Dax-Umfrage: Der verzweifelte Kampf der Bären

Dax-Umfrage: Der verzweifelte Kampf der Bären

, aktualisiert 15. Mai 2017, 11:13 Uhr
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ARCHIV - Die Plastiken von Bulle und Bär, die beiden Symbole für Optimismus und Pessimismus an der Börse, stehen am 14.12.2006 vor der Deutschen Börse in Frankfurt am Main. Am 11.05.2016 findet die Hauptversammlung der Deutsche Börse AG statt. Foto: Frank Rumpenhorst +++(c) dpa - Bildfunk+++

von Jürgen RöderQuelle:Handelsblatt Online

Die NRW-Wahl gibt der Rally zwischenzeitlich neuen Zündstoff. Doch die Anleger spekulieren wie noch nie auf fallende Kurse. Dafür werden sie vermutlich teuer bezahlen müssen. Ab welchem Niveau erst Vorsicht angesagt ist.

DüsseldorfDer Wahlsieg der CDU in Nordrhein-Westfalen, der Herzkammer der Sozialdemokraten, beflügelte zum Handelsauftakt am heutigen Montag die Aktienkurse. Der Dax notierte zwischenzeitlich über der Marke von 12.800 Punkten. „Heute früh sah das schon ein wenig nach Kaufpanik aus“, warnt Börsenexperte Stephan Heibel.  „Sollten wir im weiteren Wochenverlauf die Marke von 13.000 Punkten erreichen, ist Vorsicht angesagt“.

Woche für Woche prognostiziert Stephan Heibel, wie der Dax sich in den kommenden Handelstagen entwickeln dürfte. Basis dafür ist die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 2400 Anlegern. Der Inhaber des Analysehauses Animusx betrachtet die Ergebnisse der Erhebung über die aktuelle und die künftige Börsenentwicklung vor allem als Kontraindikatoren. Vereinfacht gesagt: Sind Anleger beispielsweise zu pessimistisch, ist das eher ein Indiz für bald steigende Kurse. Weil dann viele ihre Aktien bereits verkauft haben und neue Käufe schnell zu höheren Kursen führen.

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Für die vergangene Handelswoche war die Frankreichwahl am 7. Mai das herausragende Ereignis. Und was passierte danach? Nichts. Weder eine Jubelrally aufgrund des Wahlsiegs Macrons, noch ein Ausverkauf oder zumindest deutlicher Rückschlag als Konsolidierung der zuvor erzielten Kursgewinne fand statt. Nichts.

Ein kurzer Moment der Gewinnmitnahmen am Montagmittag, der Dax notierte bei minus 0,5 Prozent. Dann erfolgten wieder Käufe, weil Anleger ihre Short-Positionen auflösten, der Leitindex lag bei plus 0,5 Prozent.  Im weiteren Wochenverlauf passierte auch nicht viel mehr.

Das haben auch die Teilnehmer der Handelsblatt-Umfrage so registriert: 14 Prozent sind aus dem Lager der guten Laune ins Lager derer gewechselt, die den Dax derzeit in einer Seitwärtsbewegung sehen. Damit bleibt die Stimmung gut, aber nicht mehr euphorisch wie in der Vorwoche. Gut jeder Dritte sieht den Dax noch immer in einer Aufwärtsbewegung (minus 14 Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche), weitere 40 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) betrachten dies als eine Topbildung. Jeder Fünfte (plus 14 Prozentpunkte) sieht den Dax in einer Seitwärtsbewegung.


Privatanleger rüsten sich zum Ausverkauf

Die Polarisierung unter den Umfrageteilnehmern nimmt ab. 58 Prozent (plus neun Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) fühlen sich durch die aktuelle Dax-Entwicklung in ihrer Erwartung bestätigt, weitere 16 Prozent (minus neun Prozentpunkte) haben sogar darauf spekuliert.

Kaum erfüllt sieht jeder Fünfte (plus sechs Prozentpunkte) seine Erwartung, nur fünf Prozent (minus sechs Prozentpunkte) wurden auf dem falschen Fuß erwischt. „Im Großen und Ganzen scheinen Anleger mit der Entwicklung zufrieden zu sein, denn das moderate Plus im Dax bestätigt die Bullen in ihrem Optimismus und ist jedoch nicht groß genug, um die Bären von ihrem Pessimismus abzubringen“, bewertet  Heibel die Antworten.

In drei Monaten wird der Dax einen Abwärtsimpuls erleben, glauben mit 36 Prozent (minus drei Prozentpunkte) noch  immer die meisten Umfrageteilnehmer. Eine Seitwärtsbewegung erwarten unveränderte 32 Prozent, während nur 17 Prozent (plus vier Prozentpunkte von weiter steigenden Kursen ausgehen. Der Rekordpessimismus der Vorwochen hat sich damit ein wenig abgeschwächt, ist aber nach wie vor groß.

Viele Anleger haben diese Woche verkauft, denn inzwischen wollen nur noch 23 Prozent (minus sechs Prozentpunkte) Aktien verkaufen. 19 Prozent (minus ein Prozent) Aktien wieder zukaufen wollen. Mit 58 Prozent (plus sieben Prozent) bleiben die meisten weiterhin an der Seitenlinie und warten vorerst ab.

Das Euwax-Sentiment der gleichnamigen Börse in Stuttgart, das anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax ermittelt wird, zeigt einen Tiefstand bei den Absicherungsgeschäften an. Die dort handelnden Privatanleger haben offensichtlich diese Woche genutzt, um sich gegen einen anstehenden Ausverkauf zu rüsten.

Der Euwax-Indikator der Frankfurter Terminbörse, an der Profis handeln, ist unter minus zehn Punkte gerutscht. Auf genau solch einem Stand notierte er zuletzt  im August 2016. Damals war der Dax zuvor binnen sechs Wochen um 15 Prozent angestiegen – anschließend notierte ging der deutsche Leitindex drei Monate lang seitwärts.

„Diese Situation ist wenig vergleichbar“, meint der Experte. Schließlich ist der Dax in den vergangenen sechs Wochen nur um sieben Prozent gestiegen. Was der Börsenexperte jedoch für vergleichbar halte, ist die Unterstützung, die von diesen großen Absicherungspositionen ausgeht. „Das spricht deutlich gegen die Wahrscheinlichkeit eines heftigen Ausverkaufs im Dax“.


Wann die Pessimisten aufgeben werden

Das sieht Joachim Goldberg, der für die Börse Frankfurt eine ähnliche Stimmungsumfrage erhebt, ebenfalls so. „Die neuen Pessimisten werden im Falle eines Rücksetzers wahrscheinlich nicht zögern, ihre Gewinne in Form von Rückkäufen zu realisieren. Und zwar eher früher als später“, erläuterte er in seiner Auswertung am vergangenen Mittwoch. Um die heutigen Pessimisten andererseits zur Aufgabe bewegen zu können, müsste das Börsenbarometer allerdings schon deutlich über 13.000 Zähler steige. Sein Bulle/Bär-Sentiment der Börse Frankfurt notiert mit plus 2,5 Prozent  im moderat positiven Bereich.

In den USA zeigt der „Angst-und-Gier-Index“ des S&P 500, der anhand technischer Marktdaten wie Volatilität und Marktmomentum errechnet wird,  mit 62 Prozent überwiegend Neutralität an. Institutionelle Anleger haben eine Anlagequote von 93 Prozent nach 81 Prozent in der Vorwoche.

Heibel bleibt bei seiner Ansicht: „Während viele in der Finanzbranche die vermeintlichen Risiken nach der fulminanten Rally aufzeigen und vor einem baldigen Ausverkauf warnen, kann ich mir solch ein Szenario nur schwer vorstellen.  Das Risiko bleibt weiterhin bei denen, die unterinvestiert sind und der Rally unbeteiligt zuschauen.“

Mit jedem Kursanstieg werden die Sorgen dieser Anleger größer. Die Entwicklung in den vergangenen Wochen hat gezeigt,  dass bei steigenden Notierungen noch größere Short-Position eingegangen werden. Diese sollen dann bei dem irgendwann folgenden Ausverkauf die entgangenen Gewinne der Rally fürstlich kompensieren soll. „Doch an der Börse folgt ein Ausverkauf erfahrungsgemäß erst dann, wenn diese Shortspekulanten die Nerven verloren und ihre Short-Positionen aufgelöst haben“, hält der Animusx-Inhaber entgegen. „ So weit ist es noch nicht.“

Nicht einmal das politische Beben in Washington, das Donald Trump durch die Entlassung des FBI-Chefs James Comey ausgelöst hat, konnte die Rally stoppen. Vor einer Woche hatte er sich „bullisch“ positioniert, jedoch als Warnung angemerkt, dass ein ungeahntes Ereignis, ein „Schwarzer Schwan“, jederzeit jede Sentimentanalyse ad absurdum führen kann. „Selbst der Schwarze Schwan der Comey-Entlassung konnte das Sentiment-Ergebnis nicht umkehren“, stellt er fest.

Worauf sollten Anleger aber nun achten? „Aus Sentiment-Sicht müssen wir darauf warten, dass die Stimmung nochmals nach oben schnellt“, erläutert Heibel.  Seit einigen Wochen sei die Stimmung bereits gut, aber noch nicht euphorisch. Solch eine Euphorie herrschte in den vergangenen Wochen kurz vor, aber zu kurz für ein Umkehrsignal an den Aktienmärkten.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.

Quelle:  Handelsblatt Online
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