Interview Jens Wilhelm: „Die Politik ist zum größten Risikofaktor geworden“

Interview Jens Wilhelm: „Die Politik ist zum größten Risikofaktor geworden“

, aktualisiert 11. November 2011, 10:19 Uhr
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Jens Wilhelm (45) gehört seit 2008 zum Vorstand der Fondsgesellschaft Union Investment.

von Anke Rezmer und Christian SchnellQuelle:Handelsblatt Online

Jens Wilhelm ist Vorstand des viertgrößten deutschen Fondsanbieters Union Investment. Zur Beruhigung der Märkte sieht er nur einen einzigen Weg: die Euro-Zone zu retten - auch wenn es teuer wird.

Handelsblatt: Schuldenkrise und Rezessionsangst auf der einen, gute Unternehmensdaten auf der anderen Seite. Wo stehen wir wirklich, Herr Wilhelm?

Jens Wilhelm: Die starken Kursschwankungen an den Kapitalmärkten verwundern nicht. Auf dem Weg zur Lösung der Schuldenkrise in Europa ist die Politik zum größten Risikofaktor geworden. Das unterscheidet die aktuelle Lage deutlich von den Krisen der jüngeren Vergangenheit.

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Warum?

Weil nicht mehr fundamentale Faktoren und deren Einschätzung durch die Investoren die Kapitalmärkte treiben. Es ist vielmehr der zähe Prozess politischer Entscheidungsfindung in der Euro-Zone. Generell sind die Ausgangsbedingungen für eine Lösung der Schuldenkrise in der Euro-Zone besser als in den USA. Die Europäer können die Probleme aus eigener Kraft lösen, da sie wegen ihrer ausgeglichenen Leistungsbilanz nicht von ausländischen Gläubigern abhängen.

Welche Lösung für Europa würde die Märkte wieder beruhigen?

Es gibt nur einen Weg, der in der Politik inzwischen wohl auch akzeptiert ist: den Euro zu erhalten. Teile der Peripherie Europas müssen dafür innerhalb des Euros umgeschuldet werden.

Wer außer Griechenland gehört zu den gefährdeten Ländern?

Potenziell auch Portugal. Allerdings würde ein Ausschluss der schwächsten Länder letztlich teurer werden, als die Probleme innerhalb des Euro-Systems zu lösen.

Wieso?

Wenn die schwächeren Länder wie Griechenland oder Portugal die Währungsgemeinschaft verlassen müssten, erschütterte dies das Bankensystem in Europa. Es besteht dann nicht nur in diesen Ländern akut die Gefahr eines Runs auf die Banken. In Italien sind inzwischen auch Anzeichen einer Kapitalflucht zu erkennen. Die Ausgegrenzten rutschten in eine extreme Rezession, auch politische Destabilisierung wäre nicht unwahrscheinlich. Letztlich gefährdeten wir damit die Stabilität Europas.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass Italien die Rettungsansätze für die Schuldenkrise durchkreuzt?

Die Gefahr ist natürlich da, aber ich halte sie nicht für groß. Mit der Übergangsregierung unter neuer Führung stehen die Chancen gut, dass der notwendige Sparkurs auf den Weg gebracht wird. Mario Monti wäre ein Kandidat, den die Märkte sehr begrüßen würden. Italien kann sich weiter am Kapitalmarkt refinanzieren, wenn auch zu hohen Zinsen. Aufgrund des Primärüberschusses (Neuverschuldung ist geringer als Zinsausgaben) kann sich Italien die hohen Zinssätze noch bis 2014 leisten, ohne dass der Schuldenstand steigt.


Keine Zeit für politisches Geplänkel

Sind unsere Politiker zu zögerlich?

Es ist schon enttäuschend, zu beobachten, wie taktiert und geschachert wird. Trotzdem glaube ich, dass inzwischen allen bewusst ist, was auf dem Spiel steht. Viel Zeit für politisches Geplänkel bleibt allerdings nicht mehr.

Wie bewerten Sie die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB)?

Die Zinssenkung war überfällig und ein Schritt in die richtige Richtung. Die Absage von Herrn Draghi, die Rolle des Lenders of last Resort (Kreditgeber der letzten Instanz) zu übernehmen, wird nicht haltbar sein. Es wird zur Monetarisierung von Staatsschulden kommen. Den Ankauf von Staatsanleihen gefährdeter Länder halte ich für richtig.

Unter dem Strich müssen wir also zunächst bezahlen und darauf vertrauen, dass die größten Schuldner dann ihre Hausaufgaben machen?

Ja. Das liegt am Konstruktionsfehler der Euro-Zone. Es wurde versäumt, neben der Währungs- eine wirtschafts- und finanzpolitische Union mit entsprechenden Institutionen auf den Weg zu bringen. Dies muss schmerzhaft nachgeholt werden. Den Preis dafür zahlen wir heute.

Wird es auch das Thema für 2012 an den Kapitalmärkten?

Es wird ein bestimmendes, aber nicht mehr das bestimmende Thema sein. Die Politik und die EZB sind aufgewacht, und die Gefahr eines Systemversagens in Europa nimmt ab.

Wird Italien nicht akut zur Gefahr für das Euro-System?

Ich bin überzeugt, dass wir um eine Systemkrise herumkommen. Notwendige Schritte müssen aber schnell abgearbeitet werden. Allerdings wird der Weg aus der Schuldenkrise hin zu einer echten Wirtschafts- und Fiskalunion noch einige Jahre dauern und immer wieder von Rückschlägen begleitet sein.

Und die Euro-Wirtschaftsregierung?

Sie wird kommen müssen. Die Schaffung eines handlungsfähigen, legitimierten, institutionellen Rahmens zur Steuerung der Wirtschafts- und Fiskalpolitik in Europa ist die größte Herausforderung der nächsten Jahre.


Eine weiche Landung für Chinas Volkswirtschaft

Was ist mit dem Angstthema Rezession?

Die Verschuldungskrise kostet erheblich an Wachstum. Die Weltwirtschaft insgesamt hat aber gute Chancen, eine Rezession zu vermeiden. Einzelnen Ländern in der Peripherie Europas wird dies leider nicht gelingen. Die Weltwirtschaft dürfte 2012 um knapp vier Prozent wachsen. Für die USA erwarten wir drei Prozent, für die Euro-Zone nur 0,3 Prozent und für die Emerging Markets etwa sechs Prozent.

Sie sind Optimist?

Ich glaube, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den USA robuster verläuft als von vielen Marktteilnehmern befürchtet. Außerdem erwarte ich, dass China eine weiche Landung seiner Volkswirtschaft gelingt. Den Firmen geht es noch relativ gut, und die Auftragsbücher sind gefüllt. Große Notenbanken wie die US-Fed helfen durch expansive Geldpolitik. Auch die EZB beginnt, ihre Bilanz auszuweiten.

Was ist mit Kreditrisiken?

Einer der größten Unsicherheitsfaktoren ist in der Tat die Gefahr einer Kreditklemme. Um diese zu vermeiden, werden die Banken von den Notenbanken mit Liquidität versorgt. Zur Stabilisierung dient auch die gerade beschlossene Rekapitalisierung der Banken. Wichtig ist es, die Kreditvergabestandards der Banken genau zu beobachten.

Und die Bankenkrise?

Es handelt sich um eine Vertrauenskrise, die eng verknüpft ist mit möglichen Risiken aus Abschreibungen auf die schwächsten Euro-Staaten, genannt PIIGS. Hier rächt sich, dass man in Europa, anders als in den USA, die Banken nach der Finanzmarktkrise nicht gleich rekapitalisiert hat.  

Was passiert im kommenden Jahr am Aktienmarkt?

Für 2012 werden wir uns mit weit schwankenden Seitwärtsmärkten auseinandersetzen müssen. In den Aktienkursen ist eine deutliche Abschwächung des Wachstums von Firmengewinnen enthalten. Wir erwarten 2012 Gewinnzuwächse im niedrigen einstelligen Bereich. Im historischen Vergleich erscheinen die Kurse als etwas zu niedrig, was die Verunsicherung ausdrückt.

Und die Bondmärkte?

Der Preis für sichere Anlagen, also auch etwa deutsche Staatsanleihen, ist sehr hoch. Die Renditen dürften auf absehbare Zeit niedrig bleiben. Das liegt daran, dass wir das Thema Inflation erst mal ad acta legen können. In der westlichen Welt wird die Preisniveauerhöhung nicht mehr als zwei Prozent im Jahr erreichen.


So entspannt sich die Lage in China

Auch wenn die Notenbanken weiter Geld in die Märkte pumpen und öffentliche Haushalte sich über Anleihen refinanzieren?

Ja. Denn das Geld findet nicht den Weg in den Wirtschaftskreislauf. Es wird bei den Zentralbanken geparkt, um ein Liquiditätspolster zu erhalten. Da ist es schwer vorstellbar, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe in absehbarer Zeit deutlich über drei Prozent steigt.

Und in den Schwellenländern?

Auch dort lässt der Inflationsdruck nach. So sinken die Preise von Agrarrohstoffen, die ein wirtschaftlicher Inflationstreiber waren. Damit entspannt sich auch die Lage in China, und die Notenbank dürfte von ihrem zuletzt restriktiven Kurs wegkommen. Dies wäre ein positives Signal für Aktien und Renten in Emerging Markets.

Welche Anlagen empfehlen Sie Investoren denn für das kommende Jahr?

Bei den aktuell niedrigen Renditen bleibt bei den als sicher geltenden Zinspapieren wie der Bundesanleihe nach Abzug von Inflation nichts übrig. Ohne das Eingehen von Risiken wird es also nicht gelingen, real sein Vermögen zu erhalten.

Von welchen Risiken sprechen Sie?

Bei Anleihen sind sicherlich Firmenbonds das interessantere Risiko gegenüber so mancher Staatsanleihe. Das gilt vor allem für Anleihen von Unternehmen mit soliden Geschäftsmodellen, gesunden Bilanzen und hoher freier Liquidität.

Was ist noch attraktiv?

Anlagen in Schwellenländerbonds. Mit Firmen- und Staatsanleihen in lokalen Währungen lassen sich die im Vergleich zur westlichen Welt besseren Wachstumschancen nutzen.

Und Aktien?

Langfristig führt an der Aktie nach wie vor kein Weg vorbei. Die Turbulenzen der letzten Zeit lehren einmal mehr die Vorteile regelmäßigen Investierens, um die hohen Kursschwankungen für sich zu nutzen. Dabei empfehlen sich Unternehmen mit starken Bilanzen und guter, stabiler Dividende. Die Ausschüttung bringt auch dann Rendite, wenn die Kurse nicht deutlich steigen. Schwellenländertitel sind wegen des dort höheren Wachstums spannend.

Immobilien?

Bleiben ein wichtiges Thema. Die nach wie vor attraktive Mietrendite von Büro- und Gewerbeimmobilien bringt Sicherheit und Zusatzertrag in der Niedrigzinsphase. Aber auch hier gilt das Gebot der Streuung. Aktuell investieren viele Private direkt in Immobilien, das halte ich nicht für ungefährlich. Das Einzelrisiko in der Kapitalanlage wird schnell sehr groß. Zudem sind auch die Preise bei Wohnimmobilien zum Teil schon deutlich angestiegen.

Was sollten Anleger 2012 beherzigen?

Sie sollten sich wieder stärker fragen, was die Welt in den nächsten Jahren antreibt und wo es neben Risiken fürs Depot Chancen gibt. Wir stecken mitten in einem beschleunigten Wandel in der Welt. Ressourcenknappheit, Energiewende, demografische Trends, die digitale Revolution und Nachhaltigkeit sind Themen, die zu jeder langfristigen Anlagestrategie gehören sollten.

Herr Wilhelm, vielen Dank für das Interview.


Zur Person Jens Wilhelm

Jens Wilhelm, 45, gehört seit 2008 zum Vorstand der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment. Als Chief Investment Officer (CIO) verantwortet er das Wertpapierfondsmanagement und das Immobilienfondsgeschäft des viertgrößten deutschen Fondshauses, das ein Vermögen von rund 177 Milliarden Euro für private und institutionelle Anleger verwaltet. Vor rund neun Jahren begann Wilhelm als Leiter des Aktienfondsmanagements bei Union Investment.

Ausbildung: Der studierte Diplom-Kaufmann und Bankkaufmann arbeitete zuvor bei der Fondstochter der Dresdner Bank, wo er vom Manager für europäische Aktienfonds in den 90er-Jahren bis in die Geschäftsführung aufstieg und als CIO für Aktienfonds agierte.

Quelle:  Handelsblatt Online
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