Griechenland und der Dax: Haut Mario Draghi die Märkte raus?

Griechenland und der Dax: Haut Mario Draghi die Märkte raus?

, aktualisiert 29. Juni 2015, 09:10 Uhr
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Mario Draghi wird es nicht zulassen können, dass Investoren und Hedgefonds jetzt große Wetten auf steigende Renditen und fallende Kurse der Staatsanleihen von Portugal, Spanien und Co. eingehen.

von Hauke Reimer

Der Dax brach am Montag bei Eröffnung ein, auch Asiens Börsen signalisierten bereits: Die Finanzmärkte sind wegen der drohenden Griechen-Pleite im Panik-Modus. Investoren hoffen jetzt auf die Europäische Zentralbank.

Es bedurfte keiner großen prognostischen Fähigkeiten, um voraus zu ahnen: Der Deutsche Aktienindex Dax ist am Montagmorgen bei Eröffnung kräftig nach unten abgerauscht. Schätzungen von Analysten, die von einem ersten Minus von 500 Punkten ausgehen, waren zwar reine Kaffeesatz-Leserei. Wie stark die Märkte wegen der bisher größten Krise der Eurozone fallen, lässt sich nicht vorhersagen. Die Furcht vor einer bevorstehenden Pleite Griechenlands drückte den Dax am Morgen dann kurz nach Handelsbeginn um 4,36 Prozent auf 10.990,86 Punkte. Das ist der größte Kursrutsch seit dreieinhalb Jahren.

Sicher scheint: Es wird keine schnelle Beruhigung geben. Die zuletzt häufig auch von Seiten prominenter Banker gehörte Phrase, der Grexit sei an den Märkten so gut wie "eingepreist", stimmt nicht. Die Märkte haben, wie auch die meisten politischen Beobachter, einen notfalls milliardenteuren Aufschub erwartet. Zeit, die mit Geld erkauft wird. Mit seinem Schachzug, jetzt ein Referendum abhalten zu wollen und dem darauf folgenden Bruch mit den Euro-Finanzministern hat Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras dieses Kalkül durchkreuzt.

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Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

  • Der Zusammenbruch

    Sollte Griechenland nicht bald zu einer stabilen politischen Ordnung zurückfinden, wäre eine Pleite des Staates spätestens im Sommer wohl unausweichlich. In einem solchen Fall würde wohl auch die EZB griechische Banken gemäß ihren Statuten nicht mehr als Geschäftspartner bei ihren Refinanzierungsgeschäften mit dem Banksektor akzeptieren können. Sie wären also nicht mehr refinanzierungsfähig und dürften auf den Bankrott zusteuern. Dies wäre das Ende eines griechischen Finanzsektors in der Euro-Zone - der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel wäre dann nicht mehr zu halten.

  • Der Übergang

    Am Beginn eines Übergangs müssten alleine schon wegen der nötigen technischen Umstellung von Millionen Konten, aber auch um eine Panik und lange Schlangen vor den Banken zu verhindern, die Institute des Landes für einige Tage - vermutlich gut eine Woche - geschlossen bleiben. Parallel würde der gesamte Kapitalverkehr mit dem Ausland für diesen Zeitraum zum Erliegen kommen. In dem Zeitfenster könnte dann die Währungsreform vorbereitet werden - ein banktechnisch und politisch komplizierter Prozess. Unter anderem müssten zahlreiche neue Gesetze erlassen werden. Die Hüter der neuen Währung, also die Notenbanker in Athen, müssten unter anderem eine neue Mindestreservequote und einen neuen Leitzins für ihre Banken beschließen. Zudem müssten sie Vorbereitungen für den so gut wie sicheren Fall treffen, dass die neue griechische Währung am Devisenmarkt massiv abwertet.

  • Die neue Währung

    Wahrscheinlich würde in Griechenland eine neue Währung in zwei Stufen eingeführt. Während sie auf Konten als Buchgeld mehr oder weniger per Knopfdruck umgestellt werden könnte, bräuchte die Bargeldeinführung mehr Zeit - schließlich müssten Münzen geprägt und Geldscheine gedruckt werden. Anschließend müsste das Geld im Land verteilt werden - eine logistische Herkulesaufgabe. In dieser Phase könnte der Euro weiterhin als Tauschmittel für den Alltag fungieren. Hier gibt es eine Art Vorbild: Das Balkanland Montenegro verwendet den Euro bereits einseitig als Zahlungsmittel im Bargeldverkehr, ohne dass es offiziell Mitglied der Euro-Zone ist.

  • Der Scherbenhaufen

    Nach der Währungsreform käme innerhalb des europäischen Systems der Zentralbanken das große Aufräumen. Hier rückt das Großbezahlsystem der Notenbanken, Target II, ins Zentrum. Die Zentralbank in Athen hat innerhalb des Systems Verbindlichkeiten gegenüber der EZB in Höhe von rund 100 Milliarden Euro. Hinzu kämen Forderungen der Euro-Notenbanken aus dem umstrittenen Kauf griechischer Staatsanleihen seit Mai 2010 - geschätzt zwischen 40 und 50 Milliarden Euro. Rechnet man diese Posten zusammen steht Athen alleine beim Eurosystem aus EZB, Bundesbank & Co. mit bis zu 150 Milliarden Euro in der Kreide. Auf die Bundesbank entfielen nach dem Kapitalschlüssel der EZB etwas mehr als ein Viertel, also etwa 40 Milliarden Euro. Möglich wäre nun, dass die Griechen das Geld über einen langen Zeitraum, eventuell viele Jahrzehnte, abzahlen. Auch eine Lastenteilung zwischen der Zentralbank in Athen, der EZB und den verbleibenden 16 Euro-Notenbanken ist denkbar. Im schlimmsten Fall, also wenn Griechenland nicht zahlen will oder kann, müsste die Bundesbank Abschreibungen vornehmen und/oder ihre Risikovorsorge erhöhen. Bundesbankgewinne und damit eine jährliche Entlastung des Bundeshaushalts wären dann für lange Zeit Geschichte. Dass diese Belastung der Bundesbank deutlich höher ausfiele als ihr derzeitiges Eigenkapital von fünf Milliarden Euro wäre kein Problem, da Notenbanken im Gegensatz zu normalen Instituten auch mit negativen Eigenkapital operieren können. Die Bundesbank selbst hat dies etwa in den 1970er-Jahren einige Jahre selbst praktiziert.

Letzte Hoffnung für die Finanzmärkte ist Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Der hat schließlich vor drei Jahren versprochen, den Euro zu verteidigen, was immer dazu nötig sei. Er wird es nicht zulassen können, dass Investoren und Hedgefonds jetzt große Wetten auf steigende Renditen und fallende Kurse der Staatsanleihen von Portugal, Spanien und Co. eingehen und so - weil die Zinslasten, die deren Regierungen dann schultern müssen, massiv steigen werden - die nächste Runde im Euro-Pleitedrama eröffnen.

Draghi hat noch viel Munition

Auch wenn alle politischen Rettungsbemühungen gescheitert scheinen, will Draghi Griechenlands Notenbank und damit die griechischen Banken weiter mit Notkrediten (Emergency Liquidity Assistance, ELA) am Leben halten. 89 Milliarden Euro hat die EZB bereits nach Athen überwiesen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Und Draghi kann noch mehr tun: "So lange die EZB in ihrem QE engagiert ist (Quantitative Easing, Anleihekaufprogramm), ist der Schaden, den die Krise auf anderen Staatsanleihemärkten anrichten wird, klar begrenzt", schreibt Unicredit-Chefökonom Erik F. Nielsen in einem Kommentar für seine Investoren vom Sonntag, "und wenn QE ausläuft, haben wir das OMT." Bei den Outright Monetary Transactions handelt es sich um ein geldpolitisches Ankaufprogramm, das bisher noch nicht zur Anwendung kam. Draghi hätte demnach noch eine Menge Munition für seine Dicke Bertha.

Die von Athen vorgeschlagenen Sparmaßnahmen

  • Die Maßnahmen zur Haushaltssanierung

    Die griechische Regierung will bei den Verhandlungen mit den Geldgebern Athens durch Einsparungen und zusätzliche Einnahmen um Kürzungen bei Renten und Löhnen herumkommen. Zudem hofft Athen auf eine Umstrukturierung der Schulden und ein Investitionsprogramm. Dies verlautete aus Kreisen der Regierung in Athen. Die griechische Presse listete Maßnahmen zur Haushaltssanierung auf. Danach müssten die Griechen knapp acht Milliarden Euro sparen oder zusätzlich einnehmen.

  • Haushalt

    Athen soll 2015 einen Primärüberschuss im Haushalt (Zinszahlungen und Tilgungen von Schulden werden dabei ausgeblendet) von einem Prozent und 2016 von zwei Prozent erzielen. Darauf haben sich die Staats- und Regierungschefs der Eurozone mit Athen laut Diplomatenkreisen bereits beim Sondergipfel geeinigt.

  • Mehrwertsteuer

    Künftig soll es drei Mehrwertsteuersätze geben: 6, 13 und 23 Prozent. Auf Energie, Wasser, Gastronomie entfällt weiterhin der mittlere Satz, während die Usamtzsteuer auf Medikamente und Bücher um 0,5 Prozent verringert wird. Die Institutionen forderten zwei Sätze (11 Prozent und 23 Prozent), wobei Medizin bei 11 und Energie, Wasser und Gastronomie bei 23 Prozent eingeordnet worden wäre.

  • Sondersteuer, Reichensteuer

    Athen will die Einkommen von 12.000 bis 20.000 Euro mit 0,7 Prozent Sonder-Solidaritätssteuer belasten. Wer 20.001 bis 30.000 Euro (brutto) jährlich bezieht, soll 1,4 Prozent „Soli“ zahlen. Das geht stufenweise weiter bis zu acht Prozent für Einkommen über 500.000 Euro im Jahr.

  • Immobilien

    Die Besitzer von Immobilien sollen weiter eine Sondersteuer zahlen, die dem Staat bis zu 2,7 Milliarden Euro bringen soll. Ursprünglich wollte die Regierung sie abschaffen.

  • Luxussteuer

    Besitzer von Luxusautos, Privatflugzeugen und Jachten müssen mehr an den Fiskus zahlen.

  • Unternehmen

    2016 sollen Unternehmen mehr Steuern zahlen. Statt bisher 26 Prozent sollen 29 Prozent Unternehmensbesteuerung fällig werden. Zwölf Prozent Sondersteuer müssen alle Betriebe zahlen, die mehr als 500.000 Euro Gewinn machen.

  • Medien

    Für Fernsehwerbung soll eine Sondersteuer erhoben werden. Private TV- und Radiosender sollen eine neue Lizenzsteuer zahlen. Zudem sollen elektronische Wetten besteuert werden.

  • Militär

    Rüstungsausgaben sollen um 200 Millionen Euro gekürzt werden.

  • Renten

    Die meisten Frührenten sollen stufenweise abgeschafft werden. Rentenkürzungen soll es nicht geben. Offen blieb, ob und wann die Regierung das Rentenalter auf 67 Jahre anheben wird.

  • Sozialabgaben

    Die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen erhöht werden. Das soll in den kommenden 18 Monaten knapp 1,2 Milliarden Euro in die Rentenkassen spülen. Versicherte sollen beim Kauf von Medikamenten stärker zur Kasse gebeten werden.

  • Privatisierungen

    Die Regierung stimme begrenzten Privatisierungen zu, hieß es.

  • Schulden

    Athen schlägt den Angaben zufolge eine Umschichtung der Schulden im Volumen von 27 Milliarden Euro von der Europäischen Zentralbank (EZB) auf den Euro-Rettungsfonds ESM vor.

  • Investitionen

    Athen hofft auf ein Investitionsprogramm der EU-Kommission und der Europäischen Investitionsbank.

Entsprechend optimistisch gibt sich Nielsen: Griechenland sei nicht mit der zuvor ebenfalls unterschätzten Lehman-Krise von 2008 vergleichbar. Es sei eben keine Bank mit wüsten finanziellen Verflechtungen in einem vor allem mit Schulden finanzierten ("geleveragten") Finanzsystem, sondern ein kleines Land, das nur zwei Prozent zur europäischen Wirtschaftsleistung beitrage. Wenn es zu einem Ausverkauf bei Europas Risikoanlagen (Staatsanleihen der Südstaaten, Aktien) komme, werde er bei jedem wesentlichen Kurseinbruch auf der Käuferseite stehen, so Nielsen.

Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland

Kapitalverkehrskontrollen starteten in Hellas schon Montagmorgen. Nach Medienberichten sollen die Banken und auch die Athener Börse bis Anfang kommender Woche geschlossen bleiben. Das klingt übel in den Ohren ausländischer Investoren. Wehret den Anfängen, mag mancher sagen, wenn man in einzelnen Mitgliedsländern nicht an sein Kapital kommt, warum nicht irgendwann auch mal in der Eurozone gegenüber dem Rest der Welt? Weitaus mehr als die Hälfte der Dax-Aktien liegt in den Händen ausländischer Institutionen, die ihr Geld irgendwann ja auch mal wieder nach Hause holen wollen. In unsicheren Zeiten dann lieber früher als später.

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Viel stärker als europäische Aktien generell wird die jetzt sehr wahrscheinlich gewordene Griechenland-Pleite griechische Aktien und Staatsanleihen drücken. Für die schon nahezu pulverisierten griechischen Bankaktien wird es kaum Nachfrage geben. Zur Angst um die Wirtschaft des Landes kommt jetzt noch die Furcht, sein Geld nicht mehr aus Athen herauszubekommen.

Unternimmt die EZB nichts Besonderes, dürften die Risikoaufschläge für Anleihen der anderen südlichen Krisenländer weiter anziehen und damit deren Renditen steigen und deren Kurse fallen werden. Ob Bundesanleihen, die zuletzt bei Griechenland-Unsicherheiten immer mit Renditeabschlägen und Kursgewinnen reagierten, profitieren werden, bleibt abzuwarten.

Das klassische Muster, dass bei Unsicherheit eine Flucht in Qualität stattfindet, wird sich wahrscheinlich durchsetzen, ein Restrisiko, dass auch Bunds fallen werden, bleibt aber. Nämlich dann, wenn die Märkte realisieren, dass Deutschland jetzt milliardenschwere Abschreibungen hinnehmen und natürlich auch neue Hilfsprogramme stemmen muss, die verhindern sollen, dass Griechenland zum neuen Kosovo der Europäischen Union verkommt.

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