Experten-Prognosen: Der Rohstoff-Boom hat viele Leben

Experten-Prognosen: Der Rohstoff-Boom hat viele Leben

, aktualisiert 06. Juni 2011, 11:03 Uhr
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Minenarbeiter in Südafrika: Gold und andere Metalle bleiben bei den Anlegern gefragt.

von Udo RettbergQuelle:Handelsblatt Online

Der Rohstoff-Boom stockt, die Nervosität der Anleger ist deutlich gestiegen. Ist der Superzyklus zu Ende oder geht es nach der Korrektur bald wieder aufwärts? Für Experten ist die Antwort klar.

FrankfurtRohstoffe zählten lange Zeit zu den Top-Favoriten der Anleger. Doch vor wenigen Wochen war der Boom urplötzlich vorbei, Die Preise von Öl, Gas, Metallen & Co. brachen in wenigen Tagen um teilweise mehr als zehn Prozent ein. Kritiker sehen sich in ihrer Prognose bestätigt, dass die Blase an den Rohstoffmärkten einfach platzen müsse. Andere Beobachter sprechen dagegen von einer normalen - und zugleich gewollten - Korrektur. Und in der Tat: Eine wesentliche Ursache für den zeitweise starken Preiseinbruch ist darin zu sehen, dass die Verantwortlichen der Terminbörsen das taten, was sie in Überhitzungsphasen immer tun - sie erhöhten die Margins.

Diese von Marktteilnehmern zu erbringenden finanziellen Leistungen (als Einschussforderungen bezeichnet) müssen Spekulanten vor Abschluss von Futures-Kontrakten bei den Clearinghäusern der Terminbörsen hinterlegen. Ihre Höhe richtet sich unter anderem nach der Preisdynamik des Basiswertes und der Höhe des spekulativ zugeflossenen Kapitals. Dass die Notenbanken den Geldhahn zuvor voll aufgedreht hatten und die Finanzmarktakteure damit auch zum Einstieg in Rohstoffe ermutigten, war eine wesentliche Ursache für den vorausgegangenen Boom.

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Die Börsenbetreiber haben darauf reagiert. Die Veränderung der Margins gibt ihnen die Möglichkeit, den Zufluss von Anlagegeldern zu steuern und so spekulative Exzesse zu verhindern. Denn je höher die Margin, desto teurer das (spekulative) Termingeschäft.

Das funktioniert seit Jahrzehnten beinahe perfekt. Und auch im aktuellen Zyklus brachte es den erhofften Erfolg. Neu diskutierte Regelwerke, die die Einführung von Positionslimiten für einzelne große Marktteilnehmer an den Rohstoff-Terminbörsen vorsehen, sind ein zweites Kontrollinstrument, das Überhitzungen an den Rohstoffmärkten vermeiden soll.

Was dabei zu wenig bedacht wird, ist der Fakt, dass spekulative Überhitzungen weniger von den Terminbörsen kommen. Vielmehr sind es die von Banken und Fondsgesellschaften emittierten zahlreichen strukturierten Produkte wie Zertifikate und Indexfonds, über die eine Menge spekulatives Kapital in Rohstoffe fließt.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt, der zu bedenken ist: Erhöhen die Terminbörsen ihre Margins, leiten die großen Marktteilnehmer ihre Aufträge in weniger überwachte außerbörsliche Rohstoffmärkte. Das jedoch kann kaum im Interesse der Aufsichtsbehörden sein. Nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist das ausstehende Nominalvolumen solcher OTC-Rohstoff-Derivate im zweiten Halbjahr 2010 um 15 Prozent auf 2,92 Billionen US-Dollar gestiegen.

Daher gilt: Der Preisrückgang am Rohstoffmarkt kann nicht als Ende des Superzyklus, sondern als "gewollte Korrektur" gewertet werden. Die "Contrarians" - jene also, die sich in Phasen der Marktüberhitzung konträr zur herrschenden Meinung stellen - sehen den jüngsten Börsengang des Schweizer Rohstoffriesen Glencore als Warnsignal für das Ende der Rohstoff-Party.


China als wichtiger Treiber

Optimisten stellen sich mit logischen Argumenten auf die andere Seite. Sie sagen, der Superzyklus am Rohstoffmarkt könne allein deshalb noch nicht vorbei sein, weil die bei den meisten Commodities zwischen Angebot und Nachfrage klaffende Lücke eher größer als kleiner wird.

Zu diesen Optimisten zählt auch Glencore-Vorstandschef Ivan Glasenberg, der die Korrektur der Rohstoffpreise auf die Verschärfung der Geldpolitik in China, die Griechenland-Schuldenkrise und die Liquidation von Rohstoffpositionen durch institutionelle Investoren zurückführt. Die zugrunde liegenden Fundamentaldaten bei Rohstoffen sprechen nach Meinung von Glasenberg für weiter steigende Preise.

Mitentscheidend für den künftigen Preistrend am Rohstoffmarkt ist dabei die VR China. Das bevölkerungsreichste Land der Welt wird nach Meinung von Fachleuten in den kommenden Wochen damit beginnen, seine zuletzt abgebauten Lagerbestände an wichtigen Rohstoffen aufzustocken. Für Lawrence Eagles von J.P. Morgan steht fest, dass die dortigen Ölraffinerien ihre Rohölbestände in dem Moment wieder aufstocken werden, wenn der Rohölpreis der Europa-Richtmarke Brent unter 110 Dollar je Barrel fallen sollte.

Man dürfe nicht vergessen, argumentiert Eagles, dass Chinas Stromversorgung auch in diesem Jahr wohl auf der Kippe stehen dürfte und Blackouts möglich seien. Dies wirkte sich in den vergangenen Wochen bereits am Kohlemarkt aus, wo die Preise auf den höchsten Stand seit zwei Jahren kletterten. Bekanntlich produzieren Chinas Energieversorger einen großen Teil ihres Stroms in Kohlekraftwerken. Fachleute sagen, dass im Verlauf dieses Jahres alle energetischen Rohstoffe teurer werden dürften. Die Analysten von Goldman Sachs und Morgan Stanley haben ihre Prognose des Brent-Rohölpreises für 2012 auf 140 beziehungsweise 130 Dollar je Barrel angehoben.

China sieht auch Michael Hintze, Vorstandschef der Hedge-Fonds-Gesellschaft CQS, als wichtigen Treiber am Rohstoffmarkt. Ein weiteres Argument ist für ihn die steigende Inflationsgefahr, die Rohstoffe zu einer attraktiven Anlageklasse machen. George Cheveley von Investec nennt die weltweit notwendigen Infrastruktur-Maßnahmen als Hausse-Argument. "Ich glaube an die langfristige Rohstoff-Story", sagt Cheveley.

Quelle:  Handelsblatt Online
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