Handel in China: Die Leidenschaftlichen

Handel in China: Die Leidenschaftlichen

, aktualisiert 08. Januar 2017, 15:11 Uhr
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Der chinesische Handel wird hauptsächlich von Kleinanlegern bestimmt – für viele ist die Börse die Passion.

von Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Vor einem Jahr erlebte China einen Aktien-Crash. Die mehr als 80 Millionen Kleinanleger lassen sich trotzdem nicht entmutigen – ihnen bleiben ohnehin kaum Alternativen. Ein Besuch bei Zockern.

PekingDer Wachmann nickt Frau Zhao müde zu, als die zierliche Dame gemächlich durch die Eingangshalle geht. Im Nebenraum des Brokers CITIC an der zweiten Ringstraße in Peking flimmern bereits die Kurse über die mehr als zwei Meter hohen Anzeigetafeln. Die 70 Jahre alte Frau Zhao setzt sich auf einen weißen Plastikstuhl in der letzten Reihe, neben die anderen Damen.

Man kennt sich. Die Herren und Damen sind alle jenseits der 55. Ihr Hobby: Aktienspekulation. Jeden Tag kommen sie hier her, um die Kurse zu verfolgen. Es ist 9.30 Uhr und der Handel hat soeben begonnen. Eine Reihe mit Terminals zieht sich an den Wänden entlang. Hier steht Herr Li. „Technologiefirmen sind gut“, sagt er. Er sei sich sicher, dass die Kurse vieler Hightech-Firmen steigen würden.

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Und dabei hat der Enthusiasmus der mehr als 80 Millionen Kleinanleger in China viele Rückschläge überstanden. Zur Zeit der globalen Finanzkrise 2008/2009 fielen die Kurse der Firmen im chinesischen Leitindex Shanghai Composite deutlich stärker als die im S&P 500. Mitte 2015 folge der nächste dramatische Crash, bei dem rechnerisch ein Börsenwert von fünf Milliarden Dollar verpuffte.

Vor einem Jahr kam der nächste Schock, als ein automatisierter Stopp-Mechanismus die Kurse fallen ließ. Die Börsenaufsicht hatte ihn eingeführt, um die starken Schwankungen zu dämpfen. Letztlich verstärkte sie die Fluktuation jedoch weiter. Wenige Tage später wurde der Handel wieder ausgesetzt. Im Februar musste dann sogar der Vater des Mechanismus, Chinas oberster Börsenaufseher Xiao Gang, gehen.

„Endlich Pause“, sagt Frau Zhao. Um 11.30 Uhr beginnt die eineinhalbstündige Mittagspause an Chinas Aktienmärkten. Frau Zhao ist vorbereitet. Aus ihrer Leinentasche zieht sich ein langes Holzbrett, das sie quer über mehrere der weißen Plastikstühle legt. „Los geht’s“, ruft sie ihren Leuten zu. Dann teilt sie Spielkarten aus. Auch in der Pause wird gezockt.

Im Gegensatz zu Aktienmärkten in Europa oder Nordamerika werden die Börsen in China von Kleinanlegern dominiert. In den 26 Jahren seit Gründung der Aktienmärkte in China unternahmen die Börsenaufseher immer wieder Versuche, den Anteil von institutionellen Investoren zu steigern – bislang jedoch mit wenig Erfolg. Es sind Menschen wie Frau Zhao und Herr Li, die viele der Kursbewegungen in China beeinflussen.

Ja, er habe Geld bei Crash verloren, gibt Herr Li zu. Er habe zu lange auf die Versprechen der Staatsmedien vertraut, dass die Regierung schon das Schlimmste abwenden werde. Aber zu keinem Zeitpunkt habe er überlegt, sich ganz vom Aktienhandel zu verabschieden. „Wir haben doch keine Alternativen“, sagt er.

Die chinesische Staatsführung hat den Finanzmarkt weitgehend vom globalen Finanzsystem entkoppelt aufgebaut. Anleger in China können ihr Geld nicht einfach außer Landes schaffen. Seit Monaten verschärft Peking im Kampf gegen die Kapitalflucht die ohnehin strengen Regeln. Was Chinas Anlegern bleibt, ist das Geld in Immobilien zu investieren, zur Bank zu bringen – oder eben Aktien zu kaufen.

Als der Handel um 13.00 Uhr wieder beginnt, steht Herr Li die ganze Zeit an einem Terminal. Mehrfach erwägt er, neue Papiere zu kaufen. Am Ende kann er sich jedoch einfach nicht entscheiden. Um 15.00 Uhr ist Schluss. Frau Zhao packt ihr Brett wieder ein. Auch Herr Li sucht seine Sachen zusammen. Doch schon morgen werden sie wieder da sein.

Quelle:  Handelsblatt Online
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