirtschaften. „Solange das Zinsniveau beispielsweise von Bundesanleihen niedrig bleibt, werden Investoren zur Erzielung der notwendigen Erträge in Anleihen mit höherem Risiko getrieben“, ist Jäger überzeugt.

Das stützt natürlich den Anleihemarkt. Trotzdem wächst unter Investoren das Unbehagen. Wie lange kann das noch gut gehen, fragen sich viele mit Blick auf die Bewertungen – und das nicht erst in den vergangenen Tagen und Wochen. Schon zu Jahresbeginn hatten Anleger sich in Umfragen überwiegend optimistisch zu Aktien, aber pessimistisch zu Anleihen geäußert. Allerdings entwickelten sich die Anleihemärkte weiter positiv, nichts zuletzt aufgrund der Politik der Notenbanken. Auch für die nahe Zukunft dürfte sich daran wenig ändern. „Wir erwarten, dass die Suche nach Rendite, die akuten geopolitischen Spannungen aber auch die Liquidität der Zentralbanken dafür sorgen werden, dass einzelne Anleihemärkte weiterhin eine positive Rendite abwerfen werden“, sagt Laureus-Vorstand Welz. „Allerdings muss man bei der Auswahl seiner Investments immer selektiver vorgehen.“ 

Vollständige Entwarnung möchte sie aber dennoch nicht geben:  Welz findet es bedenklich, dass die Rendite zehnjähriger spanischer oder italienischer Anleihen inzwischen niedriger sei als vor der Finanzkrise. „Wenn man die aktuelle Lage der Staaten mit ihrer Lage vor der Finanzkrise vergleicht, dann muss man sagen, dass die Entwicklung nicht wirklich gesund ist“, gibt sie zu bedenken. „Allerdings sorgt die Liquidität der Zentralbanken dafür, dass die Anleihen sehr gefragt sind.“ Wie lange das noch so weitergehen wird, ist die große Frage an den Finanzmärkten.  


Ein Anleihe-Crash trifft auch die Aktienmärkte

Viele Investoren geben Aktien derzeit den Vorzug. „Im aktuellen Niedrigzinsumfeld schätzen wir Risikoanlagen wie Aktien attraktiver als Anleihen ein, wenn wir sie auch nicht mehr ganz so stark favorisieren, wie noch vor wenigen Monaten, nicht zuletzt, da die Preise in den vergangenen 18 Monaten stark angezogen haben“, sagt beispielsweise Jakob Tanzmeister, Anlageexperte von JP Morgan Asset Management. Er nennt drei gute Gründe dafür, Aktien derzeit zu bevorzugen: Erstens wird das zwar verhaltene aber doch positive Wirtschaftswachstum weitere Gewinne stützen und für attraktive Dividendenrenditen sorgen. Zweitens ist die niedrige Inflation, insbesondere in der Euro-Zone, positiv für Aktien. Und drittens sorgen die globalen Notenbanken weiterhin für Liquidität, selbst wenn mit dem sogenannten „Tapering“ der US-Notenbank (Fed) das Ende der expansiven Geldpolitik. eingeläutet wurde.

Auch Fondsmanager Bruns hält Aktien für wesentlich attraktiver als Anleihen, vor allem weil ihre Dividenden mittlerweile ein Mehrfaches der Zinskupons auf die Waage bringen würden. „So lange diese artifiziell von den Zentralbanken herbeigeführte Situation anhält, wird auch die Rotation in Richtung Aktien fortbestehen“, sagt er und empfiehlt Anlegern, ihren Aktienanteil tendenziell hochzufahren. „Aber eine Warnung musst doch abgegeben werden:  Sollten die überteuerten Anleihemärkte irgendwann ihren Crash bekommen, so kann das an den Aktienmärkten nicht ohne Folgen bleiben. Denn für die Bewertung von Aktien spielen Zinsen eine tragende Rolle.“

Schlafen Zinsanleger also nicht besser als Aktionäre? Und leben Aktionäre besser als Anleiheeigner? „In beiden Aussagen steckt ein Körnchen Wahrheit“, sagt Tanzmeister. Eine Lösung, die quasi das Beste aus beiden Welten kombiniert, ist daher ideal für Anleger, die gern ruhig schlafen und trotzdem von regelmäßigen Erträgen profitieren wollen.“ Er empfiehlt flexible Multi Asset Fonds, also Mischfonds, die sowohl auf Aktien und Anleihen setzten und den jeweiligen Anteil der Anlageklassen flexibel an die aktuelle Marktlage anpassen können. Tanzmeister selber hat den Anleiheanteil in seinen Fonds heruntergefahren und hat mit Blick auf eine mögliche Zinssteigerung auch keine schlaflosen Nächte.

Bruns hält nicht mehr viel von der alten Börsenregel. Angesichts der extrem niedrigen Kupons seien Zinsanlagen heutzutage für Anleger weitgehend unattraktiv.  „Sollte es zu einer Normalisierung der Zinsen kommen,  müssen Anleihekurse einen Crash erleben“, sagt der Fondsmanager. „Dieser Gedanke sollte Zinsanleger nicht ruhig schlafen lassen, wenngleich niemand wissen kann, wann der Zeitpunkt des Crash gekommen ist.“ Anja Welz schätzt das Risiko-Rendite-Profil für den Anleihemarkt derzeit mindestens ebenso gefährlich ein wie für Aktien. Die alte Börsenweisheit von den ruhiger schlafenden Bondsanlegern und den besser lebenden Aktionären muss also zumindest in der ersten Hälfte überdacht werden.

Die Börsenweisheiten gibt es jetzt auch als Buch „Sell in May and go away?“ im Kaufhaus der Weltwirtschaft.

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Quelle:  Handelsblatt Online
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