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Dax-Ausblick: Wenn Analysten irren

von Jörg Hackhausen Quelle: Handelsblatt Online

Die Euro-Krise spitzt sich zu, der US-Arbeitsmarkt kommt nicht in die Gänge, Chinas Wachstum schwächelt. Trotzdem überbieten sich die Analysten mit Kaufempfehlungen für Aktien. Das sollte Anleger nachdenklich stimmen.

Händler an der Börse in Frankfurt: Der Dax hält sich noch vergleichsweise gut. Quelle: dapd
Händler an der Börse in Frankfurt: Der Dax hält sich noch vergleichsweise gut. Quelle: dapd

DüsseldorfImmer dann, wenn Analysten besonders optimistisch sind, sollten Anleger besonders vorsichtig sein. In der Vergangenheit haben sich die Einschätzungen der Experten oft als Kontraindikator erwiesen. Das könnte auch diesmal wieder der Fall sein. Die Kaufempfehlungen der Analysten lassen sich kaum mit der Realität vereinbaren.

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In den USA haben Analysten für die Aktien im S&P 500 so viele Kaufempfehlungen vergeben wie nie zuvor. Bei insgesamt 247 der 500 Papiere im US-Index liegen mehr Kaufempfehlungen als Verkauf- und Halte-Empfehlungen zusammen vor. Das ist der höchste Wert seitdem der Datenanbieter Bloomberg im Jahr 2000 mit der Aufzeichnung dieser Daten begann. Gleichzeitig haben dieselben Analysten die Gewinnschätzungen für die Unternehmen im Schnitt deutlich gesenkt. Wie das mit der steigenden Zahl an Kaufempfehlungen zusammenpasst, bleibt ein Rätsel.

Auch für deutsche Aktien sind die meisten Analysten optimistisch. Die Experten der Commerzbank schreiben: "Trotz der sich abzeichnenden Abwärtsrevisionen bei den Gewinnerwartungen während der anstehenden Berichtssaison dürfte sich der Dax in den kommenden Wochen weiterhin seitwärts bewegen. Denn in der relativ niedrigen Bewertung auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses ist das schwache konjunkturelle Umfeld zumindest teilweise bereits eingepreist."

Die Aktienmärkte sehen zwar - gemessen an den Gewinnkennziffern - günstig bewertet aus. Außerdem bleiben den Anlegern angesichts niedriger Zinsen kaum Alternativen zu Aktien. Dennoch könnten sich die Annahmen schnell als zu optimistisch herausstellen. Das sehen inzwischen manche Analysten selbst so: "Während die Konjunktur weltweit lahmt oder – wie im Euroraum – sogar in die Rezession abdriftet, schreiben die Analysten auf Marktebene weiterhin zweistellige Gewinnzuwachsraten für die Jahre 2013 und 2014 fort. Wir halten diese Annahmen für zu optimistisch und rechnen spätestens ab dem dritten Quartal mit Gewinnrevisionen", heißt es in einem Kommentar der DZ Bank.

Die Euro-Krise dürfte schon bald auf die deutschen Unternehmen durchschlagen. Für die Dax-Unternehmen ist Europa immer noch der wichtigste Markt - sie erzielen 60 Prozent ihres Ertrags in Europa, bei den Firmen aus dem MDax sind es sogar 72 Prozent. Die fallenden Frühindikatoren wie die Ifo-Geschäftserwartungen und der Einkaufsmanagerindex zeigen bereits an, dass die Unternehmen künftig weniger verdienen werden. Der am Dienstag zur Veröffentlichung anstehende ZEW-Index könnte das bestätigen.

An den Anleihemärkten lässt sich bereits deutlich ablesen, dass die Euphorie nach dem Euro-Gipfel verpufft ist. Die Risikoaufschläge für die Schuldenstaaten steigen schon wieder. Eine Reihe von Anleiheauktionen stehen in der kommenden Woche auf dem Programm. Deutschland, Frankreich und Spanien wollen Anleihen in einem Volumen von rund zehn Milliarden Euro platzieren. Am Mittwoch werden die Investoren bei zweijährigen Nullkupon-Schatzanweisungen wahrscheinlich wieder negative Renditen in Kauf nehmen. Das von der Finanzagentur angepeilte Volumen liegt bei fünf Milliarden Euro. Frankreich und Spanien wollen am Donnerstag an den Markt gehen. Dabei dürfte es nur um kleine Aufstockungen für insgesamt zwei bis drei Milliarden Euro gehen.


Bernanke hält sich (noch) zurück

Der Aluminium-Konzern Alcoa hatte die Berichtssaison in der abgelaufenen Woche eröffnet. Der Verlust fiel weniger hoch aus als erwartet, ohne Sondereffekte wären sogar schwarze Zahlen drin gewesen. Das hätte die Anleger eigentlich freuen sollen, stattdessen geriet die Aktie unter Druck. Das zeigt, wie vorsichtig die Investoren inzwischen vorgehen - den Optimismus der Analysten scheinen sie jedenfalls nicht zu teilen. In der kommenden Woche nimmt die Quartalssaison richtig Fahrt auf. Am Montag legt die Großbank Citigroup Zahlen vor, am Dienstag folgen Goldman Sachs und Chiphersteller Intel. Am Mittwoch stehen Zwischenberichte der Bank of America und von Ebay an. Am Donnerstag sind Morgan Stanley, Microsoft und Nokia dran.

Die Anleger werden außerdem sehr aufmerksam die Konjunkturdaten aus der weltgrößten Volkswirtschaft verfolgen. Am Montag werden Einzelhandelsumsätze erwartet, eine wichtige Zahl, ist doch der Konsum die Stütze der US-Wirtschaft. Außerdem steht der Industrieindex der New Yorker Fed an. Am Dienstag folgen die Verbraucherpreise, am Donnerstag der Industrieindex der Philadelphia Fed. Am Freitag stehen dann die viel beachteten Arbeitsmarktdaten an. Nach den enttäuschenden Daten des vergangenen Monats wird auch im Juni mit nur einem bescheidenden Anstieg der Beschäftigung um 99.000 Stellen gerechnet. Die Daten dürften belegen, "dass die Wirtschaft mäßig wächst und sich weder eine Beschleunigung noch ein Stillstand abzeichnet", urteilt Christoph Balz von der Commerzbank.

Nur wenn die Zahlen richtig schlecht ausfallen sollten, könnte sich die US-Notenbank gezwungen sehen, erneut einzugreifen. Am Dienstag und Mittwoch wird Fed-Chef Ben Bernanke den Halbjahresbericht zur Geldpolitik vor dem Senat und dem Repräsentantenhaus vorstellen. Börsianer warten auf Hinweise darauf, ob die US-Notenbank ein neues Anleihekaufprogramm (QE3) auflegen wird. Marktstratege Tobias Basse von der NordLB ist allerdings skeptisch, ob er irgendwelche Andeutungen machen wird: "Bernanke wird sich nicht zu tief in die Karten blicken lassen."


China schwächelt

China kann Europa und Amerika wohl nicht rausreißen. Im Frühjahr verlangsamte sich das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt das sechste Quartal in Folge auf des schwächste Tempo seit nunmehr drei Jahren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg nach den amtlichen Daten vom Freitag im zweiten Quartal nur noch um 7,6 Prozent zum Vorjahr, nach noch 8,1 Prozent im ersten Vierteljahr. Damit
wächst Chinas Wirtschaft zwar weiterhin viel schneller als die sich westlichen Industrieländer. Das Tempo bleibt aber deutlich hinter dem durchschnittlichen Wachstum der chinesischen Wirtschaft in den letzten zehn Jahren von rund zehn Prozent zurück. China steuert auf das schwächste Jahr seit 1999 zu.

Experten zufolge zeigen die Stützungsmaßnahmen der Regierung nun stabilisierende Wirkung. "Das Schlimmste ist vermutlich vorüber, und wir werden eine Stabilisierung und sogar eine Verbesserung des Wachstums im nächsten Quartal sehen", sagt Sun Junwei, Volkswirt der britischen HSBC. Dies hänge aber auch davon ab, inwieweit Regierung und Zentralbank angesichts des globalen Konjunkturabschwungs der Wirtschaft weiter unter die Arme griffen.

Auch Volkswirt Li Huiyong von Shenyin & Wanguo Securities geht davon aus, dass Chinas Wirtschaft im zweiten Quartal eine Talsohle erreicht hat. Die Zentralbank werde im zweiten Halbjahr wohl mit einer weiteren Zinssenkung und anderen Maßnahmen stützend eingreifen, sagte er. "Wir gehen davon aus, dass die Regierung den Abschwung abfedern will und hierzu auch in der Lage ist", schreibt die Commerzbank.

Ministerpräsident Wen Jiabao betonte zuletzt, dass zur Stärkung des Wirtschaft höhere Investitionen notwendig seien. So will die Regierung unter anderem mit dem Ausbau der Verkehrs- und Energienetze das Wachstum stärker auf Touren bringen. Die Zentralbank senkte Anfang Juli überraschend zum zweiten Mal binnen weniger Wochen die Zinsen. Zudem lockerte sie seit November drei mal die Mindestreserveanforderungen für die Banken, um die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher anzuschieben.

Mit Material von Reuters

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