
FrankfurtGerne geben es die Kreditanalysten von Morgan Stanley nicht zu, aber: Um in diesem Jahr Gewinne mit europäischen Unternehmensanleihen ordentlicher Bonität zu machen, brauchten Investoren keine komplexen Analysen, sondern „nur eine Landkarte", schreiben die Experten in einer Studie.
In der Tat: Mit Anleihen von Unternehmen aus den despektierlich PIIGS abgekürzten Ländern Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien machten Anleger seit Ende März kein gutes Geschäft. Die Anleihen von Unternehmen aus den Euro-Kernländern sind hingegen in der Zuspitzung der Euro-Schuldenkrise gefragt.
„Wir haben ganz klar eine Zweiteilung im Markt", sagt dazu Martin Wagenknecht, der bei der Société Générale in Frankfurt das Geschäft mit neuen Unternehmensanleihen leitet. Die Folge: Für Bonds von Unternehmen aus den PIIGS stiegen die Renditeabstände im Vergleich zu Bundesanleihen im Schnitt zuletzt auf 4,6 Prozentpunkte - Rekordhoch seit der Einführung des Euros.
Das ergibt sich aus Daten der Bank of America Merrill Lynch, wobei Konzerne aus Italien und Spanien dort wie allgemein am Markt den Löwenanteil ausmachen. Für Anleihen von Firmen der Euro-Kernländer hingegen liegen die Risikoprämien bei im Schnitt 1,6 Prozentpunkten.
Immerhin bewiesen mit Enel und Telecom Italia auch zuletzt noch italienische Konzerne, dass sie trotz der gestiegenen Ängste um ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro-Raum nach wie vor an frisches Geld über neue Anleihen kommen. Die Italiener mussten die Investoren aber mit recht hohen Renditen locken.
Für die neue siebenjährige Anleihe bot Eni eine Rendite von 3,8 Prozent, Telecom Italia zahlte sogar 6,2 Prozent für eine sechseinhalbjährige Anleihe. Immerhin waren die Bonds aber deutlich überzeichnet. Und mit dem Gasnetzbetreiber Snam steht der nächste Kandidat aus Italien mit einer neuen Anleihe in den Startlöchern.
In Großkonzerne investieren
„Für Investoren, die bereit sind, sich auf Italien und auch Spanien einzulassen, sind die Anleihen der dortigen breit aufgestellten, multinationalen Großkonzerne die beste Anlage", ist Joachim Heppe überzeugt, der als Leiter des Syndikats für neue Anleihen bei der Commerzbank, den Kontakt zu Unternehmen und Investoren hält.
Wagenknecht sieht das ähnlich: Schließlich seien die breit aufgestellten Konzerne nur bedingt von ihren Heimatländern abhängig. „Zudem haben sie mit Kapitalisierung, Liquidität und Regulierung weniger Probleme als einige Banken dort", ergänzt Heppe. Spanische Großkonzerne haben sich dennoch seit drei Monaten nicht mehr am Markt blicken lassen.
Die letzte große Bond-Platzierung gab es von Iberdrola Ende März. Damals emittierte der Versorger eine sechsjährige Anleihe mit einer Rendite von 4,3 Prozent. Inzwischen ist der Kurs gesunken und die Rendite auf 6,9 Prozent gestiegen - ebenso wie die der Ende Februar platzierten sechsjährigen Anleihe von Telefonica.
Insgesamt haben spanische Unternehmen in diesem Jahr nach Berechnungen des Datenanbieters Dealogic neue Anleihen über nur 6,8 Milliarden Euro begeben. Das sind 30 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2011. Erstaunlich ist das nicht. Die Ratingagentur Moody's hatte zuletzt die Bonität Spaniens auf nur eine Stufe über Ramschniveau gesenkt, damit drohen auch vielen Unternehmen schlechtere Bonitätsnoten.
„Viele Investoren sehen die Ratingagenturen zwar kritisch, aber die Bonds werden trotzdem durch die Herabstufungen belastet", sagt Wagenknecht von der Société Générale. „Wenn ein Unternehmen aus Spanien jetzt aber eine Anleihe begeben würde, gäbe es auch dafür Investoren", meint Heppe.
Den großen Konzernen sei es jedoch derzeit schlicht zu teuer, an den Markt zu kommen, und sie könnten es sich leisten, noch abzuwarten. „Die meisten Unternehmen aus Spanien und Italien haben sich bereits vorfinanziert und brauchen nicht zwingend jetzt Geld, könnten aber an den Markt kommen", meint auch Christian Reusch, der bei der Unicredit das weltweite Geschäft mit neuen Unternehmensanleihen leitet.
Schlechter sieht es auf den ersten Blick für Firmen aus Griechenland, Portugal und Irland aus. Sie platzierten in diesem Jahr keine oder nur sehr wenige Bonds. Allerdings: „Für die oft kleineren Firmen aus diesen Ländern spielt der Kapitalmarkt ohnehin keine große Rolle, sie finanzieren sich vor allem über Banken", sagt Heppe.
Sicher ist aber: Auch in den kommenden Monaten werden sich die Besitzer von Firmenbonds aus den PIIGS-Ländern auf Kursschwankungen einstellen müssen. „Der Markt wird weiter von den Schlagzeilen rund um den Zustand des Euro-Raums bestimmt werden", ist Reusch von der Unicredit überzeugt.
Die Landesbank Baden-Württemberg empfiehlt die Bonds deshalb auch nur „risikobereiten Investoren" - für Anleger, die eine Anlage suchen, um deren Entwicklung sie sich nicht sorgen müssen, sind die Bonds der PIIGS-Firmen folglich nichts.
An Geld kommen die Firmen noch - bei passender Rendite
Die Nervosität der Investoren bekommen nicht nur die Unternehmen aus Problemländern wie Italien, Portugal, Griechenland und Irland zu spüren, sondern auch alle Firmen, denen die Ratingagenturen nur eine schwache Bonität attestieren: Die Kurse der sogenannten Junk-Bonds (Ramschanleihen) sind seit Ende März durch die Bank gefallen. Entsprechend haben sich die Risikoprämien wieder erhöht.
Ende März lagen sie laut Bank of America Merrill Lynch im Schnitt sieben Prozentpunkte über Bundesanleihen; jetzt sind es 8,25 Prozentpunkte. Insgesamt haben Unternehmen aus dem Euro-Raum laut Datenanbieter Dealogic in diesem Jahr neue Anleihen über 14,6 Milliarden Euro begeben. Das sind 44 Prozent weniger als in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres.
„Der Markt für Hochzinsanleihen ist offen, aber Investoren differenzieren viel stärker als früher, und das nicht nur nach der Herkunft", sagt Martin Wagenknecht, Investmentbanker bei der Société Générale in Frankfurt. So musste zuletzt auch der deutsche Pharmagroßhändler Celesio die Platzierung einer Anleihe verschieben. Celesio hat kein Rating.
Von der Bewertung am Markt her zählen die Investoren das Unternehmen aber zu den Junk-Bonds, wenn auch zu denen mit besserer Kreditwürdigkeit. Zuvor hatten bereits andere Firmen mit schwachen Ratings Bond-Platzierungen abgesagt. „Das ist aber kein Zeichen dafür, dass die Unternehmen gar nicht mehr an Geld kommen", sagt Joachim Heppe, Investmentbanker bei der Commerzbank.
„Es ging meistens nur um den Preis - hätten die Firmen nur etwas mehr Rendite geboten, hätten sie auch Investoren gefunden." Aude Lagey, Investmentspezialist für Hochzinsanleihen bei Dexia Asset Management, sieht nach den jüngsten Verwerfungen „gute Einstiegskurse". So spiegelten die Risikoprämien eine Ausfallquote von zwölf Prozent wider. Das ist tatsächlich viel.
Die Ratingagentur Standard & Poor's geht selbst in ihrem pessimistischsten Szenario einer langen und schweren Rezession von einer Ausfallquote von nur 8,3 Prozent in den nächsten zwölf Monaten aus. Für besonders attraktiv hält Lagey die Bonds von den sogenannten „Fallen Angels", also Firmen, die früher eine bessere Bonität hatten. Dazu gehören aus Deutschland Firmen wie der Gesundheitskonzern Fresenius oder in Italien der Autokonzern Fiat.



















