
Düsseldorf, FrankfurtWarren Buffett ist eine Legende, schon zu Lebzeiten. Ein Phänomen. Nicht weil er in den vergangenen Jahrzehnten so viele Dollar gesammelt hat. Sondern weil er der wohl beliebteste Milliardär der Welt ist. Bei ihm verwandelt sich Neid in Bewunderung. Seine Fans – vom Kleinanleger bis zum Börsenprofi – nennen ihn ein Genie. Buffett ist nicht einfach nur reich, er wird verehrt. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen ihn als einen der ihren sehen, dass sie seine klaren Ansagen verstehen. Ein typischer Satz von Buffett: „Ich stecke beträchtliche Summen in wenige Dinge.“
Buffetts Erfolgsgeschichte ist die Geschichte eines kleinen Jungen aus Omaha im US-Bundesstaat Nebraska, der Cola für 25 Cent im Sechserpack kauft und die einzelnen Flaschen dann für jeweils fünf Cent wieder verkauft. So verdient der kleine Warren sein erstes Geld. Fünf Cent je Sechserpack.
Der junge Buffett gilt als Sonderling, seine Mitschüler hänseln ihn; beim Sport wird er stets als letzter in die Mannschaft gewählt. Dabei liebt er Baseball. Sein Selbstvertrauen zieht Buffett aus Zahlen. Es gibt wenige Dinge, die er nicht berechnet. Gewinne aus seinem Cola-Geschäft, Wahrscheinlichkeiten, später dann den Wert ganzer Konzerne. Zahlen bestimmen sein Leben. Als er und seine spätere Frau Susie ein Paar werden, sagt er zu seiner Tante: „Die Dinge im Bereich Mädchen sind auf einem Allzeithoch.“ Seine Verschrobenheit macht ihn sympathisch.
Mit 13 verkündet Buffett, dass er Millionär sein will, noch vor seinem 30. Geburtstag. Später wird aus ihm einer der reichsten Männer der Welt, weil er Aktien von Unternehmen findet, die eigentlich sehr viel mehr wert sind als der Kurs, zu dem er kauft. Keiner ist dabei so erfolgreich wie Warren Buffett.
Trotz des vielen Geldes ist er immer bescheiden geblieben. Buffett wohnt in keiner Luxusvilla, sondern noch immer in seinem kleinen Häuschen in Omaha, das er 1958 für rund 30.000 Dollar erstand. Er isst Burger und trinkt Cherry-Cola, statt Kaviar und Champagner. Über seine Anzüge sagt er, dass sie nicht so billig seien wie sie aussähen. Sondern nur an ihm so wirkten.
An der Geschichte von Warren Buffett haben schon viele geschrieben – und es ist immer wieder ein Vergnügen, sie zu lesen. In Deutschland ist kürzlich ein weiteres Buch über den Superinvestor auf den Markt gekommen, genauer gesagt eine neue Auflage dieses Werkes: „Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie.“ von Robert G. Hagstrom. In den Vereinigten Staaten ist das Buch fast schon so etwas wie ein Klassiker. Die erste Ausgabe erschien in den 1990er-Jahren, insgesamt verkaufte sich das Buch mehr als eine Million Mal. Originaltitel: The Warren Buffett Way.
Hagstrom ist selbst Investor, ein Profi. Er kennt sich an der Börse aus - und er ist von Buffett begeistert. In jeder Zeile steckt Bewunderung - wenn es um den Menschen Buffett geht, und erst recht, wenn Hagstrom über die Anlagestrategie schreibt.
So investiert Buffett
Anfang der 80er-Jahre begann der Autor seine Ausbildung bei der Vermögensverwaltung Legg Mason. Von Buffett hatte er noch nie gehört, doch das sollte sich schnell ändern. Sein Erweckungserlebnis hatte Hagstrom während der nächtlichen Lektüre eines Jahresberichts von Buffetts Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway, verfasst von Warren Buffett persönlich. „Als ich die Lektüre des Berichts (...) fortsetzte, begann sich die gesamte Welt der Geldanlage, die mir immer noch irgendwie mysteriös erschien, zu öffnen“, schreibt Hagstrom. „In jener Nacht enthüllte mir Warren Buffett in einem Offenbarungserlebnis die innere Natur der Geldanlage.“
Buffett war zu dem Zeitpunkt bereits eine Bekanntheit. Für Aufsehen hatte sein Einstieg bei der Washington Post gesorgt. In den 80er-Jahren sollte der vielleicht größter Coup folgen: die Beteiligung an der Coca Cola Company. Buffett gab dafür gut eine Milliarde Dollar aus. Heute sind die Anteile rund 14 Milliarden wert.
Die ersten Kapitel in Hagstroms Buch handeln davon, wie Buffett reich wurde, die nächsten davon, warum er reich wurde. Das ist der für Anleger spannende Teil.
Denn am Ende läuft doch alles auf die Frage hinaus: Kaufe ich eine Aktie oder lasse ich es bleiben? Wobei Buffett sagen würde, dass er keine Aktien kauft, sondern ein Unternehmen. Buffett sagt: „Es ist schlecht, wenn man abends zu Bett geht und dabei an den Preis einer Aktie denkt. Wir denken an den Wert und an die Ergebnisse von Unternehmen.“ Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied; er trennt den Spekulanten vom Anleger.
Buffett sucht immer nach dem inneren Wert von Unternehmen. Was eine Aktie an der Börse kostet, ist ihm erst einmal egal. Er schaut sich Unternehmen an, deren Geschäftsmodell er einschätzen kann. Wenn das Unternehmen beständige Erträge abliefert und dies aller Wahrscheinlichkeit in Zukunft so bleibt, dann lässt sich der wahre Wert einigermaßen zuverlässig hochrechnen.
Zunächst berechnet Buffett den gesamten Gewinn, der über die Lebensdauer eines Unternehmens wahrscheinlich anfallen wird und zinst diese Summe mit einem passenden Diskontierungssatz ab. Wichtig: Buffett nimmt für seine Berechnungen nicht den Gewinn her, den das Unternehmen als solchen ausweist, sondern das, was er „Owner Earnings“ nennt – den Netto-Cashflow, bereinigt um die Kapitalaufwendungen.
Hat Buffett den Wert ermittelt, vergleicht er ihn mit dem Preis, den die Firma an der Börse kostet. Wäre die Börse restlos rational, dann dürfte es keinen Unterschied zwischen Wert und Preis geben. In Wahrheit gibt es sehr wohl einen – und Buffett ist damit reich geworden. Stellt der Investor fest, dass ein Unternehmen am Markt unter Wert gehandelt wird, dann greift er zu. Er hofft darauf, dass sich der Preis über die Jahre dem Wert annähert. Bei Buffett hat das oft genug funktioniert. „Der Preis ist das, was man bezahlt. Der Wert ist das, was man dafür bekommt“, sagt er.
„Kaufe Aktien – und verkaufe nie“
Allerdings schaut Buffett nicht nur auf die Zahlen, zumindest nicht mehr. Seine Strategie hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Waren es anfangs ausschließlich die Angaben in den Unternehmensbilanzen, die den Investor interessierten, prüft er mittlerweile genau, wer an der Spitze des Managements eines Unternehmens steht. Früher sagte Buffett, dass man sich Firmen suchen müsse, die jeder Idiot leiten könne. Denn genau das würde früher oder später passieren. Heute schaut er bei Unternehmen, die aus seiner Sicht interessant sind, genau darauf, dass eben kein Idiot das Sagen hat.
Ein Chef muss nicht nur fachlich perfekt sein, auch der Charakter muss stimmen. Man müsse ihn mögen, sagt Buffett. Der Investor aus Omaha stellt hohe Anforderungen. Das dürfte auch erklären, warum seit Jahren spekuliert wird, wer ihm nachfolgen wird, wenn der mittlerweile 81-Jährige sich irgendwann von der Spitze bei Berkshire Hathaway, seiner Investmentfirma, zurückzieht.
Natürlich sieht die Strategie in Wahrheit etwas komplizierter aus, als hier beschrieben. So leicht ist es nicht, das perfekte Unternehmen, die perfekte Aktie zu finden. Ein paar Kennzahlen kommen noch hinzu; und fast noch wichtiger: die Disziplin, die Regeln durchzuhalten, auch wenn es mal nicht so rund läuft. Geduld ist eine Tugend. „Kaufe Aktien günstig“, sagt Buffett – „und verkaufe nie.“
Wer wissen will, wie die Buffett’sche Anlagestrategie im Detail funktioniert, wird bei Hagstrom fündig. Als Beispiele dienen meist Buffetts Investments in Gillette, Coca-Cola und die Washington Post.
Schade ist, dass die Fallbeispiele etwas alt sind. Die meisten liegen mehr als zehn Jahre zurück. Es sind Standard-Beispiele, die in sämtlichen Büchern über Buffett beschrieben wurden. In einer vollständig überarbeiteten Ausgabe wäre sehr viel interessanter gewesen zu erfahren, wie Buffett sich in den letzten Jahren, der Zeit der großen Finanzkrise, positioniert hat. Sein Einstieg bei Goldman Sachs etwa. Oder bei der angeschlagenen Bank of America.
In den USA haben Kritiker dem Autor zudem vorgeworfen, er habe das Buch nur geschrieben, um sich interessant zu machen; sozusagen als Marketing-Maßnahme, damit die Leute in Hagstrom einen Schüler von Buffett sehen – und dem Portfoliomanager Robert G. Hagstrom bereitwillig Geld anvertrauen. Andere kritisieren, Hagstrom habe Buffett nie selbst getroffen, während er das Buch schrieb, stattdessen nur aus den Jahresberichten von Berkshire Hathaway zitiert. Die Vorwürfe muten kleinlich an – verglichen mit dem großen kommerziellen Erfolg, den das Buch in den USA hatte.
Unter dem Strich bleibt: Hagstrom hat Buffetts Anlagestrategie sehr systematisch zusammengefasst. Davon dürfen sich nun auch die deutschen Leser überzeugen – auch hierzulande hat der legendäre Investor jede Menge Fans.
Übrigens: Eines hat Buffett nicht ganz geschafft. Seine erste Million soll er erst Anfang der 1960er-Jahre gemacht haben, also kurz nach seinem 30. Geburtstag.
Zum Weiterlesen:
Robert G. Hagstrom
Warren Buffett. Sein Weg, seine Methode, seine Strategie
Börsenbuch Verlag, Kulmbach 2011
317 Seiten








