
DüsseldorfDer September wird ein Monat der Entscheidungen. Vor allem was die Schuldenkrise betrifft. Experten rechnen mit Rückschlägen, da Draghi die Anleger mit weiteren Details zur Rettung der Krisenstaaten enttäuschen könnte. Seit Jahresanfang haben die Börsen deutlich zugelegt.
„Draghi steht im Regen“, warnt Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. „Er muss liefern, kann aber nicht.“ Schließlich wolle das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) am 12. September über die Rechtmäßigkeit des EU-Rettungsfonds ESM entscheiden. „Ich sehe den Dax Ende der Woche bei 6.650 Punkten“, fügt Ruland hinzu. In der alten Woche verlor der Leitindex etwa ein halbes Prozent auf 6.930 Punkte.
Auch die Experten der Landesbank Berlin schätzen das Risiko eines Kursrückschlages als hoch ein. Sie begründeten ihre Prognose neben der unverändert brisanten Lage in der Schuldenkrise mit durchwachsenen Konjunkturaussichten.
Das Draghi-Dilemma
„EZB-Präsident Draghi muss insbesondere zwei Fragen beantworten“, sagt Michael Heise, Chef-Volkswirt der Allianz „Erstens: Wie bleiben Anreize zu solider Haushaltsführung erhalten, nachdem die Bedingungen für Hilfsoperationen vom letzten EU-Gipfel gelockert wurden? Zweitens: Wie wäre die Unabhängigkeit der Zentralbank gesichert, falls Zinsobergrenzen festgelegt würden, die zu unlimitierten Eingriffen an Staatsanleihemärkten führen würden?“
Commerzbank-Analyst Michael Schubert geht allerdings davon aus, dass Draghi „nur einen Zwischenbericht zum geplanten Anleihekaufprogramm vorlegen“ wird. Wegen der BVerfG-Entscheidung werde die Europäische Zentralbank (EZB) zunächst nur über diejenigen Details entscheiden, die unabhängig vom ESM seien.
Der Grundsatzstreit innerhalb des EZB-Rates über die Geldpolitik in der Schuldenkrise wird laut Schubert für zusätzliche Verzögerungen sorgen. „Die Aussage Draghis, nur Bundesbank-Präsident Weidmann hätte grundsätzlich gegen Anleihekäufe gestimmt, spiegelt die Realität vermutlich nur bedingt wider.“ Schließlich hätten die Ratsmitglieder Luc Coene und Jörg Asmussen betont, dass die Fehler des ersten Anleihe-Ankaufprogramms nicht wiederholt werden dürften. Die damaligen Eingriffe hatten ein Nachlassen des Reform- und Spareifers in den entsprechenden Ländern nach sich gezogen.
Zur Ankurbelung der schwächelnden europäischen Konjunktur könnten die Währungshüter zudem den Leitzins um weitere 25 Basispunkte auf rekordniedrige 0,5 Prozent senken. Etwa die Hälfte der befragten Analysten sagte in einer Reuters-Umfrage einen solchen Schritt voraus.
„Der Weg zur 8.000er-Marke wäre frei“
Auf Konjunkturseite richtet sich das Hauptaugenmerk der Investoren auf die US-Beschäftigungszahlen am Freitag. Sie erhoffen sich Hinweise auf die Aussichten für die weltgrößte Volkswirtschaft. Von Reuters befragte Analysten sagen für August die Schaffung von 135.000 neuen Jobs voraus, nach einem Plus von 163.000 im Vormonat. Am Donnerstag - wegen des Feiertages „Labor Day“ (Montag) einen Tag später als üblich - will die private Arbeitsagentur ADP ihre Arbeitsmarktzahlen veröffentlichen. Hier erwarten Experten den Aufbau 150.000 neuer Stellen.
Dieser Rückgang wäre laut Börsianern aber nicht stark genug, um eine weitere Lockerung der US-Geldpolitik auszulösen. ING-Experte Rob Carnell rechnet frühestens Mitte Dezember - nach den US-Präsidentschaftswahlen - mit zusätzlichen Geldspritzen.
Dax und Co. werden neu geordnet
Darüber hinaus will am Mittwoch der Arbeitskreis Aktienindizes der Deutschen Börse über die Neuordnung von Dax, MDax & Co. entscheiden. „Die Rückkehr von Continental in das Oberhaus dürfte dabei beschlossene Sache sein“, schreibt LBBW-Analyst Uwe Streich in einem Kommentar. „Hierfür muss MAN weichen. Da neben Conti derzeit auch Lanxess - wenngleich nur knapp - die Kriterien für einen Aufstieg in den Dax erfüllt, droht auch Metro der Abstieg in den MDax.“
Im Nebenwerte-Index werde voraussichtlich Deutz seinen Platz für TAG Immobilien räumen müssen. Die Änderungen werden Ende September wirksam.
Auf Rückschläge vorbereiten
Die meisten Anleger in Frankfurt rechnen mit fallenden Kursen, wie die jüngste Wochenumfrage der Deutschen Börse und Cognitrend wieder zeigt. Danach sind 47 Prozent der Dax-Anleger pessimistisch gestimmt - im Börsenjargon also Bären. Nur 17 Prozent sind optimistische Bullen. Zulauf hatte gegenüber der Vorwoche nur das neutrale Lager. Mit 26 Prozent ist dieses Camp größer als das der Optimisten.
Die bärische Meinung teilen auch die Analysten der Gecam AG. In ihrem Marktkommentar erwarten sie Rückschläge für den Dax und eine Korrektur der Dax-Rally in den nächsten Wochen. „Die Korrektur sollte jedoch als strategische Kaufgelegenheit genutzt werden.“ Ihrer Meinung nach käme man an soliden Unternehmen in Zeiten einer Niedrigzinsphase nicht vorbei. Weiter glauben die Finanzdienstleister an die 8.000 Punkte-Marke beim Dax. „Wenn dann erst einmal – um am Beispiel des DAX zu bleiben – das Jahreshoch von 7.200 Punkten genommen wurde, ist der Weg zur 8.000er-Marke und darüber hinaus frei.“



















