Internet-Börsengänge: Warum die Börse Verlustbringer sexy findet

Internet-Börsengänge: Warum die Börse Verlustbringer sexy findet

von Andreas Toller

Milliardenbewertungen für Unternehmen, die noch herbe Verluste einfahren? Genau das blüht bei den Börsengängen von Zalando und Rocket Internet. Warum die Zukunftschancen von Internetunternehmen so wertvoll sind.

Als Chinas führender Online-Händler Alibaba am 19. September seine Aktien erstmals an der New Yorker Börse notieren ließ, war das für viele Investoren ein Augenöffner. Das Papier schaffte bis zum Ende des ersten Handelstages ein Kursplus von 36 Prozent. Noch dazu war es auch nach dem Platzierungsvolumen der größte Börsengang aller Zeiten. Alibaba nahm mit seinen neuen Aktien 25 Milliarden Dollar ein. So hohe Bewertungen waren für Internetunternehmen jahrelang tabu.

Der Markt ist für hoch bewertete Internetunternehmen so aufnahmefähig wie seit den Zeiten der New-Economy-Blase um die Jahrtausendwende nicht mehr. Kurz nach dem erfolgreichen Alibaba-Debüt kündigten auch die deutschen Internet-Unternehmen Zalando und Rocket Internet ihre Börsenpläne für Anfang Oktober an - mit Milliardenbewertungen für ihre Unternehmen.

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Daniel Wild gründet und investiert bereits seit 16 Jahren in junge Internetunternehmen, bisher waren es rund 100. Beim Hotelzimmervermittler Trivago und sozialen Netzwerk Xing war er schon in der ersten Finanzierungsrunde dabei. Auf die Frage, was er von den Milliardenbewertungen bei den bevorstehenden Börsengängen des Online-Modehändlers Zalando und dem Start-Up-Inkubator Rocket Internet, antwortet er ohne erkennbare Zweifel: „Für ein Internetunternehmen ist es ein Idealszenario. Damit werden zwei deutsche Börsenkandidaten nach den gleichen Maßstäben bewertet wie amerikanische. Ich finde das ein gutes Zeichen – für die beiden Unternehmen, aber auch für die Branche insgesamt. Und das erlaubt es den Firmen, wirklich große Marktpositionen aufzubauen.“

Die "proven winners" von Rocket Internet

  • Best of 100

    Auf diese elf Unternehmen ist Rocket besonders stolz: Sie sind die größten und erfolgreichsten in ihrem Portfolio. Die Firmen, an denen der Samwer-Inkubator jeweils Minderheitsbeteiligungen hält, wurden in der letzten Finanzierungsrunde mit mindestens 100 Millionen Euro bewertet und sind länger als zwei Jahre am Markt. Aber auch die Gewinner stecken noch in den roten Zahlen. Bei Gesamterlösen von 757 Millionen summierten sich die Jahresfehlbeträge auf 442 Millionen Euro.

  • Dafiti

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Mode)

    Gründungsjahr: 2010

    Erlös 2013: 146 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 22,7 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 218 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 5 Millionen Euro

  • Lamoda

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Mode)

    Gründungsjahr: 2010

    Erlös 2013: 122 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 23,5 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 219 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 6,6 Millionen Euro

  • Zalora

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Mode)

    Gründungsjahr: 2011

    Erlös 2013: 69 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 25 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 292 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 2,6 Millionen Euro

  • Jabong

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Mode)

    Gründungsjahr: 2010

    Erlös 2013: 57 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 21,4 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 189 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 4,3 Millionen Euro

  • Namshi

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Mode)

    Gründungsjahr: 2012

    Erlös 2013: 11 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 34,4 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 47 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 0,8 Millionen Euro

  • Lazada

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Online-Warenhaus)

    Gründungsjahr: 2011

    Erlös 2013: 57 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 26,7 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 319 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 2,5 Millionen Euro

  • Linio

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Online-Warenhaus)

    Gründungsjahr: 2011

    Erlös 2013: 48 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 35,2 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 120 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 1,4 Millionen Euro

  • Jumia

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Online-Warenhaus)

    Gründungsjahr: 2012

    Erlös 2013: 29 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 26,8 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 62 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 0,2 Millionen Euro

  • Home24

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Möbel)

    Gründungsjahr: 2009

    Erlös 2013: 93 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 49,5 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 205 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 9,7 Millionen Euro

  • Westwing

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Möbel)

    Gründungsjahr: 2011

    Erlös 2013: 111 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 33,7 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 155 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 3,3 Millionen Euro

  • Hellofresh

    Geschäftsmodell: E-Commerce (Lebensmittel)

    Gründungsjahr: 2011

    Erlös 2013: 14 Millionen Euro

    Anteil Rocket Internet: 37,1 Prozent

    Insgesamt erhaltene Finanzierung: 39 Millionen Euro

    Von Rocket Internet erhaltene Finanzierung: 0,5 Millionen Euro

So mancher Anleger bekommt allerdings bei den hohen Unternehmensbewertungen Bauchweh. Zalando, das gerade erst auf Quartalsbasis die Gewinnschwelle erreicht hat, wird beim Börsengang aus dem Stand mit 4,5 bis 5,6 Milliarden Euro bewertet. Rocket Internet dürfte auf bis zu 6,7 Milliarden Euro kommen, obwohl die Beteiligungsfirma noch hohe Verluste macht. Damit sind die beiden größten Börsenneulinge in Deutschland seit 2007 an der Börse höher bewertet, als etwa der Düngemittelproduzent K+S, der Spezialchemiehersteller Lanxess oder die Deutsche Lufthansa, die alle dem Börsenleitindex Dax angehören.

Mehr als 100 Hoffnungsträger

Rocket Internetdie E-Commerce-Schmiede der drei Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander – ist als Beteiligungsunternehmen und Investor in neu gegründete Internetfirmen in mehr als 100 Unternehmen involviert. Unternehmen, die überwiegend noch deutliche Verluste machen.

Selbst bei den elf ausgereiftesten Beteiligungen stehen Umsätzen von 757 Millionen Euro noch 442 Millionen Nettoverluste gegenüber. Das Beteiligungsportfolio wurde bei der letzten Finanzierungsrunde vor dem Börsengang dennoch mit 2,6 Milliarden Euro bewertet. Zum Börsengang soll Rockets Firmenportfolio mehr als das Doppelte wert sein.

Wie ist zu begreifen, dass sich Investoren auf die neuen Aktien stürzen und dabei sogar bereit sind, eine Unternehmensbewertung zu akzeptieren, die sich zu mehr als der Hälfte nur aus Hoffnung und Wachstumsfantasie speist? Was macht Zalando, Rocket Internet und weitere Börsenkandidaten der Internetbranche für Anleger derzeit so sexy?

Unverschämt optimistisch

Für Internetunternehmer und -investor Wild sind die hohen Börsenbewertungen keineswegs schamlos übertrieben. „Jahrelang sind in Deutschland Internetfirmen unterschätzt und damit auch zu gering bewertet worden“, sagt Wild gegenüber WirtschaftsWoche Online. „Nach dem Platzen der New-Economy-Blase 2001 wurden alle Internetunternehmen lange pauschal sehr kritisch gesehen, langsam werden die Bewertungen wieder realistischer, also nach oben angepasst. Auch wenn es dabei mal zu einer Übertreibung kommt, wird insgesamt inzwischen wahrgenommen, wie sehr das Internet die gesamte Wirtschaft verändert.“

Was Sie über die Börsenkandidaten wissen sollten

  • Zalando

    ZALANDO (Online-Versand von Schuhen und Bekleidung)

    Börse: Frankfurt (Prime Standard)

    Erstnotiz: 1. Oktober

    Zuteilungspreis: 21,50 Euro

    Eigentümer: Kinnevik (36,5 Prozent), European Founders Fund/Gebrüder Samwer (17 Prozent), Bestseller/Anders Holch Povlsen (10 Prozent), Tengelmann (5 Prozent), Holtzbrinck Ventures (8 Prozent), OTPP (2 Prozent)

    Bewertung: bis zu 5,34 Milliarden Euro

    Platzierungsvolumen: 526 Mio. Euro (605 Mio. Euro inkl. Mehrzuteilung)

    Streubesitz: 11,3 Prozent

    Banken: Credit Suisse, Morgan Stanley und Goldman Sachs

    Umsatz und Ebit:

    2011: 510 Mio. Euro Umsatz, Ebit¹: -57 Mio. Euro

    2012: 1159 Mio. Euro, Ebit¹: -77 Mio. Euro

    2013: 1762 Mio. Euro, Ebit¹: -99 Mio. Euro

    2014: 2235 Mio. Euro², Ebit¹: 52 Mio. Euro

    2015: 2784 Mio. Euro², Ebit¹: 136 Mio. Euro

    2016: 3399 Mio. Euro², Ebit¹: 207 Mio. Euro

    ¹Gewinn vor Zinsen und Steuern, Nettogewinn ist weiter negativ

    ²Prognose der Deutschen Bank

  • Rocket Internet

    ROCKET INTERNET (Holding von jungen Internet-Unternehmen)

    Börse: Frankfurt (Entry Standard)

    Erstnotiz / Handelsstart: 2. Oktober

    Zeichnungsfrist: 24. September bis 1. Oktober

    Preisspanne: 35,50 bis 42,50 Euro

    Platzierung: 33 bis 38 Millionen Aktien

    Volumen: 1,477 Millionen Euro

    erwarteter Börsenwert des Unternehmens: 6,2 bis 6,7 Milliarden Euro

    Eigentümer: Brüder Samwer (52,3 Prozent), Kinnevik (18,1 Prozent), United Internet (10,4 Prozent, Access Industries (Len Blavatnik, 8,3 Prozent), Philippine Long Distance Telephone (PLDT, 8,4 Prozent), Holtzbrinck Ventures (2,5 Prozent)

    Banken: JPMorgan, Morgan Stanley, Berenberg

  • Tele Columbus

    TELE COLUMBUS (Kabelnetzbetreiber)

    Zeitpunkt: Herbst 2014

    Eigentümer: mehrere Hedgefonds

    Bewertung: mehr als 600 Millionen Euro

    Volumen: rund 300 Millionen Euro

    Banken: JPMorgan, Goldman Sachs

  • TLG Immobilien

    TLG IMMOBILIEN (Gewerbeimmobilien in Ostdeutschland)

    Zeitpunkt: Herbst 2014

    Eigentümer: Lone Star

    Bewertung: 1,5 Milliarden Euro (inklusive Schulden)

    Volumen: rund 500 Millionen Euro

    Banken: UBS, JPMorgan

  • Steinhoff

    STEINHOFF (Möbelproduktion und -handel)

    Zeitpunkt: nach dem 9. September

    Eigentümer: börsennotiert, Gründer Bruno Steinhoff größter Aktionär

    Bewertung: knapp 9 Milliarden Euro (Börsenwert)

    Volumen: Wechsel von der Börse Johannesburg nach Frankfurt, Kapitalerhöhung im Juli durchgeführt, möglicherweise weitere Platzierung im Zuge des Wechsels des Börsenplatzes.

    Banken: Kapitalerhöhung begleitet von Barclays, BNP Paribas, Citigroup, HSBC und Commerzbank

  • Hella

    HELLA (Autoscheinwerfer-Hersteller)

    Zeitpunkt: Herbst 2014 möglich

    Eigentümer: Familie

    Bewertung: rund 3,5 Milliarden Euro

    Volumen: offen

    Banken: Citi, Bankhaus Lampe

  • Armacell

    ARMACELL (Dämmstoff-Hersteller)

    Zeitpunkt: Ende 2014/Anfang 2015

    Eigentümer: Charterhouse Capital Partners

    Bewertung: mehr als 600 Millionen Euro

    Volumen: rund 300 Millionen Euro

    Banken: Deutsche Bank, Bank of America Merrill Lynch, BNP Paribas

  • Scout24

    SCOUT24 (Betreiber von Online-Marktplätzen)

    Zeitpunkt: Ende 2014/Anfang 2015

    Eigentümer: Hellman & Friedman (49 Prozent), Blackstone (21 Prozent), Deutsche Telekom (30 Prozent)

    Bewertung: ca. 2 Milliarden Euro

    Volumen: rund 400 Millionen Euro (für 20 Prozent der Anteile)

    Banken: Goldman Sachs, Credit Suisse als Koordinatoren (erwartet)

  • Siemens Audiologische Technik

    SIEMENS AUDIOLOGISCHE TECHNIK (Hörgeräte)

    Zeitpunkt: frühestens Ende 2014

    Eigentümer: Siemens AG

    Bewertung: ca. 2 Milliarden Euro

    Volumen: möglicherweise als Spin-off mit Ausgabe von Aktien an Siemens-Aktionäre

    Banken: Auswahl in Kürze erwartet

  • Axel Springer Digital Classifieds

    AXEL SPRINGER DIGITAL CLASSIFIEDS (Online-Anzeigenbörse)

    Zeitpunkt: Anfang 2015

    Eigentümer: Axel Springer SE (70 Prozent), General Atlantic (30 Prozent)

    Bewertung: rund drei Milliarden Euro

    Volumen: offen

    Banken: noch nicht ausgewählt

  • Douglas

    DOUGLAS (Parfümerie, Einzelhandel)

    Zeitpunkt: Frühjahr 2015

    Eigentümer: Advent International und Familie Kreke

    Bewertung: rund zwei Milliarden Euro

    Volumen: offen

    Banken: noch nicht ausgewählt

  • Hapag-Lloyd

    HAPAG-LLOYD (Reederei)

    Zeitpunkt: Herbst 2015

    Eigentümer: (vor Vollzug der Fusion mit CSAV ) Stadt Hamburg (37 Prozent), Kühne Maritime (28 Prozent), TUI (22 Prozent), Signal Iduna (5 Prozent), HSH Nordbank (3 Prozent), M.M. Warburg & Co (2,9 Prozent) und HanseMerkur (1,8 Prozent), CSAV erhält zunächst 30, später 34 Prozent.

Wild weiß, wovon er spricht, denn sein Unternehmen Ecommerce Alliance ist seit 2010 an der Frankfurter Börse im wenig transparenten Börsensegment Entry Standard notiert – dort, wo auch Rocket Internet ab dem 2. Oktober gehandelt wird. Erst wenn alle Rocket-Beteiligungen vernünftige Geschäftsberichte vorlegen können, sind die Voraussetzungen für den strenger regulierten Börsenhandel im Segment Prime Standard gegeben.

Obwohl Rocket Internet nicht einmal veröffentlicht, wie hoch die Gesamtverluste aller Beteiligungen zusammen ausfallen, werden die neuen Aktien dem Unternehmen geradezu aus den Händen gerissen. Seit Jahren war die Stimmung am Kapitalmarkt gegenüber der Internetbranche nicht mehr so gut.

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