Griechenland: Freudentaumel an den Märkten bleibt aus

Griechenland: Freudentaumel an den Märkten bleibt aus

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Richtig überzeugt sind die Finanzmärkte noch nicht von der Einigung im Schuldenstreit.

von Saskia Littmann

Die Finanzmärkte sind über die Einigung zwischen Griechenland und den anderen Euro-Ländern erleichtert - aber mehr auch nicht. Die Skepsis an der Börse über eine nachhaltige Lösung der Schuldenkrise bleibt groß.

Erwartungsgemäß erleichtert sind die Märkte über die erzielte Einigung im Schuldenstreit zwischen Griechenland und den Ländern der Euro-Zone. Der Dax legte im Verlauf des Vormittags um rund anderthalb Prozent zu, auch die anderen europäischen Börsen wie der Euro Stoxx 50 oder der französische CAC 40 verzeichneten ein deutliches Plus. Allerdings: Grenzenlose Freude sieht anders aus. Auch an der Börse herrschen weiterhin Zweifel, ob die Einigung wirklich zu einer nachhaltigen Lösung führen wird.

"Dieser Gipfel hat den 'Grexit' jetzt verhindert", sagt Jürgen Michels, Chef-Volkswirt der BayernLB. "Aber es wird unglaublich schwer sein, die genannten Sofortmaßnahmen sowie die folgenden Reformen in Griechenland durchzusetzen". Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone sei also vorerst verhindert worden, sei aber zukünftig weiterhin gut möglich. Ähnlich sieht das Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): "Es wäre verfrüht, die Einigung als einen Erfolg anzusehen", erklärt er. Es sei lediglich ein erster Schritt gemacht worden.

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Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

  • Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

    "Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. (...) Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin."

  • Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

    „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft in Takt (...) Der Rückschlag wird nicht von Dauer sein."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm - das sogenannte OMT-Programm - auch noch gibt."

  • Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

    "Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichte machen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt - ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen."

  • Johannes Mayr, BayernLB

    "Weder der Grexit noch die Staatspleite sind zwingend. Es hängt sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Wenn es zu einer Ablehnung kommt, wäre Griechenland auf schiefer Ebene unterwegs in Richtung Euro-Abschied. Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen.

    Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein - Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen."

Den unmittelbarsten Hinweis darauf, dass die Einigung der Euro-Regierungschefs noch längst kein Grund zum Aufatmen ist, gibt der Euro-Kurs. Kurz nach dem Bekanntwerden der Einigung schoss der Kurs der Gemeinschaftswährung zwar kurzzeitig deutlich ins Plus. Bald darauf gab er aber erneut nach und sackte recht deutlich um 0,5 Prozent ins Minus. Das Vertrauen der Investoren in die Gemeinschaftswährung ist offenbar trotz Einigung nicht gestiegen, im Gegenteil. Scheinbar haben auch die Investoren an den Finanzmärkten den Eindruck, dass Europa lange nicht mehr so zerklüftet war, wie nach den Verhandlungen.

Vertrauen fehlt noch

"Die Euro-Zone ist tief gespalten", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Die Diskussionen um den Grexit haben einmal mehr deutlich gemacht, wie unterschiedlich die Interessen in der Euro-Zone gelagert sind. "Die Art, wie der 'Grexit' abgewendet wurde, ist sicherlich keine gute", sagte Wirtschaftswissenschaftler Henrik Enderlein. Vor allem der Vorstoß von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der einen Grexit auf Zeit forderte, kam bei vielen Beobachtern nicht gut an. Angesichts einer derart gespaltenen Euro-Zone ist es kein Wunder, dass das Vertrauen der Investoren in den Euro nicht sonderlich groß ist. Aus der Sicht vieler Analysten war es vor der Einigung größer als hinterher.

Offiziell haben sich die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone auf Verhandlungen um ein drittes Rettungspaket für Griechenland geeinigt. Dazu gehört unter anderem ein Privatisierungsfonds, dessen Erlös die Schulden Griechenlands vermindern und die Banken rekapitalisieren soll. Zu dieser Einigung kam es nach einer 17-stündigen Verhandlung der Regierungschefs. Vor allem der Privatisierungsfonds war umstritten.

Angesichts dieser Umstände ist es verständlich, dass die Märkte nicht euphorisch auf das vorläufige Ende der Verhandlungen reagieren. Zum einen rechneten Anleger schon am Freitag mit einer Einigung im Schuldenstreit, einige Kursgewinne wurden entsprechend vorweggenommen. Zum anderen hängt Griechenland weiterhin am seidenen Faden der Europäischen Zentralbank (EZB), was die Liquidität angeht.

"Am 20. Juli steht eine Zahlung an die EZB von über drei Milliarden Euro an, damit muss sich die Eurogruppe noch einmal befassen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Anschluss an die Sitzung der Staats- und Regierungschefs. Offenbar gibt es Überlegungen, dafür eine Art Übergangsfinanzierung bereit zu stellen. Denn wäre Athen nicht in der Lage, die Schulden an die EZB zurück zu zahlen, dürfte die Zeit der ELA-Notkredite wohl endgültig vorbei sein.

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Noch am Montag muss die EZB erneut über die Verlängerung der Hilfskredite entscheiden. Insidern zufolge werden die Ratsmitglieder der Notenbank wohl in einer Telefonkonferenz beschließen, die Hilfen für die griechischen Banken auf ihrem aktuellen Stand zu belassen. Die Hilfen waren zuletzt höchst umstritten, da sie eigentlich nur zum Einsatz kommen sollen, solange ein Staat zahlungsfähig ist. Das schien im Fall Griechenlands nicht mehr gegeben.

Auch wenn also insgesamt das Wort Einigung in die Welt gesetzt wurde, dürfte es noch eine Weile dauern, bis die Finanzmärkte wirklich an eine nachhaltige Lösung im Schuldenstreit mit Athen glauben. Bis dahin dürfte es mit dem Auf und Ab an den Märkten weitergehen wie bisher.

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