Dax und Niedrigzinsen: „Der Markt ist kein DJ“

Dax und Niedrigzinsen: „Der Markt ist kein DJ“

, aktualisiert 15. August 2016, 08:47 Uhr
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ARCHIV - Eine Jukebox mit der Aufschrift "The real Wurlitzer" ist am 22.07.2013 in Trossingen (Baden-Württemberg) im Deutschen Harmonikamuseum zu sehen. Foto: Patrick Seeger/dpa (zu dpa "Revolution im November '89: Vor 125 Jahre wurde die Jukebox erfunden" vom 18.11.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Börsensignale sind wie Musik: Wer auf dem Parkett erfolgreich sein will, muss den Rhythmus erkennen, so eine Weisheit. Doch welcher Hit wird gerade gespielt? Experten fahren ihre Antennen aus und wagen einen Ausblick.

Zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück – so recht kam der Dax in den vergangenen Monaten nicht vom Fleck. Auch wenn es einige heftiger Turbulenzen gab und die Sorgen um Chinas Wirtschaftswachstum zu Jahresbeginn und das „Ja“ der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union Ende Juni für teils heftige Kursrückgänge sorgten, folgte die Erholung doch schnell. Mittlerweile notiert der deutsche Aktienindex (Dax) sogar nahe seines Jahresanfangsstands.

Im wilden Hin und Her an den Märkten hätten Anleger in den vergangenen Monaten viel Geld verdienen können. Nicht umsonst lautet eine alte Börsenweisheit: Börsensignale sind wie Musik, man benötigt eine Antenne, um sie zu empfangen und um dann den Rhythmus zu erkennen. Experten nehmen diese Musik und den Rhythmus sehr wohl war. „Börsensignale sind ein Feld, dem sich die technische Analyse widmet. Sie ist eine Möglichkeit, den Aktienmarkt zu interpretieren“ sagt beispielsweise Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity. „Möglicherweise stimmt die Börsenweisheit auch für die eher kurzfristige – durch Makroereignisse beeinflusste – Marktstimmung.“

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Auch Christoph Bruns, Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys, kann dieser Börsenweisheit einiges abgewinnen, schließlich impliziere sie doch, „dass Investment mehr als nur Handwerk ist, nämlich zu einem guten Teil Kunst“. Die Musik sei ohne Zweifel Kunst und ihr Rhythmus von einiger Bedeutung. Gerade in den Jahren nach der Finanzkrise sei die alte Börsenweisheit aktueller denn je, „weil die Finanzmärkte einen grundlegenden Rhythmuswechsel erfahren haben“. Allerdings fehle vielen Anlegern, institutionellen wie privaten, die richtige Antenne für diese großen Veränderungen.

Diese Meinung teilt Anja Welz, Vorstand der Laureus Privat Finanz. „Oftmals könnte man meinen, dass bereits leicht rockige Klänge als Death Metal interpretiert werden“, sagt sie mit Blick auf das Marktgeschehen der vergangenen Wochen und Monate. Hinzu komme, dass sich die Musikstile an der Börse auch ständig ändern würden. „Der Dauerbrenner ‚Riders on the storm‘ wurde Mitte Juni von ‚Should I stay or should I go now?‘ abgelöst und ehe man sich versieht läuft schon wieder ‚No Limit‘“, so Welz. „Mit solchen Stilbrüchen ist der Markt sicherlich kein DJ,  den man sich für seine Party wünscht.“

Doch wer auf die Musik hört und ständig versucht, den Rhythmus zu erkennen und ihn schon im Voraus zu fühlen, neigt zu übereilten Anlageentscheidungen. „Je öfter man auf das Portfolio schaut, desto öfter führt man Veränderungen durch, die gerade in volatilen Zeiten durch emotionale Entscheidungen geprägt sind – oftmals sind das die falschen“, sagt Volker Engelbert, Geschäftsführender Gesellschafter und Chief Investment Officer beim Vermögensverwalter Lingohr & Partner. „Daher raten wir, die Musik, wenn es um den Markt geht, abzuschalten und die Antenne abzubauen“, so Engelbert. Übersetzt heißt das: Der Lingohr-Experte kann dieser Börsenweisehit nicht viel abgewinnen.

Ebenso wie Christian W. Röhr. Der Börsenexperte und Gründer der Internetplattform Dividenden-Adel hält von dem musikalischen Sprüchlein herzlich wenig, „denn weder gibt es an der Börse Signale noch braucht man eine Antenne“. Er ist überzeugt: „Der gesunde Menschenverstand und ein bisschen finanzielle Bildung reichen völlig aus.“ Viele Privatanleger tun sich aber im aktuellen Marktumfeld schwer. Nach den starken Kursanstiegen in den vergangenen Tagen könnte es jederzeit zu Gewinnmitnahmen, auch wenn die Stimmung sich insgesamt aufgehellt hat. Doch im Jahresverlauf stehen noch weitere wichtige Themen mit einigem Konfliktpotenzial an, darunter die Präsidentschaftswahlen in den USA, eine neu aufflammende Bankenkrise, Terrorgefahr, die weitere Geldpolitik diesseits und jenseits des Atlantiks, neue und alte Krisenherde wie etwa die Ukraine und Russland oder aber Syrien. Diese Risikofaktoren können die Märkte kurzfristig immer wieder zurückwerfen.


Ein Mallorca-Hit sorgt für gute Stimmung

 

Doch welche „Musik“ empfangen die Börsenexperten gerade jetzt. „Den Mallorca-Hit ‚Heli-Heli-Heli-Helikopter‘ von Markus Becker“, sagt Röhr. Die Märkte würden mit Geld zugeschüttet, den risikolosen Zins gebe es nicht mehr. „Das ist der Nährboden für eine Vermögenspreis-Inflation, die bei Immobilien, Private Equity oder an der Wall Street längst im Gange ist und früher oder später auch die europäischen Börsen anheizen sollte“, ist er überzeugt. Auch für Fondsmanager Bruns hat für sich entschieden, wer an der Börse aktuell und in naher Zukunft den Ton angibt. „Als große Zampanos der neuen Tonart treten Dirigenten wie Janet Yellen, Mario Draghi und Haruhiko Kuroda auf“, sagt er mit Blick auf die wichtigen Notenbanken rund um den Globus. „Ihr vom Dirigentenpult vorgegebener Rhythmus dominiert das Börsengeschehen. Und je länger in diesem vorgegebenen Takt gespielt wird – es wird noch lange dauern - umso länger sind Aktien die strukturellen Gewinner des Konzerts.“


Gleichwohl lasse sich beobachten, dass die meisten Anleger die neuen Gegebenheiten noch nicht internalisiert hätten. Abzulesen sei das am Pessimismus vieler Marktteilnehmer. „Es ist diese großartige Melange aus Dauerniedrigzinsen und Pessimismus, die die Aktienmärkte auf neue Höhen treiben wird, denn finanzwirtschaftliche Alternativen gibt es nicht“, ist Fondsmanager Bruns überzeugt.
Musik hin oder her, Fidelity-Experte Roemheld hält die Fundamentalanalyse von Unternehmensdaten für den sinnvollsten und erfolgversprechendsten Ansatz, wenn man in den Aktienmarkt investieren möchte. „Denn langfristig sind es die Fundamentaldaten der Unternehmen, die die Entwicklung von Aktien bestimmen“, sagt er. Und hier sehe es für Deutschland und den Dax gut aus. Die Gewinne der deutschen Unternehmen profitieren weiterhin von der Globalisierung. Der Welthandel wächst mit rund vier Prozent pro Jahr und der Exportanteil an Deutschlands Bruttoinlandsprodukt liegt bei mehr als 45 Prozent. „Aber noch mehr als die Exporte treibt der Konsum in Deutschland die Wirtschaft an“, so Roemheld. „Alle Komponenten des verfügbaren Einkommens in Deutschland entwickeln sich positiv.“

Auch Exporte und Konsum resultieren in überdurchschnittlichem Wachstum deutscher Unternehmen. In den vergangenen 20 Jahren erzielten sie im Schnitt ein jährliches Wachstum von mehr als acht Prozent. „Diese Entwicklung ist weiter intakt, dennoch handelt Deutschland mit einem sehr großen Abschlag zu Europa. Dieser Abschlag ist fundamental nicht gerechtfertigt“, ist Roemheld überzeugt.

Die Börsenweisheit mag zutreffen. Die Analyse der Experten zeigt aber auch, dass Privatanleger lieber langfristig denken und agieren und nicht zu sehr auf den aktuellen Rhythmus der Märkte setzen sollten. „Kurzfristig ist der Markt nicht vorherzusagen“, sagt Lingohr-Experte Engelbert. „Und deswegen treffen wir unsere Anlageentscheidungen ausschließlich bewertungsorientiert und auf Einzeltitelebene und nicht auf den Gesamtmarkt, da dieser durch die Marktkapitalisierung verzerrt ist.“ Auch Börsenexperte Röhr rät Anleger, zwar auf den Rhythmus der Märkte zu hören, aber nicht danach tanzen. „Privatanleger sollten Aktien sehen wie vermietete Immobilien“, sagt er. „Nicht als Spekulation, sondern als Sachwerte, die laufende Erträge – nämlich Dividenden – abwerfen und genau deshalb langfristig an Wert gewinnen.“ Denn das ist es fast egal, welche Musik gerade an der Börse gespielt wird.


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Quelle:  Handelsblatt Online
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