Finanzmärkte: Mit Volldampf in den nächsten Crash

07. Februar 2013
von Malte Heynen

Immer wieder drehen die Finanzmärkte durch. Schon seit vielen Jahrzehnten. Es wird Zeit, dass wir aus der Geschichte lernen: Ein bisschen Regulierung reicht nicht. Denn Finanzmärkte streben nicht ins Gleichgewicht, sondern zerstören sich immer wieder selbst. Wenn die Politik das nicht bald erkennt, steuern wir geradewegs auf den nächsten Crash zu. Ein Gastbeitrag.

Immer häufiger wird jetzt in der Wirtschaftspresse behauptet, die Finanzkrise sei längst abgehakt. Woran man das sehe? An der Ruhe, die jetzt auf den Märkten eingekehrt sei. Die Kurse steigen ja wieder. Und damit, so schreibt beispielsweise "Die Welt" vor einigen Tagen, wolle die Börse uns sagen: „Die Krise ist vorbei.“

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Malte Heynen ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule und der Universität München. Er war unter anderem mehrere Jahre Chefreporter der Fernsehsendung "Galileo“, seit 2006 arbeitet er als freier Journalist. 2012 erschien sein Buch " Raubzug der Banken"
Malte Heynen ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule und der Universität München. Er war unter anderem mehrere Jahre Chefreporter der Fernsehsendung "Galileo“, seit 2006 arbeitet er als freier Journalist. 2012 erschien sein Buch " Raubzug der Banken"

Die Börsen werden also wieder als eine Art Orakel betrachtet, das uns eine höhere Wahrheit mitteilen will. Doch haben wir nicht gerade erst gesehen, wie massiv Märkte versagen können? Mehr noch: Die Finanzblase der letzten Jahre war keine Ausnahme. Durch die Geschichte ziehen sich viele Fälle von durchdrehenden Finanzmärkten, von Preisverzerrungen, die ganze Volkswirtschaften erfassen. Aus diesen Erfahrungen sollten wir endlich lernen:

  • Fast schon grotesk war die Aktien- und Immobilien-Blase in Japan. Allein in den fünf Jahren bis Ende 1989 vervierfachten sich die Kurse der japanischen Aktien. Gleichzeitig stiegen in Tokio die Immobilienpreise um bis zu 50 Prozent im Jahr. Zwei Quadratkilometer Land waren dort 1991 so teuer wie alle Grundstücke in Kanada zusammen (Kanada hat eine Fläche von fast zehn Millionen Quadratkilometern). Schließlich erreichte die Blase ihren Höhepunkt: Die Aktien der japanischen Firmen wurden so hoch gehandelt, dass sie 42 Prozent des gesamten Welt-Börsenwerts ausmachen. Das bedeutet: Um die Aktien aller japanischen Firmen aufzukaufen, hätte man fast so viel Geld zahlen müssen wie für die Aktien aller anderen Firmen in allen anderen Ländern der Welt zusammen. Vom gewaltigen Crash, der 1990 einsetzte, hat sich der Nikkei-Index bis heute nicht erholt: Wer 1990 in Nikkei-Aktien investierte, konnte zwar zwischenzeitlich einige Dividenden kassieren, doch seine Aktien haben heute drei Viertel ihres damaligen Werts verloren.

  • Auch die Aufblähung des US-Immobilienmarkts war ganz offensichtlich wirtschaftlicher Wahnsinn. Die ausstehenden privaten US-Immobilienkredite erreichten 2007 ein Volumen von mehr als 10.000 Milliarden Dollar. Eine Verdreifachung in nur elf Jahren! Die Kreditvergabe an Haushalte in den USA lag damit weit vor der Kreditvergabe an Unternehmen. Anders gesagt: Private US-Immobilienkredite waren der mit Abstand größte Kreditmarkt in der größten Volkswirtschaft der Welt. Die Kreditgeber steckten mehrere tausend Milliarden Dollar in endlose, immer weiter wuchernde Vorstädte, in denen heute ganze Straßenzüge leer stehen. Das gewaltige Wachstum des Kreditvolumens basierte schlicht auf unsolider bis krimineller Kreditvergabe.

  • Die Liste lässt sich endlos fortsetzen, und sie erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte. Allein in den letzten Jahrzehnten gab es Dutzende von Beispielen, wie die Asienkrise von 1997, die Technologieblase bis 2000, die skandinavische Bankenkrise der neunziger Jahre oder der Börsencrash von 1929, der schließlich in der Weltwirtschaftskrise endete. Es ist immer das gleiche Muster: Die Politik lässt den Finanzmärkten weitgehend freie Hand, in der Folge werden Kredite immer leichtfertiger vergeben, das Kreditvolumen schwillt an. Das frische Geld fließt in Aktien, Anleihen oder Immobilien, die Kurse explodieren. Irgendwann platzt die Blase und die Wirtschaft leidet. In allen Fällen ist nicht etwa eine Minderheit von Spekulanten für das Aufpumpen der Blase verantwortlich: Das Gros der Anleger macht mit, auch die Profis.

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Kommentare | 18Alle Kommentare
  • 07.02.2013, 13:59 UhrTraumschau

    Hier geht es nicht darum, die Finanzmärkte abzuschaffen sondern dafür zu sorgen, dass Risiko und Haftung wieder zusammen geführt werden. Davon sind wir weiter entfernt denn je! Auch bei dem nächsten Crash heißt es wieder: Steuerzahler vor, um die Banken zu retten, die sich verzockt haben. DAS muss aufhören. Auch die Maßnahmen die im Augenblick in der Pipeline sind, sind nichts weiter als heiße Luft und werden nicht wirklich einen neuen Crash verhindern. Es gibt nur eine Möglichkeit solche Krisen wirkungsvoll zu verhindern: Man muss den Geschäftsbanken das Privileg der Geldschöpfung entziehen und wieder in öffentliche Hände legen. Alles andere ist mit einer Demokratie nicht vereinbar!
    Der Artikel ist keineswegs dumm, er ist nur nicht konsequent genug!

  • 07.02.2013, 14:54 UhrMV_

    Von der "Österreichischen Schule" scheint der Herr Journalist noch nie etwas gehört zu haben. Zum einen wäre ohne den vorhandenen Regulierungswahnsinn Vieles erst gar nicht passiert, zum anderen ist die Ursache von Blasenbildung 1. staatliche Geldmengenvermehrung (und damit Geldschöpfung durch die Banken) in unserem Luftgeldsystem und 2. staatlich festgelegter Leitzins, welcher als Konjunkturstellschraube missbraucht wird. Staatliche Rettungsaktionen von Banken auf Kosten der Bürger tun dann ihr Übriges. Aber klar: für einen Journalisten ist "mehr Staat" und "mehr Regulierung" immer die Standardantwort auf alle Probleme. Papa Schnullerstaat wird's schon richten und sein einziges Verschulden liegt darin, nicht schon viel früher viel mehr reguliert zu haben.

  • 07.02.2013, 14:56 Uhraletheia53

    Der Beitrag ist deshalb interessant, weil er praktisch aufzeigt, dass der Markt als solches ohne massive,wirksame Begrenzung seiner "Freiheit" zur Selbstzerstörung tendiert. Das heißt nicht, dass wir den "Markt" abschaffen sollen, sondern nur, dass wir die Regeln definieren. Denn die Handelnden unterliegen "...der prinzipiellen Unersättlichkeit des Organismus Mensch..." /Weick). Das führt u.A. auch dazu, dass die Marktteilnehmer immer versuchen werden, den Wettbewerb zu minimieren und auszuschalten. Diese prinzipielle Unersättlichkeit des Organismus zeigt sich vor allem in dem Wunsch nach hohen Renditen in der Einzelanlage ohne Berücksichtigung der daurch erzeugten Kollateralschäden im Umfeld. Das ergibt sich, wenn die Gesellschaft der Wirtschaft dient. Eigentlich sollte es umgekehrt sein!

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