Hochfrequenzhandel: Zeitvorsprung für zahlende Börsenhändler

Hochfrequenzhandel: Zeitvorsprung für zahlende Börsenhändler

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Früher sehen, was anderen noch verborgen bleibt: Gegen Bezahlung sollen unter anderem Hochfrequenzhändler Sekunden vor allen anderen Handelsteilnehmern kursrelevante Konjunkturdaten erhalten - und damit ein gutes Geschäft machen

von Andreas Toller

Private Anbieter börsenrelevanter Konjunkturdaten verkaufen einen Informationsvorsprung an Hochfrequenzhändler. Wie die in nur zwei Sekunden Gewinne scheffeln und warum das nicht illegal ist.

Banken, Hochfrequenzhändler und Hedgefonds gelten unter Privatanlegern nach Ramsch-Hypotheken, Flash-Crash, Lehman-Pleite und Zinsmanipulationen als schwarze Schafe im Börsengeschäft. Nun hat ein Medienbericht eine weitere dunkle Facette der Glücksritter offenbart: für zahlende Kunden soll es wichtige Konjunkturberichte früher geben, als für das gemeine Börsenvolk – völlig legal. Einmal mehr zeigt sich, dass am Kapitalmarkt keine Gesetzeslücke von Anlageprofis ungenutzt bleibt.

Wie das Wall Street Journal (WSJ) berichtet, nutzen einige Hochfrequenzhändler und Hedgefonds die Möglichkeit, wichtige Konjunkturberichte oder -indikatoren zumindest ein paar Sekunden vor der breiten Öffentlichkeit zu erhalten. Dafür zahlen sie dem Urheber der Berichte ein zusätzliches Entgelt. Das geht zwar nicht bei offiziellen Konjunkturdaten der US-Regierung oder den Bilanzzahlen von Unternehmen, aber bei den privaten Anbietern viel beachteter Indikatoren wie etwa dem Verbrauchervertrauensindex der Universität Michigan, dem Geschäftsklima-Index aus Chicago oder dem ISM-Industrieproduktionsindex. Dem Wall Street Journal zufolge soll diese bezahlte Vorabinformation erstens legal und zweitens an der Tagesordnung sein. Bereits mit einem zeitlichen Vorsprung von nur zwei Sekunden sind Hochfrequenzhändler in der Lage, eine maschinenlesbare Nachricht in Wetten auf steigende oder fallende Kurse umzusetzen. Laut WSJ wettete der Hochfrequenzhändler Infinium Capital Management, nachdem er den Bericht der Universität Michigan zwei Sekunden vor Veröffentlichung erhalten hatte, in nur einer Sekunde mit fast sieben Millionen Aktien auf fallende Kurse. Nachdem der Bericht nur einen Augenblick später publik wurde, fielen die Kurse tatsächlich.

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Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Der Nachrichten- und Börsendatenanbieter Thomson Reuters, der die Daten von der Universität Michigan für einen Millionenbetrag verbreiten darf, bietet seinen Kunden diesen exklusiven zweisekündigen Vorsprung ganz offen an, noch dazu in einem Format, dass speziell für den Hochfrequenzhandel entwickelt wurde. Dafür müssen Kunden mehrere tausend Dollar im Jahr zahlen. Thomson Reuters bekennt sich auch offen zu dieser Praxis. Die Kunden der Konkurrenten Bloomberg-News oder Dow Jones haben im Wortsinn das Nachsehen, die Wettbewerber selbst sehen darin einen unfairen Vorteil für Reuters-Abonnenten.

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Die Deutsche Börse, die unter anderem die Frankfurter Börse und den Xetra-Handel betreibt und die wichtigsten Börsenindizes wie Dax und MDax berechnet und vermarktet, geht beim Chicago Business Barometer dem Bericht zufolge sogar noch weiter: Kunden mit einem bevorzugten Zugang erhalten den monatlich erscheinenden Wirtschaftsaktivitätsindex gegen Zahlung von 2600 Dollar pro Jahr sogar drei Minuten vor der offiziellen Bekanntmachung. Das ist mehr als genug Zeit, um große Handelsaufträge an der Börse zu platzieren.

In volkswirtschaftlichen Vorlesungen an den Hochschulen wird die Börse gerne als Beispiel für einen nahezu modelltypischen perfekten Markt genannt. Dort hätten Anbieter und Nachfrager noch am ehesten zu jeder Zeit dieselben Informationen, so dass sich ein fairer und vor allem marktgerechter Preis bilden kann. Das ist natürlich eine Idealisierung des Börsenhandels. Aber mit den vorzeitigen Informationen für privilegierte Kunden von Informationsanbietern entfernt sich die Börse noch weiter von diesem Ideal – wie zuvor schon durch die bekannt gewordenen Fälle von manipulierten Zinsen und Kursen. Vor allem Privatanleger und kleinere Anlagegesellschaften geraten so ins Hintertreffen: Für sie lohnt sich die kostspielige Vorab-Informationen nicht. Dagegen erhöht diese Praxis in Verbindung mit dem auf dem Vormarsch befindlichen Hochfrequenzhandel das Risiko, dass sie von anderen Marktteilnehmern abgehängt werden. Die zahlende Klientel, die ein paar Börsenticks früher informiert ist, kann hingegen in nur wenigen Minuten tausende Dollar Gewinn erzielen – fast ohne Risiko.

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