Deutscher Aktienindex: Dax-Rekordhoch ist Blamage für die Profis

Deutscher Aktienindex: Dax-Rekordhoch ist Blamage für die Profis

, aktualisiert 23. Januar 2018, 14:49 Uhr
von Jürgen RöderQuelle:Handelsblatt Online

Der Dax hat ein neues Allzeithoch markiert, das viele Profianleger nicht erwartet hatten. Dadurch stehen die Chancen auf weiter steigende Kurse gut. Für den Leitindex rücken neue Marken erstmals in Reichweite.

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Börsenhändler beim Jahreswechsel 2017/18.

DüsseldorfFür den Verhaltensökonomen Joachim Goldberg war am Mittwoch vergangener Woche klar: Viele pessimistische Anleger haben – teilweise mit Verlusten – ihre Aktien verkauft. Was bedeutet: Diese Investoren verhindern Kursrückgänge, weil sie schnell wieder in den Markt einsteigen werden. „Noch interessanter gestaltet sich jedoch das Geschehen, wenn man sich einen möglichen Run auf das Allzeithoch des Dax vorstellt“, schrieb der Börsenexperte nach der Analyse seiner wöchentlichen Umfrage zur Anlegerstimmung im Auftrag der Frankfurter Börse. „Denn dann kämen die Skeptiker von heute in Verlegenheit und müssten womöglich dem Markt hinterherrennen“.

Genau dieses Szenario trat am heutigen Dienstag ein: Der Dax erreicht mit 13.597 Zählern ein neues Rekordhoch. Das bisherige lag bei 13.525 Punkten. Und vieles spricht dafür, dass die Frankfurter Benchmark in den nächsten Wochen von diesem Level nicht abstürzt, sondern auf neue Rekordstände klettern wird.

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„Rückschläge, die jederzeit erfolgen können, sind meiner Einschätzung nach weiterhin Kaufgelegenheiten“, meint auch Sentiment-Experte Stephan Heibel, der die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage „Dax-Sentiment“ auswertet. Auch er glaubt, dass „die Rally durchaus weiterlaufen kann.“

Was derzeit gegen fallende Kurse spricht: Viele Anleger haben offenbar die Kursgewinne seit Anfang Januar verpasst. Die Investitionsquote ist relativ niedrig, entsprechende Nachfrage also weiterhin vorhanden.

Institutionelle Investoren haben sogar seit Anfang des Jahres verstärkt auf fallende Kurse gesetzt – entweder als Absicherung oder als Spekulation, um von fallenden Notierungen zu profitieren. Eine Blamage für die Profi-Anleger, die jetzt versuchen müssen, wieder eine Rendite für ihr Depot zu erzielen.

Auch Privatanleger, die monatelang auf eine Jahresend- und später auf Jahresanfangsrally mit Hebelprodukten spekuliert haben, fangen nun wieder an, stärker auf sinkende Kurse zu setzen. Das ist ablesbar am Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, das anhand von realen Trades mit Hebelprodukten auf den Dax ermittelt wird.

Solche Spekulationen auf fallende Kurse bilden ein Sicherheitsnetz für die Börse. Denn die sogenannten Short-Produkte basieren auf dem Prinzip von Leerverkäufen. Dabei leiht der Inhaber einer Aktie gegen eine Gebühr dem Leerverkäufer das Wertpapier. Der wiederum verkauft den Titel und versucht ihn anschließend billiger zu erwerben und dem Inhaber zurückzugegeben. Der Gewinn für den Leerverkäufer ist dann die Differenz zwischen Verkaufs- und Kaufpreis abzüglich der Leihgebühr.

Dieses Sicherheitsnetz erklärt sich wie folgt: Steigen die Kurse, muss der Leeverkäufer die Aktie wieder kaufen, damit die Verluste nicht ausufern. Und bei fallenden Kursen wird der Leerverkäufer seinen Gewinn einstreichen. In beiden Fällen wird die Aktie gekauft und stützt damit den Kurs.

Doch wie weit kann der Dax noch steigen? Anhaltspunkte dafür bietet die Charttechnik. „Auf einmal dann mit Inbrunst - und das ist typisch Dax“, kommentiert der freie Charttechniker Holger Struck das neue Rekordhoch beim wichtigsten deutschen Aktienbarometer. Schließlich hatte der Dax gegenüber dem Dow-Jones-Index seit dem Sommer 2017 eine „Underperformance“ von 20 Prozentpunkte aufgebaut. „Rund 80 aufeinanderfolgende Allzeithochs des Dow Jones wurden weitestgehend ignoriert und teils sogar mit rückläufigen Kursen quittiert“, rechnet der technische Analyst vor.

Für ihn ist die Marke von 13.700 Punkten ein eher unmittelbares als mittelbares Ziel der derzeitigen Aufwärtsbewegung. Kurzfristig negativ wäre laut Struck der Rückfall unter 13525 bis 13.500 Zählern. Für Jörg Scherer, Charttechniker bei der Düsseldorfer Bank HSBC, sind 13.024 Punkte eine entscheidende Marke, die in Zukunft nicht mehr unterschritten werden sollte.


Den Trend laufen lassen

Für die meisten technischen Analysten ist ohnehin klar: Der deutsche Leitindex wird schnell die Marke von 14.000 Punkten erobern. Das haben noch vor einer Woche vier Experten im Handelsblatt-Gespräch signalisiert. Damals lag der deutsche Leitindex noch bei 13.200 Zählern.

„Der aktuelle Börsentrend ist extrem stark“, bescheinigte in dem Gespräch DZ-Bank-Analyst Dirk Oppermann der Hausse eine gesunde Verfassung. „Für Anleger gilt die Devise: den Trend laufen lassen.“
Technische Analysten leiten ihre Prognosen im Gegensatz zu den Fundamentalanalysten nicht aus Entwicklungen der Konjunktur und Unternehmen ab, sondern orientieren sich an Kurscharts, Stimmungen und Trends. Im Vorjahr sagten dieselben befragten Experten beim Handelsblatt-Gespräch den prozentual zweistelligen Sprung auf über 13.000 Punkte vorher – und behielten recht.

Man muss kein Anhänger von Charttechnik sein, doch ohne einen Blick auf die Dax-Kurve sollten Anleger auch nicht investieren. Und die Kurve zeigt: In der ersten Phase der mittelfristigen Hausse, von Dezember 2016 bis Mai 2017, kletterte die Frankfurter Benchmark von 10.500 auf 12.800 Punkte – ein Plus von 22 Prozent innerhalb von rund fünf Monaten.

Nach der dreimonatigen Korrektur ist der Dax bei einem Punktestand von 12.000 Anfang September in die zweite Hausse-Phase gestartet. Diese Phase dauert noch an – und dauert wohl länger als die erste. Würde der Dax erneut um 22 Prozent steigen, lautet das Kursziel 14.600 Punkte. Doch das ist lediglich eine theoretische Hochrechnung. Für den freien Charttechniker Holger Struck ist diese Marke – genau genommen 14.672 Zähler - aber mittelfristig erreichbar, vielleicht sogar schon in diesem Jahr.

Doch wann endet die Hausse, die 2009 angefangen hat und dem Dax ein Plus von rund 350 Prozent beschert hat? Für die vier Charttechniker in dem Handelsblatt-Gespräch dürfte es spätestens im Herbst eine kräftige Korrektur geben. Doch ob diese Kurskorrektur in eine Baisse endet ist noch nicht entschieden.

Was noch fehlt ist eine Übertreibungsphase an den Börsen – so wie beispielsweise zur Jahrtausendwende. Denn für solch eine Phase fehlen – derzeit noch – wichtige Zutaten: Euphorische Anleger mit einer extrem hohen Investitionsquote. Oder hohe Zinsen, wie in den Jahren 2001 oder 2008, als die Sätze in den USA und Europa auf Rekordniveau lagen.

Solange keine dieser beiden Bedingungen erfüllt ist, dürfte es keine langanhaltende, mehrjährige Baisse geben – sondern lediglich Korrekturen. Die können aber auch kräftig ausfallen. So verlor der Dax in den Jahren 2011 und 2015 zwischenzeitlich mehr als 25 Prozent. Doch derzeit gilt für den deutschen Aktienmarkt, was seit dem Sommer 2016 für die US-Börsen gilt: „The trend is your friend“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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