Gbureks Geld-Geklimper: Börse ohne Glaskugel

kolumneGbureks Geld-Geklimper: Börse ohne Glaskugel

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Anleger, die zu weit in die Zukunft blicken wollen, setzen womöglich viel aufs Spiel. Die aktuelle Entwicklung genau verfolgen, ist die sichere Alternative.

Kolumne von Manfred Gburek

Wer die aktuelle Entwicklung der Börse genau verfolgt, hat bessere Aussichten zu gewinnen als Anleger, die zu weit in die Zukunft zu blicken versuchen.

„Der Euro-Crash kommt“, „Der Staatsbankrott kommt“, „Die Deflation kommt“. Das sind nur drei Beispiele für Bücher, die sich zurzeit flott vermarkten lassen. Warum? Weil ihre Autoren so tun, als könnten sie in die Zukunft blicken. Allianz Global Investors, nach eigener Aussage „die Fondsgesellschaft mit den entscheidenden Einblicken in die Welt von morgen“, trägt damit noch dicker auf. Wer ihrem Spruch vertraut, setzt nicht nur 18,95 oder 19,95 Euro für eines der Bücher aufs Spiel, sondern womöglich ein ganzes Vermögen.
Die erwähnten Aussagen zur Wirtschafts- und Börsenzukunft erinnern stark an die einst erfolgreichen „Frankfurter Börsenbriefe“ und „Die Actien-Börse“. Die nahmen mit ihren Aktientipps für sich in Anspruch, mehr zu wissen als die „Börsen-Zeitung“ oder die „FAZ“ - und kassierten für einen im Vergleich zu den Zeitungen minimalen Bruchteil an bedrucktem Papier geradezu unverschämt hohe Abopreise. Seit der Jahrtausendwende haben sich Tipps aller Art zwar weitgehend ins Internet verlagert, aber ihr hervorstechendes Merkmal ist über Jahrzehnte hinweg geblieben: je schriller die Prognose, desto größer die Aufmerksamkeit der Leser.

Europas Eliten schlafen

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Neulich machte der Frankfurter Zukunftsforscher Christian Rieck aus Anlass der Preisverleihung für die besten Baufinanzierer durch die Frankfurter Firma FMH ein Experiment, dessen Ergebnis einen repräsentativen Eindruck vom Verhalten der um ihn versammelten Finanzfachleute vermittelte – und darüber hinaus sicher auch von den Reaktionen der Anleger. Rieck versprach denen, die entweder eine rote oder eine grüne Karte hochhielten, eine fiktive Belohnung. In der ersten Runde wurden mehr rote als grüne Karten hochgehalten. Die Folge: In der zweiten Runde fürchteten einige Anwesende, die vorher grüne Karten nach oben gestreckt hatten, offenbar um ihre Belohnung; deshalb schwenkten sie ins rote Lager über. Am Ende, so Riecks Erkenntnis aus dem Experiment, würden wegen der zu erwartenden Belohnung nur noch rote Karten gezeigt. Ein solches Verhalten ist typisch für die Masse Mensch, speziell für Anleger, egal ob sie sich gerade aus Inflationsangst auf Wohnimmobilien stürzen oder lieber an der Börse tummeln.
Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, bekam vor kurzem die Frage gestellt, warum die Märkte die Probleme der im Vergleich zur Euro-Zone viel höher verschuldeten Länder Japan, USA und Großbritannien ignorieren. Seine Antwort deckte sich im Prinzip mit dem Ergebnis des Experiments von Rieck: „Märkte sind opportunistisch. Man folgt den Preisen und damit den Marketmakern aus New York und London und nicht den Tatsachen.“ Dann legte Hellmeyer nach: „Europas Eliten wehren sich nicht dagegen.“

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