EZB-Report: Euro verliert Status als sicherer Hafen

EZB-Report: Euro verliert Status als sicherer Hafen

, aktualisiert 08. Juni 2016, 13:45 Uhr
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Nur 19,9 Prozent der globalen Devisenreserven waren Ende 2015 in Euro notiert – der tiefste Stand seit der Jahrtausendwende.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Euro verliert an Bedeutung als Reservewährung. Dies legt ein Report der Europäischen Zentralbank nahe. Für die Einbußen machen die Währungshüter vor allem zwei Gründe verantwortlich.

FrankfurtEin „sicherer Hafen” für krisengeschüttelte Regierungen und Investoren ist der Euro offenbar nicht mehr. Das legt zumindest ein am Mittwoch veröffentlichte Bericht der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Lage der Gemeinschaftswährung nahe. Demnach zögern immer mehr Länder, ihre Reserven in Euro anzulegen.

Der Anteil des Euros an den weltweiten Devisenreserven hat im vergangenen Jahr den tiefsten Stand seit der Jahrtausendwende erreicht. Nur 19,9 Prozent der globalen Devisenreserven war Ende 2015 in Euro notiert – 0,6 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: 2002 lag der Anteil bei rund 24,4 Prozent. Devisenreserven werden von Notenbanken gebildet. Mit ihnen kann die Zentralbank – falls notwendig – den Kurs der eigenen Währung stützen.

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Bei einzelnen Ländern – darunter auch EU-Staaten – fällt die Euro-Abkehr noch drastischer aus. Schweden zum Beispiel hat seine Euro-Reserven besonders stark reduziert. Hielt das skandinavische Land 2010 noch gut die Hälfte seiner Devisenbestände in Euro, betrug deren Anteil fünf Jahre später nur 34,1 Prozent. Dänemark reduzierte seine Euro-Rücklagen im gleichen Zeitraum von 72,4 auf 59,7 Prozent. Und auch der britische Euro-Devisenpuffer schrumpft: Rund 50,7 Prozent der Landesreserven waren 2015 in der europäischen Gemeinschaftswährung notiert, fünf Jahre zuvor waren es noch 59,9. Allein zwischen 2014 und 2015 hat das Land die Reserven um 4,5 Prozentpunkte verringert.

Auch Entwicklungsländer verlassen sich nicht mehr auf Europas Währung. Peru beispielsweise hat den Euro-Anteil an seinen Devisenreserven innerhalb eines Jahres fast gedrittelt – der Anteil sank von 27,1 auf nur 9,5 Prozent.

Der Euro steht mit seinem Bedeutungsverlust nicht alleine da. Auch der Dollar hat in den vergangenen Jahren als Reservewährung an Bedeutung eingebüßt. Der Anteil des Greenback an den globalen Devisenreserven liegt bei 64,1 Prozent – ein Rückgang von 0,9 Prozent im Jahresvergleich und der niedrigste Stand seit 1999. Allein seit Beginn der Finanzkrise 2007 sei der Dollar-Reserveanteil weltweit um gut fünf Prozentpunkte zurückgegangen, schreiben die Währungshüter. Dennoch blieben sowohl der Euro als auch der Dollar nach wie vor die beiden wichtigsten Reservewährungen.

Den Bedeutungsverlust der Währungen der Industrienationen für die globalen Devisenreserven erklären sich die Währungshüter aber nicht nur durch Krisen allein. Auch ein statistischer Effekt spielt wohl eine Rolle: „Zum Teil könnte der Rückgang darauf zurückzuführen sein, dass China erst seit kurzem über den Stand seiner Devisenreserven an den Internationalen Währungsfonds berichtet”, heißt es in dem Report. Damit verändert sich die statistische Basis - und damit auch die Anteile, die auf die einzelnen Währungen entfallen.

Doch auch abgesehen von der neuen Datenlage haben sich am Devisenmarkt Veränderungen ergeben. Es gebe einen Trend zu mehr Vielfalt im internationalen Währungssystem, schreiben die EZB-Experten. In den Nachkrisenjahren 2008-2015 ist der Anteil alternativer Reservewährungen um vier Prozentpunkte auf 6,8 Prozent gestiegen. Dazu zählen beispielsweise der australische und der kanadische Dollar.


Nicht jeder will die Alternativwährung sein

Deutlich wird der Bedeutungsverlust des Euro auch beim Blick auf Zahlungsdaten. Daten des Internationalen Zahlungssystems Swift legen nahe, dass besonders die chinesische Währung Renminbi wichtiger wird. Ihr Anteil betrug 2015 mehr als zwei Prozent und damit fast so viel wie der Anteil des konservativen japanischen Yen.

Der Aufstieg des Renminbi ist ganz im Sinne der chinesischen Regierung, die seit längerem versucht, die eigene Währung als Reservewährung attraktiv zu machen. Doch längst nicht alle Länder sind begeistert über die wachsende Beliebtheit der eigenen Währung. Vor allem die Schweiz hadert mit der Attraktivität des Schweizer Franken. Vor allem im Augenblick, wo ein möglicher Austritt Großbritanniens die Devisenmärkte ordentlich durcheinander zu wirbeln droht.

Seit Abschaffung der Deckelung des Frankens im Januar 2015 kämpft die Schweizerische Nationalbank (SNB) gegen die Attraktivität ihrer Währung als sichere Anlage an. Mit Interventionen und Zinssenkungen drückte sie ihre Währung, um die eigene Volkswirtschaft wettbewerbsfähig zu halten. Und endlich zeigen sich Erfolge: Der Franken hatte jüngst seinen schwächsten Monat gegenüber dem Euro seit Abschaffung der Obergrenze. Das ist gut für die Schweizer Wirtschaft. Durch die Entkopplung des Franken vom Euro wollten die Währungshüter sie vor weiterer Abschwächung bewahren.

Doch nun droht der Ausgang des britischen Referendums am 23. Juni, die SNB-Bemühungen zunichte zu machen. „Ist ein Brexit und ein Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung denkbar? Absolut ja”, sagt Peter Rosenstreich, Leiter Marktstrategie bei Swissquote Bank im schweizerischen Gland, der vor einem Jahr prognostiziert hatte, dass der Franken allmählich seinen Status eines „sicheren Hafens” verlieren werde. „Es gibt deutliche Schwäche in der Schweiz, darum wissen wir, dass der Franken immer noch tiefgreifende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage hat. Sie machen sich Sorgen, und das sollten sie auch.” 

„In den nächsten drei Wochen geht es beim Franken nicht um die SNB”, sagt HSBC-Devisenstratege David Bloom. „Wenn man glaubt, dass Großbritannien austritt und dass es Ansteckungen geben wird, dann ist er die Anlage der Wahl. Wenn man sich unter dem Bett verkriechen und einen Schutzhelm aufsetzen will, dann muss man Franken kaufen.”

Im Moment ist allerdings noch Ruhe vor dem Sturm. Am Mittwoch notierte die Gemeinschaftswährung deutlich über 1,13 US-Dollar. Die Investoren warten auf die Worte der US-Währungshüter am 15. Juni. Und auf die Stimmen der britischen Wähler.

Quelle:  Handelsblatt Online
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