Griechische Staatsanleihen: 376 Prozent Rendite - ein riskanter Deal

Griechische Staatsanleihen: 376 Prozent Rendite - ein riskanter Deal

, aktualisiert 16. November 2011, 15:41 Uhr
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Viele Kleinanleger spekulieren auf den ganz großen Gewinn mit Griechenland-Papieren und riskieren den Totalverlust.

von Ulf SommerQuelle:Handelsblatt Online

Nach dem Schuldenschnitt für Griechenland fallen die Kurse der Staatsanleihen tiefer und tiefer. Viele Kleinanleger spekulieren auf den ganz großen Gewinn, doch die Risiken sind riesig.

DüsseldorfJahrzehntelang haben Banken und Versicherungen mit griechischen Staatsanleihen gehandelt - im Vertrauen darauf, für ihre Kunden etwas höhere, aber sichere Zinsen zu kassieren. Die Schuldenkrise, die schlechten Ratings der Bonitätswächter und die Ausfallrisiken zwingen die Profis jetzt, ihre Anleihen abzuschreiben oder mit Verlust zu verkaufen. In die Bresche springen viele private Anleger. Das belegen die rasant gestiegenen Umsätze. Jahresrenditen von über 100 Prozent locken Spekulanten an.

Immer weiter fallende Kurse und steigende Renditen signalisieren aber: Die Finanzmärkte vertrauen den Regierungen nicht, die Griechenland 50 Prozent der Schulden erlassen wollen. Sie rechnen mit noch höheren Einschnitten.

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Konkret: Die 22 Milliarden Euro schwere griechische Anleihe mit einer Laufzeit bis 20. März 2012 wirft bei einem Kurs von 44 Prozent eine aufs Jahr hochgerechnete Rendite von 376 Prozent ab. Nach Abzug der Abgeltungssteuer und des Solidaritätszuschlags verbleiben 270 Prozent. Vorausgesetzt, dass Griechenland die Anleihe zu 100 Prozent zurückzahlt - so wie es bei Anleihen nach Ende der Laufzeit üblich ist. Davon dürfen, nach aktuellem Stand, alle Anleger ausgehen, die sich dem vereinbarten „freiwilligen Schuldenschnitt“ verweigern.

„Nach jetziger Beschlusslage kann niemand gezwungen werden, seine griechischen Anleihen umzutauschen“, sagt Martin Ende von der BHF-Bank. Denn damit käme es, wie 2002 in Argentinien, zu einem Default, also einem Ausfall des Schuldners - und den wollen die Verhandlungspartner unter allen Umständen verhindern.

Der Grund: Bei einem erzwungenen Schnitt würden die Versicherungen gegen eine Pleite fällig, die Credit Default Swaps (CDS). Die von Großinvestor Warren Buffett als "Massenvernichtungswaffen" bezeichneten Derivate bergen schwer einschätzbare Effekte, wenn große Banken die Versicherungssummen auszahlen müssen.

Doch was passiert, wenn sich Anleger, Fonds und Banken dem Schuldenschnitt verweigern? Bislang gibt es nur die Zusage des Bankenverbands, ohne dass der vorher mit jeder Bank gesprochen hat. „Noch ist unklar, ob und wie private Anleger mit einbezogen werden“, sagt Ende.

Es gibt keine festen Vereinbarungen. Bislang klammern sich Anleger nur an die dürftige Erklärung des EU-Gipfels: „Zu diesem Zweck ersuchen wir Griechenland, die privaten Investoren und alle beteiligten Parteien, einen freiwilligen Umtausch von Anleihen mit einem nominellen Abschlag von 50 Prozent des Nennwerts der von privaten Investoren gehaltenen griechischen Staatsanleihen auszuarbeiten.“

In Frankfurt starten zusammen mit EU-Vertretern voraussichtlich am Donnerstag Gespräche über einen Anleihetausch. Die griechische Zeitung „Kathimerini“ berichtete ohne Angabe einer Quelle, dass privaten Gläubigern, abhängig von der Laufzeit der Anleihe, für 100 Euro eine Barauszahlung zwischen zehn und 20 Euro vorgeschlagen werde. Zusätzlich sollten die Gläubiger für 30 bis 40 Euro neue Anleihen mit einer Laufzeit zwischen 20 und 30 Jahren und einer Rendite von sechs Prozent erhalten.


Reger Handel mit Griechenland-Schuldscheinen

Anleiheexperte Johannes Rudolph von HSBC Trinkaus sagt: „Das bisherige Paket beruht auf der Beteiligung des Privatsektors. Wird am Ende keine hohe Umtauschquote erreicht, werden die Hilfszahlungen für Griechenland womöglich gestoppt und das Land kann seine Gläubiger nicht auszahlen.“

Das heißt: Je weniger Anleger ihre Anleihen umtauschen, desto wahrscheinlicher wird ein neuer, höherer Schuldenschnitt - oder die Pleite. Dies würde wohl Totalverlust bedeuten.

Mit solchen Szenarien kalkulieren die Märkte. Nach der 22-Milliarden-Euro-Anleihe, die im März fällig wird, warten Anleger zwei Monate später darauf, dass Athen weitere acht Milliarden Euro ausbezahlt. Auch der Kurs dieser Anleihe fällt täglich. Am Montag waren es 42, gestern 40 Prozent. Derart niedrige Kurse signalisieren einen Kapitalschnitt von über 50 Prozent.

Wie ist das nach den Beschlüssen möglich? Zur Erinnerung: Bevor sich die Staatschefs in der Nacht zum 27. Oktober auf den 50-Prozent-Schnitt einigten, hatten sie sich beim Euro-Gipfel im Juli auf einen Gläubigerverzicht von 21 Prozent verständigt. Daran gemessen scheint ein Radikalschnitt von über 50 Prozent nicht utopisch. Wer im Juli der Politik vertraute und Anleihen kaufte, sitzt heute auf Verlusten. Daraus folgt: Auch der jetzige Schuldenschnitt kann jederzeit nach oben korrigiert werden - so wie es die Finanzmärkte jetzt signalisieren. Das könnte Verluste für all jene Anleger bedeuten, die heute Griechenland-Anleihen kaufen.

Auffällig ist das rege Interesse privater Anleger. „Jeder neuerliche Beschluss zu Griechenland treibt sofort das Handelsvolumen nach oben“, sagt der Handelsexperte für Anleihen Markus Gross von der Börse Stuttgart. Diese hat sich auf Privatanleger und den Anleihehandel spezialisiert. Hier wechseln an regen Tagen Griechenland-Anleihen im Volumen von 15 Millionen Euro den Besitzer - das ist weniger als an allen anderen deutschen Börsen zusammen, einschließlich Frankfurt, in den letzten Monaten. Klammert man Bundesanleihen aus, so machen Griechenland-Schuldscheine unter allen Euroland-Papieren derzeit 80 Prozent des Anleihe-Handelsvolumens in Stuttgart aus. Für die eingangs beschriebene 22-Milliarden-Euro-Anleihe summierte sich das Volumen im Oktober auf 24 Millionen Euro.

Der rege Handel und die Einzelsummen von meist unter 20.000 Euro deuten auf private Anleger hin. Auf der Verkäuferseite vermuten Händler Banken, Versicherungen und Pensionsfonds, die ihre Bilanzen bereinigen wollen. Jeder Handel läuft anonym ab.

Christiane Krämer vom Direktbroker Comdirect registrierte nach dem EU-Gipfel bei privaten Anlegern eine rege Nachfrage nach all jenen Griechenland-Anleihen, deren Kurs unter die 50-Prozent-Schwelle gerutscht ist - also bei all jenen Scheinen, die aus Sicht der Käufer selbst nach dem beabsichtigten Schuldenschnitt Gewinn abwerfen.

Krämer: „Als geringe Beimischung suchen einige Anleger die Gewinnchance. Sie stellen sich damit zugleich dem Risiko des Totalverlusts.“ Genau so sehen es auch alle befragten Händler und Analysten. Keiner mag den Kauf von Griechenland-Anleihen empfehlen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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