IT-Aktien: Teure Übernahmen werden für Aktionäre zum Problem

IT-Aktien: Teure Übernahmen werden für Aktionäre zum Problem

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Die zuletzt ungemein teuren Übernahmen haben einen Nebeneffekt für die Bilanz der Käufer.

In der IT-Branche stehen milliardenschwere Übernahmen an. Beispiele wie der Deal zwischen Microsoft und Nokia zeigen, dass das böse Erwachen für Anleger oft erst später kommt. Warum Aktionäre oft die Verlierer sind.

Dass in der IT-Branche eine Megafusion die nächste jagt, daran sind Anleger gewohnt. Doch die 37 Milliarden Dollar, die der Chiphersteller Avago jetzt für den Konkurrenten Broadcom bietet, sind selbst für die an Gigantismus leidende Branche Rekord. Weitere Kaufkandidaten mit ähnlich spektakulären Preisschildern sind zu erwarten, die nötigen Milliarden sind da.

Dabei wird in der Flut schneller Börsennachrichten gern übersehen, dass solche teuren Firmenkäufe einen Nebeneffekt haben: Sie blähen die Bilanzen der Käufer auf, weil diese für das aufgekaufte Unternehmen meist deutlich mehr bezahlen, als dessen bilanziertes Vermögen wert ist. Wenn ein Unternehmen ein anderes zu einem Preis kauft, der den aktuellen Wert von dessen Vermögen übersteigt – weil man dem Unternehmen zum Beispiel hohes Wachstumspotenzial zubilligt –, wird die Differenz zwischen Vermögen und Kaufpreis in der Bilanz als immaterieller Vermögenswert ausgewiesen. Der sogenannte Goodwill wird jährlich überprüft. Wächst der Zukauf nicht wie prognostiziert, müssen Teile davon abgeschrieben werden, was den Gewinn schmälert – und auch das Firmenvermögen.

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Die zehn größten IT-Übernahmen weltweit nach Kaufpreis

  • Platz 10

    Im Jahr 2010 schluckte Microsoft die norwegische Suchmaschine Fast. Das 1997 gegründete Unternehmen ist auf Suchmaschinenprogramme für Firmenkunden spezialisiert. Der Kaufpreis soll 1,2 Milliarden US-Dollar betragen haben.
    Quelle: Statista

  • Platz 9

    2006 übernahm Google Youtube für 1,65 Milliarden US-Dollar. Youtube, damals noch ein defizitäres Start-Up-Unternehmen, war für Google zu diesem Zeitpunkt der teuerste Kauf in der achtjährigen Firmengeschichte.

  • Platz 8

    2014 überrasche Facebook Branchenkenner mit dem Kauf von von Oculus VR. Zwei Milliarden US-Dollar zahlte Facebook für den Hersteller von VR-Brillen, die speziell für PC-Spiele ausgelegt sind. Mit dem Unternehmen hat Mark Zuckerberg großes vor. „Oculus hat die Chance, die sozialste Plattform überhaupt zu werden“, sagte er anlässlich der Übernahme.

  • Platz 7

    Nur ein Jahr nach der Youtube-Übernahme kaufte Google für sage und schreibe 3,1 Milliarden US—Dollar den Anzeigenriesen Doubleclick. Auch Microsoft, AOL und Yahoo waren interessiert, hatten allerdings das Nachsehen. Schon vor dem Zukauf hatte Google die führende Stellung im Geschäft mit der Internet-Werbung inne. Mit der Übernahme konnte Google diese Position noch weiter ausbauen.

  • Platz 6

    Ähnlich viel wie für Doubleclick zahlte Google für den Kauf Nest Labs: 3,2 Milliarden US-Dollar. Die Firma, die smarte Thermostate und Rauchmelder herstellt hat für Google ein ganz besonderes Potenzial: Sie ermöglicht Google das Sammeln von Daten in der analogen Welt.

  • Platz 5

    Nur einen Monat, nachdem Google Microsoft Doubleclick vor der Nase weg kaufte, legte Microsoft 2007 nach und kaufte für 6,3 Milliarden US-Dollar Aquantive – einen Wettbewerber Doubleclick. Für Microsoft war das bis dato der größte Zukauf der Firmengeschichte. Letztendlich war es ein Flop für Microsoft.

  • Platz 4

    Im Jahr 2013 kaufte Microsoft für 5,4 Milliarden US-Dollar die Handysparte von Nokia. Bereits seit 2011 hatten beide Unternehmen zusammengearbeitet – Nokia war der wichtigste Hersteller für Smartphone mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone.

  • Platz 3

    2011 tätigte Microsoft den bis dato teuersten Kauf seiner Firmengeschichte: Für 8,5 Milliarden US-Dollar übernahm Microsoft den Online-Telefondienst Skype. Rentiert hat sich das bis heute nicht. Skype fehlt es an zahlenden Kunden.

  • Platz 2

    Im August 2011 kündigte Google an, den Mobilfunk-Pionier Motorola Mobility zu übernehmen. Insgesamt 12,5 Milliarden US-Dollar zahlte Google dafür. Interessant seien für Google nach eigenen Angaben vor allem das 17.000 Eintragungen umfassende Patentportfolio Motorolas gewesen. Die Liasion hielt nicht lange. 2014 verkaufte Google das Unternehmen für knapp drei Milliarden US-Dollar an Lenovo.

  • Platz 1

    Im Februar 2014 kündigte Facebook an, den Messanger-Dienst Whatsapp zu übernehmen. Der damalige Kaufpreis: 19 Milliarden US-Dollar. Facebook hat Whatsapp wegen des schnell Nutzerzuwachs übernommen. Mittlerweile hat Whatsapp 700 Millionen Nutzer weltweit.

Eifrig Hoffnungswerte erworben

Unternehmen wie Facebook, Microsoft, Cisco und Oracle haben die immateriellen Vermögenswerte – im Wesentlichen Goodwill, also die gezahlte Prämie auf den Vermögenswert – in den letzten Jahren auf viele Milliarden Dollar anschwellen lassen. Die Konzerne haben eifrig Hoffnungswerte erworben, deren tatsächlicher Wert sich noch zeigen muss. Man könnte einwenden, der Preis ist eben, was der Markt hergibt, und Wachstumspotenzial ist teuer. Immaterielle Vermögenswerte aus Käufen sind nicht per se schädlich. Wachsen die aufgekauften Unternehmen schnell, ist alles im Lot. Das Problem ist die Saisonalität des Geschäfts. Goodwill wird meist zu Haussezeiten angehäuft, wenn die Aktienkurse der Übernahmeziele hoch sind, die Käufer sich die Übernahmen aber leisten können, weil sie ihre Aktien als teure Kaufwährung nutzen.

Fakten zu Übernahmeprämien - Goodwill

  • Was ist der Goodwill?

    In der Regel zahlen Unternehmen bei einem Erwerb eines Konkurrenten eine Übernahmeprämie (sogenannter Goodwill oder Firmenwert).

  • Wie wird der Goodwill berechnet?

    Dieser Goodwill bemisst sich aus der Differenz zwischen gezahltem Kaufpreis und dem bewertbaren Vermögen des erworbenen Unternehmens.

  • Wie müssen Unternehmen mit dem Goodwill umgehen?

    Bis ins Jahr 2004 galt die Regel, diesen Goodwill regelmäßig abzuschreiben, mit einer Laufzeit über 10 bis 15 Jahre. Früher wurde unterstellt, dass die gezahlte Prämie keinen ewigen Nutzen darstellt und sich etwa wie eine Maschine abnutzt. Seit neun Jahren ist diese Regel abgeschafft. Stattdessen müssen Unternehmen einmal jährlich testen, ob die einst gezahlte Prämie noch gerechtfertigt ist. Ist dies nicht der Fall, müssen sie auf den Goodwill abschreiben. Für den Test zählen unternehmensspezifische Indizien wie die Schätzung zukünftiger Mittelzuflüsse oder Zinsannahmen; extern wirken Konjunktur und Börsenentwicklung als Indikatoren ein. Rezession oder Finanzkrise – das alles ficht die 30 Dax-Unternehmen kaum an.

  • Was bedeutet der Goodwill für Anleger?

    Anlegern drohen wegen der nur sehr geringen Abschreibungen böse Überraschungen: Bei plötzlichen hohen Abwertungen würden Aktien, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, teurer; zudem bräche das Eigenkapital der Unternehmen ein.

Doch im nächsten Abschwung wird der Goodwill oft zum Problem. Wachsen die Gewinne der Zukäufe nicht wie erhofft, und kommt in einer zyklischen Delle dazu noch eigene Gewinnschwäche, so verstärken die einst teuren Käufe den Gewinnschwund. Wir wissen noch nicht, wie viel etwa das Halbleiterunternehmen Avago sich beim Kauf des US-Konkurrenten Broadcom an Goodwill aufgehalst hat, da der Kauf noch nicht abgeschlossen ist. Auch die Megafusionen Altera/Intel oder der Kauf von Freescale durch NXP sind noch nicht durch. Ein gutes Beispiel dafür, wie aus hohen immateriellen Vermögenswerten eine Zeitbombe werden kann, ist Microsoft. Dort erhöhte sich das bilanzierte Vermögen in nur fünf Jahren von 12,4 Milliarden Dollar auf 21,7 Milliarden Dollar, eine Folge der 9,4 Milliarden Dollar teuren Übernahme des Handygeschäfts von Nokia; der Deal ließ Goodwill aus Aufkäufen und sonstige immaterielle Vermögenswerte (etwa Patente) in der Microsoft-Bilanz um zehn Milliarden Dollar anschwellen.

Microsoft musste früher schon Werte berichtigen. So erkannte man 2012, dass sich der Kauf der Werbefirma aQuantive von 2007 nicht wie erhofft rechnen würde – und schrieb 6,2 Milliarden Dollar ab. Oft liefern plötzliche Abschreibungen Hinweise auf größeres Unheil, weil darin andere Probleme versteckt werden. So kam die Wertberichtigung von aQuantive, als das gesamte Internet-Werbegeschäft die Erwartungen nicht erfüllte. Erst Jahre später gestand Microsoft den Grund.

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Als Nächstes könnte das 2013 gekaufte Nokia-Handygeschäft dran sein. Im jüngsten Quartalsbericht erklärte Microsoft, Nokia habe Umsatzziele verfehlt, man arbeite an der Bilanzplanung für nächstes Jahr und habe bei Nokia „erhöhtes Wertminderungsrisiko“ festgestellt. Bei Anlegern sollten die Alarmglocken schrillen: Microsoft könnte eine Milliardenabschreibung drohen. Dahinter steckt vielleicht ein strategisches Waterloo: Microsoft wird überlegen, ob es in der verlorenen Schlacht gegen Apple und Google nicht aufgibt und das Handy Lumia einstellt.

Auch Facebook hat sich zu teuren Käufen hinreißen lassen. 2014 zahlten die Kalifornier 19 Milliarden Dollar für den Kurznachrichtendienst WhatsApp; verbuchten 15 Milliarden davon als Goodwill. Niemand weiß, wie viel WhatsApp wert ist – Facebook hat die kaufmännische Logik hinter der Übernahme nie schlüssig erklärt.

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