Geldanlage und die Politik: Nicht von Italien verrückt machen lassen

Geldanlage und die Politik: Nicht von Italien verrückt machen lassen

, aktualisiert 02. Dezember 2016, 18:05 Uhr
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Ausstelunng „Artemisia Gentileschi und ihre Zeit“ in Rom.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Die Börsen im Höhenflug – weder ein US-Präsident Trump noch der Brexit können die Rally bremsen. Und das Italien-Referendum? Abwarten. Experten warnen. Die Börse reagiert auf Ereignisse, die noch nicht eingetreten sind.

DüsseldorfBörse verrückt: Die Amerikaner wählen den Populisten Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten und die Wall Street markiert neue Höchststände. Dabei hatten doch so gut wie alle Investoren für diesen Fall mit massiven Einbrüchen an den Märkten gerechnet. Doch es kam anders. Aber ist das auch nachhaltig?

Und was ist mit der Brexit-Abstimmung? Das „Ja“ der Briten zum Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) hatten die Märkte nicht erwartet und waren in den Tagen nach der Abstimmung kräftig eingebrochen. Schließlich ist die EU in Gefahr, oder nicht? Doch kaum war der erste Schock verdaut, ging die seit Jahren andauernde Rally an den Jahren munter weiter, die Verluste waren schnell wettgemacht. Nun droht das Verfassungsreferendum in Italien. Die Nervosität ist groß, wieder steht – wenn auch indirekt – die Zukunft der EU auf dem Spiel. Oder nicht?

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Die Börsen jedenfalls scheinen unlogisch zu reagieren. Weder Brexit noch Trump-Wahl konnten Investoren nachhaltig schockieren. Aber vielleicht ist das auch zu kurz gedacht. Der legendäre Benjamin Graham sagte einst: „Kurzfristig ist die Börse ein Abstimmungs-Mechanismus, langfristig ist sie ein Wäge-Mechanismus.“

Der Börsenweisheit des einstigen Professors und Lehrmeisters keines geringeren als Warren Buffett können Anlageprofis einiges abgewinnen. „Sie besagt, dass die Börse kurzfristig von der Psychologie getrieben wird, langfristig aber von den Fundamentaldaten“, erklärt Max Otte, Fondsmanager, Bestsellerautor und Börsenprofessor. „Das ist für mich die wichtigste Weisheit überhaupt.“

So sieht es auch Volker Engelbert. „Ohne Zweifel glauben wir fest daran, dass die fundamentalen Kennzahlen langfristig die Rendite der Unternehmen und damit auch die des Marktes bestimmen“, sagt der Geschäftsführende Gesellschafter und Chief Investment Officer bei Lingohr & Partner. „Kurzfristig spiegelt der Markt jedoch lediglich die Gefühlslage der Investoren wider – eine Abstimmung über die momentanen Hoffnungen, Ängste und Sorgen der Investoren, daher lohnt es sich auch nicht den kurzfristigen Marktschwankungen eine Ratio entnehmen zu wollen oder diese interpretieren zu wollen.“

Auch Hendrik Leber ist davon überzeugt, dass Benjamin Graham recht hat. Kurzfristig reagiert die Börse auf Stimmungen, doch langfristig muss die Börse die ökonomische Realität widerspiegeln, und die ist zäher und langwieriger als die momentane Stimmung, glaubt der Acatis-Fondsmanager. „Aktuell reagiert die Börse auf Brexit und Trump, obwohl beide Ereignisse, also UK-Austritt und Trumps Amtsantritt noch gar nicht eingetreten sind“, sagt er. „Die wirklichen Kosten von Brexit und Trump sind noch gar nicht sichtbar, doch die Börse reagiert euphorisch.“ Und genau das könnte ein Fehler sein.


Die Folgen von Brexit und Trump sind noch gar nicht sichtbar

Vor allem am Beispiel an der Wahl des US-Präsidenten, deren Ausgang die Märkte seither stark beschäftigt, kann man die Verhaltensmuster, vor denen Grahams Börsenweisheit indirekt warnt, gut beobachten. Über den gesamten Wahlkampf hinweg bis zum Wahltag galt Hillary Clinton als klare Favoritin. „Außerdem galt sie als die erste Wahl derjenigen, die den Markt steuern beziehungsweise ein wichtiger Teil des Marktes sind – erkennbar an der Aufwärtstendenz der Märkte mit jeder Verbesserung der Umfragen für Hillary Clinton sowie einer Abwärtstendenz bei einer Stärkung der Umfragewerte für Donald Trump“, so Lingohr-Experte Engelbert. „Allgemein war der Grundglaube der Marktteilnehmer, Donald Trump wäre schlecht für die Märkte und würde für erhöhte Unsicherheit sorgen.“ Und Unsicherheit mögen Börsianer bekanntlich überhaupt nicht.

Doch irgendwie lief alles anders. Die Wahlwoche lässt im Rückblick noch immer viele Börsianer rätseln, wie sie so schief liegen konnten. An den ersten beiden Tagen der Woche stiegen die Märkte in der Erwartung eines Wahlsieges von Hillary Clinton, nachdem diese allerdings die Wahl nicht gewinnen konnte, sind die Märkte weiter gestiegen. „In Summe fällt es schwer, den Sinn hinter diesen kurzfristigen Marktschwankungen zu erkennen“, gibt Engelbert offen zu. „Was für den Markt am Montag und Dienstag gut war, war das Gegenteil von dem, was Mittwoch bis Freitag den Markt getrieben hat.“ Doch genau das zeigt auch, wie Recht Graham mit seiner Aussage hat.

Kurzfristig Schwankungen sollten nicht das Investmentverhalten bestimmen, Anleger sollten immer langfristig denken. „Der Markt ist ein Barometer und niemand weiß, wie er sich verhalten wird und was in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren unter Donald Trump passieren wird“, so der Lingohr-Experte. „Deshalb sollte man gar nicht erst versuchen, aus den irrationalen Verhaltensmustern des Marktes Weisheiten zu gewinnen.“

Doch es sind längst nicht nur politische Ereignisse wie Wahlen, die Benjamin Graham bei seinem Ausspruch im Kopf hatte. Seine Börsenweisheit gilt auch in ruhigen Zeiten, vielleicht sogar noch mehr als in turbulenten Zeiten. „Es gibt Firmen, deren Börsenwert in den Himmel gehoben werden, obwohl wir nicht wissen, ob sie in fünf Jahren noch existieren werden, und andere, die Richtung Null heruntergeprügelt werden, obwohl noch viel Leben in ihnen ist“, mahnt Fondsmanager Leber. „Es gibt Börsenlieblinge, die aus Anlegersicht nichts verkehrt machen können und die dann doch in eine Krise hineinkommen, und hässliche Entlein, die erstaunlich viel Leben in sich haben.“

Lingohr-Experte Engelbert ergänzt, dass starke Unter- oder auch Übertreibungen mitunter nur bei nur bei einigen Titeln zu sehen seien. „In bestimmten Situationen kann dieses Phänomen allerdings auch wesentlich ausgeprägter ganze Segmente des Marktes betreffen“, sagt er.


Die Börsenweisheit hilft, einen klaren Kopf zu behalten

Doch für Privatanleger ist es nicht so einfach, solche Unter- oder Überbewertungen zu erkennen und dann entsprechend – und das heißt eben auch gegen den allgemeinen Trend – zu handeln. Viele Investoren würden sich von kurzfristigen Stimmungen verleiten lassen, beobachtet auch Christian W. Röhl, Investor, Unternehmer und Gründer von DividendenAdel, einer Internet-Plattform für Vermögensmanagement mit ausschüttungsstarken Aktien. „Sie handeln dabei oft sogar gegen ihre eigentliche Grundsätze, Überzeugungen und Strategien“, sagt er. „Da verkauft man dann plötzlich aus Angst vor einem Rücksetzer seine Aktien, obwohl man doch eigentlich langfristig halten wollte. Oder man lässt sich hinreißen, irgendeine heiße Wachstumsaktie zu ordern, obwohl man eigentlich doch auf etablierte Geschäftsmodelle und zuverlässige Dividenden setzen wollte.“

Ob nun politische Entscheidungen oder Modetrends an der Börse – Investmentprofis versuchen auch langfristig zu denken und zu agieren. Oder um es mit Benjamin Graham zu sagen: Sie versuchen abzuwägen statt abzustimmen. „Ich investierte nach einer fundamentalen Analyse“, sagt Max Otte. „Da führe ich mir diese Weisheit immer vor Augen, wenn es mal gegen eines meiner Investments läuft und wenn die ersten Selbstzweifel aufkommen, weil man sich gegen die Masse gestellt hat.“

Auch Privatanleger sollten sich diese Weisheit immer wieder vor Augen führen. „Sie kann auch helfen, einen klaren Kopf zu bewahren, wenn bestimmte Aktien ‚abgehen wie die Post‘ und man selber dort den Value partout nicht sieht“, so Otte. Dann könne man sich klar machen, zu welchen Übertreibungen die Psychologie neigen könne.

„Anleger sollten sich auf das (Ab)Wägen konzentrieren und die (Ab)Stimmungen den Berufszockern überlassen“, rät Röhl deswegen. „Am Beispiel der Trump-Wahl: Genauso wenig, wie es einen Grund gab, seine Aktien kurz vor der Wahl oder am Morgen nach der Wahl aus Angst vor Trump zu verkaufen, gibt es jetzt einen, ‚auf Teufel komm raus‘ US-Aktien zu kaufen, um vom Infrastruktur- und Bauboom – sofern er denn kommt – zu profitieren.“

Für Privatanleger heißt das, sich nicht vom aktuellen Marktgeschehen verunsichern zu lassen. „Mittel- bis langfristig werden die fundamentalen Kennzahlen die Marktmeinung bestimmen und wie eine Waage die Preise rauf und runter treiben und für eine realistische Bewertung sorgen“, so Engelbert. Deswegen ist es so wichtig einen Investmentprozess zu haben, an den man sich festalten kann.

Quelle:  Handelsblatt Online
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