
Die Auftragseingänge deutscher Unternehmen gehen zurück, der ganzen Eurozone droht eine Rezession, und trotzdem sind die deutschen Aktienkurse zuletzt beachtlich gestiegen. Wie reimt sich das zusammen? Eine auf den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte beruhende Antwort lautet: Seit der ersten deutschen Nachkriegsrezession im Jahr 1967 fiel praktisch jede von ihnen mit steigenden Aktienkursen zusammen. Dagegen ließe sich zwar einwenden, bis 1998 habe es weder den Euro noch die Globalisierung im heutigen Ausmaß gegeben, demzufolge auch keine Eurokrise und keine globalen Domino-Effekte, dieses Mal sei also alles ganz anders. Aber mit dem Anderssein kann man immer argumentieren, auch unter umgekehrten Vorzeichen wie einst aus Anlass der Technologieblase, die dann – gar nicht anders als die Blasen zuvor – einfach platzte.
Dennoch setzt sich immer wieder die Logik der Börse durch, die zunächst einfach nur darin besteht, dass Aktienkurse ungeachtet einer drohenden Rezession steigen, weil überreichlich Geld vorhanden ist, sei es – wie früher – zur Abwendung der Rezession, sei es – wie jetzt – darüber hinaus zusätzlich auch zur Eurorettung. Später, wenn die fundamentalen Daten zur Konjunktur und speziell zur Ertragsentwicklung der Unternehmen ins Positive drehen, wird der Anstieg der Aktienkurse in der Regel bestätigt.
Bild: dpaCommerzbank (aktueller Kurs: 1,26 Euro)
Die teilverstaatlichen Bank erzielte in den vergangenen zwölf Monaten 49 Cent Verlust pro Aktie. Das Jahr 2012 soll sie Schätzungen zufolge mit 23 Cent Gewinn je Aktie abschließen, 2013 könnten sogar 30 Cent drin sein.
Bild: dapdSolarworld (aktueller Kurs: 1,34 Euro)
Der Konkurrenzdruck aus Asien ist groß, Überkapazität führt zu einer Bereinigung im Solarsegment. Hoffnung könnte eine Anti-Dumping-Klage geben, die Solarworld und andere Hersteller bei der EU-Kommission eingereicht haben.
Bild: dapdHeidelberger Druckmaschinen (aktueller Kurs: 1,04 Euro)
Druckereien halten sich mit der Anschaffung neuer Maschinen zurück. Heidelberger Druck macht denn auch im zweiten Quartal erneut ordentlich Verlust (74 Millionen nach 46 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum). Bis Jahresende könnte sich die Lage etwas entspannen.
Bild: dpaNokia (aktueller Kurs: 2,18 Euro)
Auf dem Smartphone-Markt bekommt Nokia keinen Fuß in die Tür. Im zweiten Quartal vervierfachte sich der Verlust gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 1,4 Milliarden Euro (Nettobarbestand: 4,2 Milliarden Euro). Doch die Finnen haben die Wende schon einmal geschafft: Ursprünglich stellte Nokia einst Gummistiefel her. Das neue Telefonmodell Lumia lässt hoffen.
Bild: dapdPraktiker (aktueller Kurs: 1,24)
Die Marke Max Bahr soll’s richten. Die Baumarktkette Praktiker will sie weiter ausbauen, 120 der 230 Praktiker-Märkte auf die Marke umstellen. Bis 2014 läuft ein Sanierungsprogramm, hinter den Kulissen allerdings auch ein Machtkampf der Großaktionäre.
Bild: dapdUniCredit (aktueller Kurs: 2,93 Euro)
Etwas für besonders Mutige: Der Gewinn der italienischen Großbank ist im zweiten Quartal stark eingebrochen – um zwei Drittel auf 169 Millionen Euro. UniCredit erzielt zudem einen Großteil der Einnahmen in Italien und hält italienische Staatsanleihen in Höhe von 41 Milliarden Euro.
Bild: dapdAlcatel-Lucent (aktueller Kurs: 0,95 Euro)
Der französische Telekomkonzern muss sparen. 5000 Stellen – 6,4 Prozent aller Stellen – sollen gestrichen werden. Geht der Sparkurs auf, der bis Ende 2013 rund 1,25 Milliarden Euro Kosten einsparen soll, dürfte auch der Aktienkurs steigen.
Bild: APTelecom Italia (aktueller Kurs: 0,74 Euro)
Der italienische Konzern ist bereits in die Gewinnzone zurückgekehrt. Deshalb hält er auch an der Zahlung einer Dividende fest. Dennoch spürt Telecom Italia die Rezession. Im ersten Halbjahr sank der Gewinn um 1,6 Prozent auf rund 5,9 Milliarden Euro. Die Schulden summieren sich auf 30,4 Milliarden Euro – 800 Millionen weniger als zuvor.
Bild: dpaConstantin Medien (aktueller Kurs: 1,44 Euro)
Das Medienunternehmen schreibt rote Zahlen. Doch die sind zumindest fürs vergangene Jahr besser ausgefallen als erwartet. 2012 könnte sich der Trend fortsetzen. Geplant ist eine schwarze Null – ein Hoffnungsschimmer.
Bild: dpaSky Deutschland (aktueller Kurs: 2,71 Euro)
Am 14. August kommen zahlen und die –so die Erwartungen – sollen gut sein und die Wende zementieren. Schon das erste Quartal war profitabel. Mit Promis wie Harald Schmitt oder Lothar Matthäus als Experten will der Sender weiteres Wachstum generieren.
Commerzbank (aktueller Kurs: 1,26 Euro)
Die teilverstaatlichen Bank erzielte in den vergangenen zwölf Monaten 49 Cent Verlust pro Aktie. Das Jahr 2012 soll sie Schätzungen zufolge mit 23 Cent Gewinn je Aktie abschließen, 2013 könnten sogar 30 Cent drin sein.
Relativ starke Aktien
Aus den hier beschriebenen Zusammenhängen ergibt sich zwangsläufig, dass der Anstieg der Aktienkurse hin und wieder eine Pause braucht und sogar von heftigen Kursrückschlägen unterbrochen werden kann, dass die Optimisten vorübergehend von Zweifeln geplagt werden und die Pessimisten dann für einige Zeit die Oberhand gewinnen. So ist die Börse halt. Früher bezeichnete man eine solche Entwicklung treffend als Liquiditätshausse, der üblicherweise nach einem halben oder Dreivierteljahr die Fundamentalhausse folgte. Dieses Mal wird es ähnlich sein, wegen der Globalisierungseffekte und der Eurokrise allerdings unter heftigeren Kursschwankungen.
Wer die deutsche Börse intensiver verfolgt, entdeckt zum Beispiel unter den Dax-Werten eine stark differenzierte Entwicklung. Welchen Aktien kann man zutrauen, trotz vorübergehender Kursdellen auf Sicht von etwa einem Jahr besser abzuschneiden als andere? Die Antwort ergibt sich aus der relativen Stärke, also aus der im Vergleich zu anderen Aktien viel besseren Kursentwicklung, in diesem Fall bezogen auf die Zeit von Anfang Mai bis Anfang August. Während dieses Zeitraums gab es zunächst einen einmonatigen Kursrückgang, dem ein starker zweimonatiger Kursanstieg folgte. Die fünf Favoriten vom Kurstief Anfang Juni (nur VW Ende Juni) bis Anfang August waren in Reihenfolge nach der Höhe des Kursanstiegs: K+S, Bayer, E.on, HeidelbergCement, VW Vorzugsaktien.
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