
Im Bundestag geht es heute um einen Gesetzentwurf „zur Vermeidung von Gefahren und Missbräuchen im Hochfrequenzhandel“. Hinter dem sperrigen Titel verbergen sich neue Regeln, die die Risiken des elektronischen Wertpapierhandels eindämmen sollen. Zwar übermitteln Börsianer schon lange ihre Aufträge elektronisch. Allerdings begann vor zehn Jahren eine Entwicklung, die vor etwa fünf Jahren zum Massenphänomen wurde: Nicht nur die technische Abwicklung eines Wertpapierauftrags, sondern auch die Entscheidung zu seiner Erteilung wird heute zu großen Teilen von Computern gesteuert.
Man spricht dabei vom „algorithmischen Handel“, bei dem Computer nach zuvor programmierten Handlungsanweisungen selbstständig Käufe und Verkäufe auslösen. Besondere öffentliche Aufmerksamkeit hat der Teilbereich des algorithmischen Handels erlangt, der massenhaft und binnen Sekundenbruchteilen Aufträge an die Börsen schießt – der sogenannte „Hochfrequenzhandel“.
Bild: APAus dem Nichts brechen die Aktienkurse am 6. Mai 2010 in den USA ein. 18 von 30 Aktien aus dem US-Leitindex Dow Jones verlieren innerhalb weniger Minuten mehr als fünf Prozent, der Index fällt kurzzeitig um neun Prozent. Investoren auf der ganzen Welt suchen nach dem Auslöser. Lange vergeblich. Erst rund ein Jahr später legten Datendienstleister und die US-Börsenaufsicht SEC Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor. Ein Computer hatte den unerwarteten Crash ausgelöst.

6. Mai 2010 14:30 bis 15:00 Uhr
Computerprogramme identifizieren eine Gewinnchance. Sie schicken massenweise Verkaufsaufträge an die New Yorker Börse, wo Käufer scheinbar überteuerte Preise zahlen. (Grafik: Maximaler Tagesverlust ausgewählter Aktien am 6. Mai 2010 in Prozent)
Ausgeführt werden die Order jedoch zu den Preisen der tatsächlich vorliegenden, deutlich niedrigeren Kaufaufträge. Viele Verkaufsorder können mangels Käufern an der Wall Street gar nicht ausgeführt werden. Sie werden an andere Handelsplätze weitergeleitet. Eine Abwärtsspirale setzt ein. Bei einzelnen Aktien, wie bei der Unternehmensberatung Accenture, kommen mangels Käufern selbst niedrigste Kaufaufträge zu 0,01 Dollar zum Zuge. Diese Aktien sind kurzzeitig fast wertlos.

Accenture-Aktie, 6. Mai 2010 14:30 bis 15 Uhr
Die Aktie des Unternehmensberaters begann den Tag bei etwa 40 Dollar. Die Grafik der SEC-Ermittler verdeutlicht das Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsaufträgen. Die grünen Balken oberhalb der Nulllinie stehen für Kauforder, die blauen Balken für Verkaufsorder. Die rote Linie steht für die Differenz aus ausgeführten Kauf- und Verkaufsaufträgen. Die dünne gestrichelte Linie markiert den Kurs der Accenture-Aktie.
Nach wachsendem Verkaufsdruck bricht die Liquidität am Markt komplett ein. Die Accenture-Aktien sind im freien Fall, der Kurs sackt bis auf 0,01 Dollar ab, weil es keine Käufer gibt. Kurzeitig stehen weder Aktien auf der Kauf- noch auf der Verkaufsseite. Dann kehrt die Liquidität an den Markt zurück, der Kurs erholt sich.

6. Mai 2010 14:42 Uhr
Von 14:42:46 Uhr an zeigen die Kurssysteme der New Yorker Börse Daten nur noch zeitverzögert an, etwa für die General-Electric-Aktie (Grafik: Kauforder für die General-Electric Aktie in Dollar in New York und an der Computerbörse Nasdaq). Den Datenstau haben Computerhändler mit ungewöhnlich vielen stornierten Order verursacht.
Laut Nanex stauen sich die Daten an der New Yorker Börse schon, wenn mehr als 20.000 Kurse pro Sekunde festgesetzt werden. Die veralteten Kursdaten sind jedoch mit der aktuellen Zeit versehen, so dass andere automatische Handelsprogramme sie für aktuell halten. Verglichen mit aktuellen Kauforder an anderen Börsen, etwa der Computerbörse Nasdaq, sind die Kaufaufträge an der New Yorker Börse am 6. Mai viel zu hoch.

Käufe und Verkäufe zu Preisen, die mehr als 60 Prozent unter dem eigentlichen Marktpreis liegen, werden später annulliert. Neben Aktien sind vor allem börsengehandelte Indexfonds (ETFs) betroffen (Grafik: Welche Wertpapiertypen am stärksten vom Flash Crash betroffen waren in Prozent). Da sie den Wert eines Aktienkorbs abbilden, hinkt ihr Preis den Kursen der einzelnen Aktien leicht nach. Das macht es Computern in Ausnahmesituationen wie am 6. Mai besonders einfach, auf weitere Kursverluste zu spekulieren.

6. Mai 2010 20:30 bis 20:45 Uhr
Fast 1000 Punkte im Minus: Solch erdrutschartige Verluste musste der Börsenbarometer lange nicht erleiden - jedenfalls nicht in so kurzer Zeit. Zeitweise lag der Leitindex der größten Industriewerte Dow Jones Industrial (Kursverlauf am 6. Mai 2011 im Bild) neun Prozent im Minus. 862 Milliarden Dollar Börsenwert haben sich da in Nichts aufgelöst. Die Börsenaufsicht ist alarmiert, sie setzt den Handel von fünf Aktien zeitweise aus. Nach einer Viertelstunde war der Spuk vorbei.
Bild: dapdAuch in Deutschland sind Computerhändler aktiv. In Frankfurt entfallen schon 40 Prozent des Handelsvolumens auf den ultraschnellen Computerhandel.
Dennoch ist die Deutsche Börse zuversichtlich, dass ein solcher Flash Crash nicht in Deutschland einschlagen könnte. Automatische Notbremsen sollen dafür sorgen, dass es zu keinen völlig übertriebenen Kursausschlägen kommt. Das Xetra-Handelssystem setzt zum Beispiel bereits seit Jahren automatisch für wenigstens zwei Minuten aus, sobald ein Aktienkurs einen zuvor individuell festgelegten Preiskorridor verlässt. Seit dem 10. Juni gibt es auch in den USA ähnliche Notbremsen für einzelne Aktien.
Aus dem Nichts brechen die Aktienkurse am 6. Mai 2010 in den USA ein. 18 von 30 Aktien aus dem US-Leitindex Dow Jones verlieren innerhalb weniger Minuten mehr als fünf Prozent, der Index fällt kurzzeitig um neun Prozent. Investoren auf der ganzen Welt suchen nach dem Auslöser. Lange vergeblich. Erst rund ein Jahr später legten Datendienstleister und die US-Börsenaufsicht SEC Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor. Ein Computer hatte den unerwarteten Crash ausgelöst.
Risiken des Hochfrequenzhandels
Der breiten Öffentlichkeit wurden die Risiken des algorithmischen Hochfrequenzhandel im Mai 2010 bewusst, als ohne jede fundamentale Nachricht der US-Index Dow Jones durch den sogenannten Flash-Crash in kürzester Zeit um rund zehn Prozent einbrach. Im März 2012 scheiterte dann der Börsengang der Firma BATS Global Markets, selbst Anbieter von Handelsplattformen, an der eigenen Handelstechnik. In nur 500 Millisekunden verloren die Aktien 99 Prozent ihres Wertes. Beim jüngsten prominenten Vorfall im August 2012 fuhr der größte amerikanische Aktienhändler, die Knight Capital Group, durch fehlerhafte Computersoftware einen Verlust von 440 Millionen US-Dollar ein. Auch wenn die europäischen und insbesondere die deutschen Märkte aufgrund anderer technischer Voraussetzungen bislang keine Vorfälle dieser Größenordnung aufzuweisen haben: Anleger müssen sich darauf verlassen können, dass Preise für ihre Papiere ordnungsgemäß, fair und marktgerecht ermittelt werden. Das ist auch hierzulande eine drängende ordnungspolitische Grundsatzfrage.
10 Tipps für Börseneinsteiger
Volles Risiko oder lieber Nummer sicher - Typ-Analyse
Bevor ein potentieller Anleger zum ersten Mal Aktien kauft, sollte er sich Gedanken darüber machen, welches Ziel er mit der Geldanlage verfolgt und für welchen Anlegertyp er sich hält. Wenn mit den Aktien später die Altersvorsorge aufgestockt oder das Studium der Kinder finanziert werden soll, muss an der Börse eine andere Taktik angewendet werden, als wenn es um kurzfristige Gewinne geht. Die grundlegende Frage ist: Sind Sie auf den Betrag angewiesen und investieren deshalb lieber mit möglichst geringem Risiko oder können Sie eventuelle Verluste verschmerzen und renditestärkere aber auch riskantere Papiere kaufen?
Gier ist nicht immer gut
Wer die Frage nach der eigenen Risikoneigung mit "no risk, no fun!" beantwortet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er zwar sehr viel gewinnen, aber auch sehr viel verlieren kann. Für den Anfang schadet es nicht, auf eine langfristige Strategie zu setzen und die Entwicklungen an den Märkten zu beobachten. Kleine Zockereien für den Nervenkitzel sind dann im Verlustfall besser zu verschmerzen. Nach dem Geckoschen Leitsatz "Greed is good" sollten Börsenneulinge nicht handeln.
Nur kaufen, was man versteht
Was eine Aktie ist und wie sie funktioniert, dürfte jedem klar sein. Wer sein Depot auch mit Anleihen und Zertifikaten füllen möchte, sollte nur in Produkte investieren, die er auch versteht. Wer nur auf die Renditeversprechen hört und Produkte kauft, deren Vor- und Nachteile, beziehungsweise Funktionsweisen er nicht begreift, fällt über kurz oder lang auf die Nase.
Bankgebühren beachten
Bevor Sie ein Depot eröffnen, vergleichen Sie die Gebühren der Banken. Je höher die Gebühren sind, desto geringer fällt die Rendite nachher aus. Direktbanken haben im Regelfall günstige Konditionen und bieten kostenlose Depots an.
Auf die Mischung achten
Anleger sollten ihr Geld - und damit auch ihr Risiko - zumindest am Anfang möglichst breit streuen. Verteilen Sie Ihr Geld auf verschiedene Märkte wie Rohstoffe und Energie, sowie auf Aktien, Fonds und Anleihen.
Mischung bei Fonds und Zertifikaten
Wer seinem Portfolio Fonds oder Zertifikaten beimischt, sollte auch innerhalb dieser Anlageklassen auf eine gute Mischung achten. Fondsanbieter und deren Produkte lassen sich online schnell vergleichen. Wer nicht nur in ein oder zwei Gesellschaften investiert, ist auf der sicheren Seite.
Regelmäßige Überprüfung
Besonders wichtig ist, dass Sie sich Zeit nehmen für Ihre Geldanlage und Ihr Depot regelmäßig überprüfen: Welche Anlageinstrumente haben sich wie entwickelt? Ist es Zeit, das Depot umzuschichten, oder läuft alles in meinem Sinne?
Qualität hinterfragen
Bei der Überprüfung des Depots sollte man sich immer mal wieder fragen: Würde ich diese Aktie oder diesen Fonds heute noch kaufen? Lautet die Antwort ja, behalten Sie das Produkt. Sind Sie von der Qualität nicht mehr überzeugt, wird es Zeit zum Verkauf.
Verluste begrenzen
Entwickelt sich eine Aktie oder ein sonstiges Produkt nicht so, wie geplant, sollten Sie nicht zögern, es zu verkaufen. Sogenannte Stopp-Loss-Orders, also Untergrenzen, bei denen verkauft werden soll, können hilfreich sein. Das bietet sich insbesondere dann an, wenn man den Kurs nicht permanent selbst im Auge behalten kann oder will.
Einen kühlen Kopf bewahren
Grundsätzlich gilt: Verlieren Sie nicht die Nerven. An der Börse gibt es Kursschwankungen, Aktienkurse können unerwartet einbrechen. Das sollte aber kein Grund sein, den Kopf zu verlieren. Panische und unüberlegte Deals kosten meist mehr Geld als die Abwärtstrends.
Der in der heutigen Anhörung behandelte Gesetzentwurf versucht die Probleme zumindest teilweise anzugehen. Im Kern sollen Händler im Gegensatz zu heute künftig eine spezielle Erlaubnis brauchen, wenn sie an Wertpapiermärkten mit mathematisch programmierten Algorithmen handeln wollen, die Aufträge eigenständig und in Millisekunden an Börsen erteilen. Sowohl die Börsenbetreiber wie auch die Handelsteilnehmer müssen zudem für ein angemessenes Verhältnis zwischen den erteilten und den ausgeführten Aufträgen sorgen. Bislang kommt es zu wahnwitzigen vielen Ordereinstellungen durch Händler, verglichen mit deren Ausführungen. Hier werden die Börsenbetreiber künftig gefordert sein.
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