Elsässers Auslese: Chinas Börse - Verunsicherung aus den falschen Gründen

kolumneElsässers Auslese: Chinas Börse - Verunsicherung aus den falschen Gründen

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Markus Elsässer findet, man müsse chinesische Eigenheiten bei der Bewertung der Börsenturbulenzen in China mit einbeziehen.

Kolumne von Markus Elsässer

Schwächere Wachstumsraten in China rufen die Pessimisten auf den Plan, die Börsen fallen weltweit. Wird China richtig interpretiert? Genaue Kenntnisse der Geschäftsmentalität sind dafür erforderlich. Eine Kolumne.

Geldanleger in Europa haben es zur Zeit schwer. Schon immer bekamen die europäischen Börsianer einen Schnupfen, wenn die Wall Street nur leicht hüstelte. Doch nun dröhnt es aus China. Wenn die Börsenkurse dort purzeln, löst es hierzulande Finanz-Erdbeben aus. Verluste auf dem Parkett in Shanghai führen dazu, dass europäische Investoren ihre Anlagestrategien über den Haufen werfen. Die Überlegung ist einfach: Wenn es im großen China rutscht, dann wird das bei uns ja wohl auch bald so sein.

Aus meiner Sicht beruhen die Reaktionen der westlichen Finanzmärkte auf einer Fehlinterpretation. Wir haben es bei diesem Phänomen mit zwei möglichen Sachverhalten zu tun. Entweder sind die Finanzerschütterungen und Sorgen das Ergebnis einer gezielte Medienkampagne oder sie basieren auf Unkenntnis der wahren chinesischen Verhältnisse und Zustände.

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Zur Person

  • Markus Elsässer - Value Investor

    Nach einer Industriekarriere ist Elsässer seit 1998 selbständiger Value Investor und gründete vor dreizehn Jahren den Value Fonds "ME Fonds - Special Values“ (www.aqualutum.de). Elsässer wuchs in London, Hongkong und Paris auf. Nach Banklehre und Wirtschaftsstudium in Köln arbeitete er in einer Wirtschaftsprüfungs-Sozietät, als Finanzdirektor bei Dow Chemical Deutschland, in Sydney für Benckiser und in Singapur für die Storck Gruppe. Darüber hinaus arbeitete er einige Jahre eng mit dem New Yorker Investor Guy Wyser-Pratte zusammen, mit dem er unter anderem 2001 gegen den Rüstungskonzern Rheinmetall zu Felde zog. Im Jahr 2012 gründete er mit dem Profifußballer Simon Rolfes das Sport-Management Unternehmen  Rolfes & Elsässer - The Career Company.

Historisch und kulturell gesehen ist der Anteil der talentierten und erfolgreichen Geschäftsleute unter den Chinesen immer schon sehr hoch gewesen. Chinesische Auswanderer sind in ganz Südostasien im Geschäftsleben in ihren neuen Heimatländern seit Jahrhunderten tonangebend. Eine besondere Stärke der Chinesen liegt in ihrem Familien- und Clan-Denken. Unternehmer investieren innerhalb der Familie. Finanziert wird - wenn es irgend geht - innerhalb des weiten Familienverbunds. Diese privaten Finanzierungsverbindungen bestehen teils über Landesgrenzen hinweg und über Generationen. Sie sind unsichtbar. Ein chinesischer Großonkel, der sich beispielsweise vor vier Generationen in Bangkok niedergelassen hat, verdankte seinen Aufstieg damals der Finanzhilfe eines Familienzweigs in Manila. Sie investierten ihre Ersparnisse ins Bangkok-Venture. Nun, vier Generationen später hat ein Neffe des alten „Manila-Zweigs“ in Kuala Lumpur die Chance, eine Firma zu übernehmen. Und wie durch ein Wunder bringt er die Finanzierung zusammen. Keiner weiß, wie ihm das gelungen ist. Die Kraft und Macht dieser geheimen „Du schuldest mir“ Bilanz-Bücher ist ein strategischer, unschätzbarer Vorteil der chinesischen Unternehmer.

Wie Chinas Index CSI 300 über ein Jahr abschnittClip
Wie Chinas Index CSI 300 über ein Jahr abschnitt

Das familienbezogene und praktizierte Finanzdenken hat seinen Ursprung im tief verwurzelten Misstrauen der Chinesen in das Bankensystem, in das Papiergeld und in die Börse. Meine Familie hat seit drei Generationen Asienerfahrung vor Ort. Ende der sechziger Jahre bin ich selbst in Hong Kong aufgewachsen. Ich erinnere mich noch genau: Immer wieder hat es Panik und Hyperspekulation gegeben. Die Gefahr eines Bank-Runs war allgegenwärtig. Schon damals war für jedermann offensichtlich: Auf der einen Seite gibt es das solide Geschäftsgebaren im privat-unternehmerischen Umfeld, auf der anderen Seite die Spielleidenschaft an den Geld- und Aktienmärkten, Pferderennplätzen und in den Casinos. Letzterer Hang zur Spekulation und zum Hoch-Risiko außerhalb des Unternehmerischen ist kein Auswuchs der Unterschicht oder gar einer kleinen Gruppe eher krankhaft veranlagter Drop-Outs. Nein, der fanatische Umgang mit Geld und Geldgewinnen hat seine Ursprünge in der Geschichte der chinesischen Kultur.

Von der fatalen Neigung zum finanz-selbstmörderischen Spielverhalten der chinesischen Oberschicht berichtet schon der Bremer Kaufmann Eduard Grösser aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. „Es konnte passieren, dass ein großer Mandarin beim Ma-Yong Spiel ein Vermögen verlor. Solche Verluste und auch sonstige Ehrenschulden konnten immer nur ausgeglichen werden, wenn man in irgendeiner Form Aufträge an die Barbaren erteilte. Die Chinesen sind ja geborene Spieler, die nächtelang Ma-Yong spielen und ohne mit der Wimper zu zucken Hab und Gut aufs Spiel setzen.“ Nicht umsonst hat heute Macao in nur wenigen Jahren Las Vegas als die Nummer eins im Casino-Business abgelöst. Auf der Pferderennbahn in Hong Kong wird an einem Wochenende mehr an Wettumsatz generiert als im ganzen Jahr auf sämtlichen Rennplätzen in Deutschland.

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