
In den deutschen Medien wurde noch im Frühjahr wochenlang heftig darüber gestritten, ob Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn sein Jahresgehalt für 2011, insgesamt über 17 Millionen Euro, verdient habe oder ob eine solche Summe angesichts krasser sozialer Unterschiede in Deutschland nicht unangebracht sei. Nun gibt es Stoff für eine neue Diskussion über die Gehälter von Top-Managern: Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hat am Mittwochmorgen ihre Aufsichtsratsstudie 2012 vorgelegt.
Darin ging sie unter anderem auf die Vergütungen der Aufsichtsratsmitglieder der 30 Dax-Unternehmen für das Geschäftsjahr 2011 ein. Das Ergebnis: Insgesamt bekamen die Dax-Aufseher 69,7 Millionen Euro von ihren Unternehmen. Da die Steigerung gegenüber dem Vorjahr mit 7,6 Prozent aber im Rahmen bleibt, dürfte der ganz große Aufschrei ausbleiben. Zumal die Aufsichtsräte auch bei weitem nicht so üppig verdienen wie die Vorstandsvorsitzenden.
Aufseher als „entscheidende Organe"
Bild: dapdDie Studie: In Kooperation mit der Georg-August-Universität Göttingen hat das Handelsblatt die Umfangreiche Studie über die Macht deutscher Aufsichtsräte erstellt. Dafür wurden 160 Geschäftsberichte der führenden Unternehmen aus den Börsensegmenten Dax, MDax, SDax und TecDax ausgewertet. Jedes Mandat wurde nach den drei Kriterien Reputation, Netzwerk und Status gewichtet (für jeden Faktor wurden maximal 100 Punkte vergeben). Summiert ergibt das die Gesamtwertung der Macht jedes einzelnen Aufsichtsrats.
Bild: ReutersPlatz 20: Unter den mächtigsten Aufsichtsräten in Deutschland belegt Ulrich Middelmann mit 136 Bewertungspunkten den 20. Platz. Als ehemaliger stellvertretender Vorstandschef des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp ist er seit 2006 im Kontrollgremium der Commerzbank vertreten und seit 2010 Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Telekom. 2005 hat Middelmann einen Platz auf der Aufseherbank beim Spezialchemiekonzern Lanxess eingenommen. Doch nicht jede Entscheidung Middelmanns ist auch mit Erfolg gekrönt: Gemeinsam mit dem damaligen Krupp-Vorstandschef Ekkehard Schulz entwickelte Mittelmann bei Thyssen-Krupp den Plan, durch ein Werk in Brasilien neue Märkte zu erschließen - ein Flop. Das Werk wird nun verkauft.

Platz 19: Der Aufsichtsratsvorsitz beim Dax-Unternehmen Fresenius beschert Gerd Krick den Einzug in die Top 20. Der ehemalige Fresenius-Vorstandsvorsitzende erreicht besonders beim Kriterium Status, dass die interne Macht innerhalb eines Unternehmens misst, eine hohe Punktzahl.
Bild: dapdPlatz 18: Der Ex-Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF, Jürgen Hambrecht, erreicht im Ranking 138 Punkte und ist nicht im Aufsichtsrat seines langjährigen Arbeitgebers vertreten. Dafür sitzt er bei Daimler, der Lufthansa und Fuchs Petrolub. Der 66-Jährige zeichnet sich durch hohes gesellschaftliches Engagement aus. So ist er beispielsweise für die Wissensfabrik unterwegs, einem bundesweiten Unternehmerverbund zur Förderung von Technik und Naturwissenschaft in den Schulen.

Platz 17: Die Meinungsforscherin Renate Köcher ist die einzige Frau in den Top 30 der mächtigsten Aufsichtsräte. Die Geschäftsführerin des bedeutenden Institut für Demoskopie Allensbach sitzt gleich bei drei Dax-Unternehmen im Aufsichtsrat - bei der Allianz, BMW und dem Halbleiterhersteller Infineon. Frauen besetzen mittlerweile neun Prozent der Sitze in den Kontrollräten der 160 wichtigsten deutschen Unternehmen, bei den Dax-Konzernen stellen sie sogar 13 Prozent. Doch um im Ranking weitere Spitzenpositionen zu besetzen, fehlt ihnen oft das Netzwerk oder der Posten als Vorsitzende.
Bild: dpaPlatz 16: Der Abschied bei Thyssen-Krupp kostete Ekkehard Schulz elf Plätze. Im vergangenen Jahr besetzte der ehemalige Krupp-Vorstandschef noch Platz fünf der Rangliste. Mit einem Sitz im Aufsichtsrat von Bayer, MAN und RWE reicht es in diesem Jahr nur für 140 Punkte und damit Platz 16.
Ekkehard Schulz war für den Bau der Stahlwerke in Brasilien verantwortlich - ein Milliardengrab. "Natürlich habe ich Fehler gemacht", sagte Schulz dazu im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Bild: dpaPlatz 15: Ferdinand Piech ist Chefkontrolleur bei Deutschlands gewinnträchtigstem Unternehmen Volkswagen. Die Macht des Enkels von Ferdinand Porsche im Unternehmen ist unumstritten. Im April zog auch seine Frau Ursula Piech in den Aufsichtsrat von Volkswagen ein. Piech selber sitzt außerdem in den Kontrollgremien von MAN und dem schwedischen Lkw-Hersteller Scania (nicht im Ranking).
Bild: dpaPlatz 14: Der Wirtschaftsinformatiker Klaus Trützschler (links im Bild) wechselte in diesem Jahr vom Vorstand des Mischkonzerns Haniel in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank - und schoss damit 19 Plätze nach oben auf Platz 14 (148 Punkte) des Handelsblatt-Rankings. Der für die Universität Münster tätige Honorarprofessor ist außerdem Mitglied des Aufsichtsrat bei Takkt und dem Bauunternehmen Bilfinger Berger.
Bild: picture-alliancePlatz 13: Klaus Mangold, der ehemalige Topmanager des Autokonzerns Daimler und Ex-Vorstandschef von Debis ist seit Februar Chefaufseher beim Reisekonzern Tui. Auch bei Continental und Metro ist Mangold Mitglied des Aufsichtsrates. Der 69-Jährige erreicht im Ranking 150 Punkte und landet damit wie im Vorjahr auf Rang 13.
Bild: ReutersPlatz 12: Hans-Jürgen Schinzler hatte kein leichtes Jahr. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Munich Re durfte sich Schinzler ausführlich mit dem Ergo-Sexskandal beschäftigen und auch bei Metro, wo Schinzler ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt, reihte sich ein Skandal an den nächsten. Zuletzt verlor Metro seinen zweiten Finanzchef innerhalb von zwei Monaten. Die presseträchtigen Vorfälle beeinflussen das Ranking jedoch nicht. Schinzler steigt im Vergleich zum Vorjahr um elf Plätze und landet auf Platz zwölf.
Die Studie: In Kooperation mit der Georg-August-Universität Göttingen hat das Handelsblatt die Umfangreiche Studie über die Macht deutscher Aufsichtsräte erstellt. Dafür wurden 160 Geschäftsberichte der führenden Unternehmen aus den Börsensegmenten Dax, MDax, SDax und TecDax ausgewertet. Jedes Mandat wurde nach den drei Kriterien Reputation, Netzwerk und Status gewichtet (für jeden Faktor wurden maximal 100 Punkte vergeben). Summiert ergibt das die Gesamtwertung der Macht jedes einzelnen Aufsichtsrats.
Zur Sicherheit wies DSW-Hauptgeschäftsführerin Jella Benner-Heinacher aber auch gleich zu Beginn der Vorstellung der Studie darauf hin - wohl gerade um den Freunden von Neiddebatten schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen - , wie wichtig die Funktion der Aufsichtsräte vor dem Hintergrund der seit der Finanzkrise deutlich gestiegenen Anforderungen an Unternehmen, vor allem im Hinblick auf Compliance-Vorgaben, geworden sei: „ Wurden sie früher noch oft als Gremien belächelt, in denen ältere Herren sich viermal im Jahr zum geselligen Beisammensein trafen, um relativ kritiklos Vorstandsbeschlüsse abzunicken, gehören sie heute zu den entscheidenden Organen der Unternehmen“, so Benner-Heinacher.
VW ist Spitzenreiter
Dass die Steigerungen bei den Aufsichtsratsgehältern gegenüber dem Vorjahr insgesamt den zweistelligen Prozentbereich nicht erreichten, lag definitiv nicht an Volkswagen. Wie bei den Vorständen ist VW auch bei den Aufsichtsräten der spendabelste Arbeitgeber. Die Wolfsburger zahlten ihren 20 Aufsehern insgesamt knapp 7,4 Millionen Euro und damit fast 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei Siemens, dem Zweitplatzierten in dieser Kategorie, erhielt das Gremium zusammen 4,8 Millionen Euro (plus 18 Prozent). In Sachen Wachstum erklomm Infineon die Spitze: Das Gehalt der Aufsichtsräte des Chipherstellers stieg mit 263 Prozent am stärksten. Das führt die DSW darauf zurück, dass sowohl eine variable Vergütung gezahlt – die 2010 entfallen war – als auch die fixe Vergütung erhöht wurde. Zudem habe der Konzern ein Sitzungsgeld eingeführt.
Piëch kassiert ab
Der Titel des größten Einzelverdieners unter den Aufsichtsräten ging wenig überraschend ebenfalls nach Wolfsburg: VW-Aufseher Ferdinand Piëch, der auch im Aufsichtsrat anderer Dax-Konzerne sitzt, erhielt insgesamt 1,1 Millionen Euro. Gerhard Cromme, der den Kontrollgremien von Siemens und ThyssenKrupp vorsitzt, bekam 1,05 Millionen. Das Gehalt des ebenfalls vielbeschäftigten Manfred Schneider, auch Aufsichtsrat in mehreren Dax-Unternehmen, nimmt sich dagegen recht bescheiden aus: Er kassierte 990.000 Euro.
Nicht ganz so prächtig wie ihren Kollegen im wichtigsten deutschen Index erging es den Aufsehern der MDax-Unternehmen. Hier entwickelten sich die Vergütungen im Gegensatz zum Dax rückläufig, mit insgesamt 42,6 Millionen verdienten die Aufsichtsräte um 0,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Am spendabelsten war dabei das Rhön Klinikum mit einer Vergütung von 2,7 Millionen Euro für seine 20 Gremiumsmitglieder. Spitzenreiter bei den Einzelpersonen war zudem Rhön-Aufsichtsratsvorsitzender Eugen Münch mit 514.000 Euro. Bei TecDax und SDax gab es insgesamt Steigerungen um 6,7 beziehungsweise knapp sechs Prozent; Bestverdiener im TecDax war Kim Schindelhauer (Aixtron/348.000 Euro), im SDax war das Fred Kogel (417.000 Euro/Constantin Medien AG).
„Nicht in alte Muster verfallen“
In der Studie des DSW ging es aber nicht ausschließlich ums Monetäre. Die Anlegerschützer widmeten sich auch der Frauenquote. Hier sehen sie erheblichen Nachholbedarf: „Insgesamt sind die größten deutschen Aktiengesellschaften von einem 30-Prozent-Anteil in ihren Kontrollgremien noch weit entfernt“, fasst Hauptgeschäftsführerin Benner-Heinacher zusammen. Sie stellt fest, dass nur 11,1 Prozent der Ausschusssitze in den DAX30-Unternehmen von Frauen besetzt werden - 7,5 Prozent davon sind Arbeitnehmerinnenvertreter, 3,6 Prozent Anteilseignervertreterinnen -, lediglich bei Beiersdorf, der Deutschen Post, Henkel und Infineon leite eine Frau einen Ausschuss.
Benner-Heinacher bringt es auf den Punkt: „Der Aufsichtsratsvorsitz ist praktisch vollständig männerdominiert.“ Nur der Aufsichtsrat von Henkel habe Familienvertreterin Simone Bagel-Trah zu seiner Vorsitzenden gewählt, so Benner-Heinacher.
Aufsichtsrat DSW-Vizepräsident Klaus Nieding dürfte allerdings nicht nur die Frauenquote im Kopf gehabt haben, als er die Vorstellung der Studie mit dem Appell beendete, „bei der Kandidatenkür nicht in alte Muster zu verfallen und den besten Golfkumpel für eine der vakant werdenden Aufsichtsratspositionen vorzuschlagen“.
























