Euro Stoxx 50, Dow Jones & Schwellenländer: Warum Investoren europäische Aktien verschmähen

Euro Stoxx 50, Dow Jones & Schwellenländer: Warum Investoren europäische Aktien verschmähen

, aktualisiert 25. Juli 2016, 16:49 Uhr
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Kaum noch globale Investoren wollen europäische Aktien.

Quelle:Handelsblatt Online

Noch 2015 steckten globale Investoren so viel Geld wie nie in europäische Aktien. Heute ziehen sie ihre Gelder in Scharen wieder ab. Und ein Ende scheint längst noch nicht in Sicht.

FrankfurtVielleicht ist es einfach Reue. Noch im vergangenen Jahr hatten Investoren so viel Geld in europäische Aktien gesteckt wie noch nie. Doch jetzt scheinen sie von den schwachen Erträgen offenbar geschockt zu sein.

Globale Fonds-Investoren ziehen sich so schnell wie noch nie aus dem Markt zurück. Und das, obwohl die Dividenden im Euro Stoxx 50 derzeit im Schnitt 3,7 Prozent mehr Gewinn bringen als Anleihen. Von BNP Paribas bis Siemens sind die Unternehmen des Index im Durchschnitt außerdem um ein Viertel günstiger zu haben als der S&P 500.

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Doch die Marktteilnehmer sehen das europäische Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne im Moment so pessimistisch wie seit Oktober vergangenen jahres nicht mehr. Anleger sind enttäuscht von den mehrfachen Kurskorrekturen seit 2012, die trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – einer expansiven Geldpolitik, der schwachen Gemeinschaftswährung, niedriger Ölpreise und zuletzt dem Brexit-Votum an den Märkten durchgeschlagen haben.

Noch 2015 steckten Investoren aus der ganzen Welt 123 Milliarden Dollar in europäische Aktien. Die Hälfte davon wurde seit Januar allerdings schon wieder abgezogen. Das zumindest geht aus einer Untersuchung der Bank of America hervor, die sich auf Daten von EPFR Global beruft, einen Finanzmarktdienstleister, der sich auf die Mittelflüsse von Fondsgeldern spezialisiert hat.

„Es schien, als wären alle nötigen Mittel vorhanden, um Europa zum Glänzen zu bringen“, sagt Caroline Simmons, stellvertretende Leiterin für britische Investments bei UBS Wealth Management in London. Doch die Erträge seien letztlich nicht zustande gekommen. UBS Wealth Management verwaltet weltweit 937 Milliarden Dollar. Simmons rät zu US- statt europäischen Aktien. „Die Anleger glauben offenbar, dass die Zeit für europäische Titel wohl auch in Zukunft nicht kommen wird, wenn sie schon bislang nicht kam“, erklärt Simmons.

Die Abflüsse haben vor allem in den vier Wochen nach dem Brexit-Votum vom 23. Juni stark zugenommen. Allein in diesem Zeitraum zogen die Investoren 21,5 Milliarden Euro aus europäischen Wertpapieren ab. Selbst die Zusicherungen des EZB-Präsidenten Mario Draghi, dass die politischen Entscheidungsträger schon nicht zögern würden, wenn nötig weitere Anreize an den Märkten zu schaffen, kann die Investoren nicht beruhigen.

Seit Jahresbeginn hat der Euro Stoxx 9,6 Prozent seines Wertes verloren. Vor allem im Januar und Juni sind die Verluste mit mehr als sechs Prozent deutlich ausgefallen. In Italien belaufen sich die Verluste seit Anfang Januar sogar auf ein Fünftel, in Portugal, Spanien und Irland sind es immer noch neun Prozent. Im Gegensatz dazu stieg der S&P 500 um 6,4 Prozent, der MSCI Asien um 1,5 Prozent.

Schnell kassierten Analysten ihre Wachstumsprognosen bei Gewinnen und Kurszuwächsen, als der Euro Stoxx 50 im Februar auf seinen tiefsten Stand seit 2013 fiel – 2.673 Punkte. Besonders hart gebeutelt wurden Bankaktien, mit einem Anteil von einem Fünftel die bedeutendste Branche des europäischen Leitindex. Schließlich machten sich Sorgen breit, ob die expansive Geldpolitik der EZB tatsächlich die Wirtschaft ankurbelt kann.

Mittlerweile gehen Analysten davon aus, dass die Gewinne europäischer Unternehmen 2016 um 2,5 Prozent fallen werden und der Euro Stoxx 50 wohl das mieseste Jahr seit dem Gipfel der Schuldenkrise im Jahr 2011 bilanzieren wird. Damals sackte der Index um 9,2 Prozent ab.


Politik schlägt Investoren in die Flucht

Der jüngste Rückzug aus europäischen Aktien ist ein weiterer Rückschlag für einen Kontinent, der auch acht Jahre nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise mit deren Folgen zu kämpfen hat. Mit Ausnahme eines Jahres wuchs die amerikanische Wirtschaft seit 2009 immer stärker als jene der Euro-Zone. Und die Prognosen für die Jahre 2016 und 2017 sehen wenig aufmunternd aus. Statt eines Wirtschaftswachstums von 1,5 Prozent erwarten Ökonomen in der Euro-Zone mittlerweile nur noch 1,2 Prozent.

„Das Wachstum hat nie richtig eingesetzt. Dazu kommt nun die Angst, dass sich der Trend umkehren könnte“, sagt Kevin Lilley, der für Old Mutual Global Investors in London europäische Aktieninvestments managt. Sein Arbeitgeber, der 34 Milliarden Dollar verwaltet, agiere ebenfalls defensiver. Statt auf Aktien von Banken und Autobauern setzt das Unternehmen nun verstärkt auf Titel von Energieversorgern und aus dem Gesundheitswesen.

Dennoch: Weltweit sind Aktien derzeit teurer als im Schnitt der vergangenen drei Jahre. Der Euro Stoxx 50 ist im Vergleich billiger. Peter Garnry von der Saxo Bank hält die Situation im Moment daher für eine Einstiegsgelegenheit. „Sich jetzt von europäischen Aktien abzuwenden, ist falsch“, sagt Garnry, Leiter der Aktienstrategie bei der Saxo Bank. Sein Institut glaubt an eine positive Entwicklung europäischer Titel. „Der Abschlag ist im Moment einfach zu groß“, schätzt Garnry. Schließlich zeigten ökonomische Daten, dass es für die Wirtschaft in Europa besser laufe als in den USA. Und wenn die Konjunktur in China anziehe, könne davon auch Europa davon profitieren.

In der Tat hat sich die Industrie in Europa in vier der vergangenen fünf Monate besser entwickelt als in den USA. In China scheint die Wirtschaft auf die jüngsten Konjunkturprogramme anzuspringen. Im ersten Halbjahr 2016 sei das Bruttoinlandsprodukt um 6,7 Prozent gewachsen und damit leicht stärker als erwartet. Schätzungen der US-Bank Morgan Stanley zufolge machen europäische Firmen acht Prozent ihrer Geschäfte in China – bei den US-Unternehmen sind es nur drei Prozent.

Letztlich sei es die Zunahme politischer Unsicherheiten gewesen, die Patrick Moonen von NN Investment Partners zum Verkaufen europäischer Aktien trieb. Ihm zufolge sei es einfach zu schwer, die Konsequenzen für das Wirtschaftswachstum abzuschätzen. Nicht nur das Brexit-Votum verunsichert ihn. Auch in Spanien bleibt die Lage labil. Nach zwei Wahlen ist die Politik noch immer nicht in der Lage, eine stabile Regierung zu formen. Populistische Parteien sind auf dem Vormarsch und bedrohen die etablierten Parteien.

Das wiederum verunsichert die Akteure an den Finanzmärkten, da sie nicht wissen, welche Folgen dies für ihre Vermögensanlage hat. Im nächsten Jahr stehen in Frankreich und Deutschland Wahlen an. Schon im Herbst stimmt Italien über eine Verfassungsreform ab, die in einer Stärkung der Euro-skeptischen Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo gipfeln könnte.

„Es gibt einen Punkt, an dem es sich einfach nicht mehr lohnt, ein Risiko einzugehen“, sagt Moonen von NN Investment Partners. Das Unternehmen verwaltet 200 Milliarden Dollar. Statt europäische Aktien empfiehlt er Titel aus Schwellenländern. „Wenn so viel Lärm von der Politik ausgeht, schauen sich Investoren eben lieber woanders um.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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