
Mumbai, DüsseldorfSandhya muss eine Entscheidung treffen. Drei mit rotem Samt bezogene Schatullen liegen vor ihr ausgebreitet auf der Ladentheke, in jeder eine Halskette aus hochkarätigem Gold, verziert mit Ornamenten, Schnörkeln, ein paar Edelsteinen. Die junge Inderin wirft einen kritischen Blick auf die Schmuckstücke. Sie wirkt noch nicht überzeugt. Der Verkäufer räumt ab, legt wortlos eine andere Auswahl vor.
Sandhya ist 22 Jahre alt - in wenigen Wochen wird sie heiraten. Zusammen mit ihrer Mutter und zwei anderen Frauen aus der Familie sucht sie bei Mohanlal Otarma Jewellers, einem der unzähligen Goldläden auf dem Zaveri Bazaar in Mumbai, den Schmuck aus, den sie bei der Feier tragen wird.
In Indien heiraten jedes Jahr 15 Millionen Paare. Die Hochzeitssaison erreicht ihren Höhepunkt zwischen Oktober und Dezember, dann noch einmal von Mitte Januar bis April. In den Wochen vorher und währenddessen machen Goldhändler die besten Geschäfte. Experten schätzen, dass knapp die Hälfte der Goldnachfrage in Indien mit den Hochzeiten zusammenhängt. Manche meinen, der weltweite Goldpreis hänge davon ab, wie viel Gold Frauen wie Sandhya auf dem Zaveri Bazaar einkaufen. Jedenfalls wird der steigende Goldpreis gerne mit der Hochzeitssaison in Indien begründet.
Fakt ist: Indien ist der größte Goldmarkt der Welt; zumindest wenn von echtem Gold zum Anfassen die Rede ist, nicht von Goldzertifikaten oder anderem Papiergold. Nach Zahlen des World Gold Council, einem Lobbyverband der Goldförderer, lag die Nachfrage in Indien im vergangenen Jahr bei 1.059 Tonnen, davon entfielen 649,9 Tonnen auf die Schmuckindustrie, 409,1 Tonnen auf Münzen und Barren. Zum Vergleich: Die weltweite Nachfrage nach physischem Gold betrug 3.427 Tonnen. Die Inder besitzen insgesamt 18.000 Tonnen Gold, was einem Wert von mehr als 800 Milliarden Dollar oder elf Prozent der weltweiten Goldmenge entspricht.
Experten gehen davon aus, dass die Inder in den kommenden Jahren noch mehr Gold kaufen. Besonders weit lehnen sich die Analysten der britischen Standard Chartered Bank aus dem Fenster. Sie meinen, die Nachfrage in Indien und China könnte den Goldpreis bis zum Jahr 2020 auf knapp 5.000 Dollar je Feinunze treiben. Aktuell liegt er bei 1.700 Dollar.
„Jeder muss das machen, es ist wie ein Gesetz“
„Die Obsession für Gold kann nicht durch Logik allein erklärt werden. Für Inder ist Gold heilig, eine Verkörperung des Göttlichen“, erklärt Devdutt Pattanaik, Buchautor und Experte für indische Mythologie. Daneben hat Gold aber auch eine ganz weltliche Bedeutung. Um diese zu verstehen, muss man sich nur auf einer Hochzeitgesellschaft umschauen. Für die Brautleute ist die Hochzeit der Höhepunkt im Leben, für die Gäste ein soziales Großereignis. Hunderte kommen zusammen. An Geschenken wird einiges aufgefahren: Fernseher, Autos, Eigentumswohnungen, Geld und – am allerwichtigsten – Gold.
Besonders kostspielig wird die Hochzeit für die Eltern der Braut. Eine Faustregel besagt, dass es gut drei Jahresgehälter kostet, eine Hochzeit auszurichten. Die Brauteltern zahlen nicht nur für die Feier, sie müssen Dowry berappen, die Mitgift. Auch wenn Dowry offiziell als abgeschafft gilt, hält sich die Tradition hartnäckig. „Jeder muss das machen, es ist wie ein Gesetz“, sagt der Verkäufer bei Mohanlal Otarma Jewellers. Für ihn ist es ein einträgliches Geschäft. Die Durchschnittsfamilie kaufe 400 bis 500 Gramm Gold für eine Hochzeit ein, behauptet er.
Viele Familien können so teure Hochzeiten nicht bezahlen – und nehmen Kredite auf, damit es doch geht. Andere, die es sich leisten können, feiern wie die Maharadschas. Den inoffiziellen Rekord hält der Großindustrielle Lakshmi Mittal. Für die Hochzeit seiner Tochter soll er angeblich 60 Milionen Dollar spendiert haben.
Das Aussuchen des Schmucks ist Frauensache, der Vater kommt erst später dazu – wenn es ans Bezahlen geht. Sandhya und die Frauen haben noch nicht das Richtige gefunden. Sie haben es sich auf den plüschigen Hockern an der langen Theke gemütlich gemacht, Eile haben sie nicht. Der Verkäufer hat ein Handy am Ohr, telefoniert, während er neue Waren vorlegt.
Auswahl gibt es genug. Wenn nicht in diesem Laden, dann im nächsten. Der Zaveri Bazar im Süden von Mumbai ist nicht einfach nur ein großer Marktplatz. Der Basar ist eine eigene kleine Stadt, ein Gewimmel von Straßen, in denen sich alles um Gold, Silber und Edelsteine dreht. Am Vormittag erwacht der Markt zum Leben. Dann drängeln sich Menschenmassen durch die engen Gassen und in Hunderten Goldläden. Nach Schätzungen werden hier bis zu zwei Drittel des Handels mit Goldschmuck abgewickelt.
Die Inder kaufen antizyklisch
Durch den Wirtschaftsboom, den Indien in den vergangenen Jahren erlebt hat, sind mehr Menschen zu Wohlstand gekommen. „Die Armen in Indien werden reicher. Der weiter stark wachsende Konsum der Bevölkerung speist sich aus steigenden Gehältern, nicht aus Privatverschuldung – und ist damit nachhaltig“, sagt Avinash Vazirani, Fondsmanager bei Jupiter Asset Management. Es ist Geld übrig, das darauf wartet, ausgegeben oder angelegt zu werden.
Nach Angaben des World Gold Council legen Inder durchschnittlich 30 Prozent ihres Einkommens auf die hohe Kante - die Sparquote gehört zu den höchsten weltweit. Rund sieben Prozent der gesamten Ersparnisse sind in Goldmünzen, Barren, aber auch in Goldschmuck angelegt. Anders als in anderen Ländern dient Schmuck nicht nur der Zierde, sondern wird als Geldanlage gekauft.
Um jeden Preis kaufen die Inder allerdings nicht. Sie sind sehr sensibel für Preisschwankungen. Als der Goldpreis im vergangenen Jahr auf dem Weltmarkt ein Allzeithoch bei fast 2.000 Dollar je Feinunze markierte, ging die Nachfrage in Indien spürbar zurück. In Deutschland war es genau andersherum. Hierzulande brach ein wahrer Ansturm auf Gold los. Die Medienberichte über täglich neue Höchststände heizten die Nachfrage zusätzlich an. Die Edelmetallhändler hatten Schwierigkeiten, für Nachschub zu sorgen.
Inder kaufen antizyklisch. Das ist einerseits schlau, anderseits gibt es dafür einen praktischen Grund: Den meisten bleibt gar nichts anderes übrig. Je höher der Goldpreis, desto weniger Gold bekommen die Menschen für ihre Rupien. Im vergangenen Jahr hat die Rupie dramatisch an Wert verloren hat, nicht nur gegen Dollar, Yen, Euro, sondern gegen fast alle größeren Währungen. Auch das führte dazu, dass die Menschen weniger Gold für ihr Geld bekamen und dämpfte die Kauflust. In Zeiten hoher Preise wird beim Schmuck gerne ein wenig getrickst: dann ist Geschmeide angesagt, das zwar voluminös aussieht, aber innen hohl ist.
Bei Barren und Münzen geht das natürlich nicht. Die sind für die Geldanlage entscheidend. Für viele Inder ist Gold die einzige Möglichkeit, etwas zu zurückzulegen oder für das Alter vorzusorgen, ohne das es die Inflation sofort auffrisst. Selbst in den Slums kratzen die Menschen das Wenige, was sie haben, zusammen, um es in Gold zu tauschen. Allerdings hat die Regierung gerade erst beschlossen, die Zölle auf Importe von Münzen und Barren um zwei Prozent zu erhöhen, was sich wiederum in höheren Preisen niederschlagen dürfte.
Hängt der Goldpreis wirklich von der Hochzeitsaison ab?
Im Vergleich zu Deutschland ist Gold in Indien jedoch nach wie vor spottbillig, das gilt vor allem für Schmuck. Der kostet in Indien nicht mehr als den Materialpreis - weil die Kosten für die Verarbeitung kaum ins Gewicht fallen. In den Läden auf dem Zaveri Bazaar wird in Gramm abgerechnet. Bei Mohanlal Otarma zeigt ein digitales Display am Rande der Theke den aktuellen Tagespreis an - wie an der Tankstelle. Ein Gramm Gold kostet in diesem Moment 2.760 Rupien, das sind umgerechnet 40 Euro. Sandhya hat ein Auge auf ein Collier geworfen. Das Gewicht: 40 Gramm. Der Händler wird am Ende gut zehn Prozent an Gebühr draufschlagen, hinzu kommen Steuern. Der Endpreis: ungefähr 120.000 Rupien (1.750 Euro).
Und wie steht es um die Qualität? Die indische Regierung will vorschreiben, dass der Feingoldgehalt künftig zertifiziert werden muss. In der Vergangenheit gab es damit Probleme , besonders bei sehr kleinen Händlern. Bei den meisten indischen Juwelieren kann sich die Qualität aber sehen lassen.
Glaubt man dem Dokument, das eingerahmt an der Wand hängt, geht bei Mohanlal Otarma Jewellers alles mit rechten Dingen zu. „Gold you can trust“ steht darauf, Gold, dem Sie vertrauen können; zertifiziert vom staatlichen „Bureau of Indian Standards“.
In Indien wird üblicherweise eine Legierung mit einem Goldanteil von 91,66 Prozent verwendet. Das entspricht 22 Karat und kommt recht nah an pures Gold heran. Alles, was noch hochkarätiger ist, lässt sich kaum noch zu Schmuck verarbeiten, weil es zu weich ist. Durch den hohen Goldgehalt hat das Material eine sattgelbe Farbe.
Der in Deutschland verkaufte Goldschmuck hat meistens einen Anteil von 58,5 Prozent oder 14 Karat. Und dann gibt es hierzulande auch noch das, was in der Werbung als „echt Gold 333“ angepriesen wird. Dabei liegt der Goldanteil sogar nur bei einem Drittel des Gesamtgewichts. In Indien käme niemand auf die Idee, eine solche Mischung als Gold zu verkaufen. Würde er es doch tun, hielte man ihn für einen Betrüger.
Bleibt die Frage, welchen Einfluss die Inder auf den weltweiten Goldpreis haben. Und hängt der Goldpreis wirklich davon ab, wie die Hochzeitsaison in Indien läuft? Martin Siegel hält das für Unsinn. Er ist Chef der Goldhandelsfirma Westgold im westfälischen Lindhorst. „Der Preis auf dem Terminmarkt hat nichts damit zu tun, ob in Indien an einem Tag viel oder wenig Gold verkauft wird“, sagt Siegel. Zumal die indischen Juweliere das Gold schon Monate im Voraus orderten. Einen kurzfristigen Effekt schließt Siegel aus. Auf lange Sicht sei die enorme Nachfrage nach physischem Gold aber von Bedeutung. „Indien stabilisiert den weltweiten Goldmarkt. Weil die Inder antizyklisch kaufen, gleicht das Schwankungen an anderer Stelle aus“, sagt Siegel.
Fest steht: Die meisten Goldkäufer sitzen nicht mehr in Nordamerika oder Europa, sondern in Asien. Seit den 1970er-Jahren habe eine „dramatische“ Verschiebung von West nach Ost stattgefunden, heißt es im Bericht des World Gold Council. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Dennoch ist keineswegs sicher, dass der Goldpreis deshalb schnurstracks in Richtung 5.000 Dollar marschieren wird - allein schon deshalb, weil die indischen Goldkäufer sehr empfindlich auf steigende Preise reagieren. Sie sind die Letzten, die kaufen, wenn der Goldpreis in kurzer Zeit in die Höhe schießt. Anders als die Deutschen.








