Kauflaune an den Börsen: Anleger jubeln - aber wie lange?

Kauflaune an den Börsen: Anleger jubeln - aber wie lange?

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Börsianer hoffen auf eine Einigung im Griechenland-Streit.

von Saskia Littmann

Die Aussicht auf eine Einigung im Schuldenstreit mit Griechenland und Kursanstiege in China beflügeln die Märkte. Aber: die Börsen bleiben politisch, für grenzenlosen Optimismus ist es zu früh.

Noch gibt es nur ein Reformpapier aus Athen, trotzdem hoffen Anleger bereits auf eine Einigung zwischen Griechenland und den anderen Ländern der Euro-Zone. Anleger kaufen am Freitag und hoffen, am Montag nach einer möglichen Einigung bei weiteren Kursanstiegen dabei zu sein. Dax und EuroStoxx legten jeweils um mehr als zwei Prozent zu, am Devisenmarkt kletterte der Euro über die Marke von 1,11 Dollar.

"Sollte sich die Großwetterlage rund um Griechenland am Montag positiv auflösen, sehen wir gute Chancen für Aktienkäufe und kurzfristige Kursgewinne", erklären Analysten der DZ Bank in einem Kommentar. Aus Sicht vieler Börsianer untermauern die Vorschläge den Willen zur Einigung seitens der Athener Regierung. Regierungschef Alexis Tsipras bietet Steuererhöhungen und eine Rentenreform, und möchte dafür im Gegenzug von den Ländern der Euro-Zone weitere Milliardenhilfen bewilligt bekommen. Am Samstag soll die Eurogruppe über seine Vorschläge beraten.

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Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

  • Grexit

    Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für „Griechenland“ (Greece) und „Ausstieg“ (Exit) gebildet - gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung ihre Produkte viel günstiger anbieten.

  • Graccident

    Neuerdings wird auch vor einem unbeabsichtigten Euro-Aus der Griechen gewarnt. Das Kunstwort dafür besteht aus Greece und dem englischen Wort für „Unfall“ (Accident) - wobei das Wort im Englischen auch für „Zufall“ stehen kann. Gemeint ist ein eher versehentliches Schlittern in den Euro-Ausstieg, den eigentlich niemand will - der aber unvermeidbar ist, weil Athen das Geld ausgeht. Mittlerweile taucht die Wortschöpfung auch als „Grexident“ auf.

  • Anleihe

    Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

  • T-Bill

    Im Grunde handelt es sich ebenfalls um Anleihen - allerdings mit deutlich kürzerer Laufzeit. Während Anleihen für Zeiträume von fünf oder zehn oder noch mehr Jahren ausgegeben werden, geht es bei T-Bills um kurzfristige Finanzierungen. Die Laufzeit solcher Papiere beträgt in der Regel nur einige Monate.

  • Schuldenschnitt

    Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

  • Rettungsschirm

    Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

  • Troika

    In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

"Das Nein-Referendum scheint sich in ein Tsipras-Ja zu verwandeln", sagte Commerzbank-Analyst Markus Koch. Auch die Aussagen einiger europäischer Spitzenpolitiker stützen die Hoffnungen der Börsen. Präsident Francois Hollande würdigt die griechischen Vorschläge als "glaubwürdig und ernsthaft". Auch Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat sieht offenbar Chancen für eine Einigung im Schuldenstreit. "Auf den ersten Blick bieten die griechischen Vorschläge eine Gesprächsgrundlage", schrieb Muscat auf dem Nachrichtendienst Twitter.

Nichts entschieden

Die Bundesregierung wollte die Vorschläge aus Athen allerdings inhaltlich noch nicht bewerten. Auch einer Streichung griechischer Schulden wolle man nicht zustimmen, erklärte ein Sprecher. Und auch Tsipras, der Forderungen nach Reformen bislang scharf zurückgewiesen hatte, braucht noch die Zustimmung vom Parlament.

Der trotzdem vorherrschende Börsenoptimismus kommt vor allem Finanztiteln zugute, diese gehörten bisher zu den größten Verlierern der Krise. Der Branchenindex legte rund drei Prozent zu, die Deutsche Bank stand mit einem Plus von mehr drei Prozent bei den Dax-Werten ganz vorne, auch die Commerzbank-Aktie fand viele Käufer.

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Quelle: Getty Images, dpa, Montage

Viele Anleger nutzten die im Zuge der Angst vor einem Grexit gesunkenen Kurse zum Wiedereinstieg. "Aktien haben sich in den vergangenen Wochen deutlich verbilligt, die Bewertung hat sich somit vergünstigt", schreibt die DZ Bank. Allerdings: kommt es am Wochenende nicht zu einer Einigung im Schuldenstreit, dürften Börsianer am Montag umso verkaterter sein. Risikoaverse Privatanleger sollten also mit einem Einstieg in derart politisch aufgewühlten Zeiten noch warten. Wer mutig ist, kann auf eine Einigung spekulieren und im Anschluss Gewinne mitnehmen.

China beruhigt vorübergehend

Beruhigt hat die Märkte nicht nur eine mögliche Einigung im Schuldenstreit. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des chinesischen Aktienmarktes auf die Entwicklung. Der Shanghai Composite legte um 4,5 Prozent auf 3878 Punkte zu und stieg damit den zweiten Tag in Folge. Die Regierung hatte in den vergangenen Tagen zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um einem Crash entgegenzuwirken. "Chinesische Investoren folgen dem Herdentrieb - erst panisch nach unten und jetzt geht es andersherum", sagte ein asiatischer Hedgefondsmanager.

Börse stürzt ab China hat sich verzockt

Trotz Staats-Eingriffen beschleunigt sich die Talfahrt am heißgelaufenen chinesischen Aktienmarkt: Die Börse Shanghai öffnete Mittwoch rund sieben Prozent niedriger. Ein Crash würde weltweit die Konjunktur erschüttern.

Der chinesische Aktienmarkt legt eine Achterbahnfahrt hin. Quelle: dpa

Trotz des vorläufigen Kursanstiegs ist die Gefahr nicht gebannt. Unter Mitwirken der Regierung hat sich in China eine enorme Börsenblase gebildet, vor allem Kleinanleger haben kräftig zugelangt und sind jetzt die großen Verlierer. Über die vergangenen drei Wochen waren die Kurse um rund ein Drittel gefallen, die chinesische Notenbank musste mehrfach eingreifen, um die Kurse zu stabilisieren.

Entsprechend skeptisch blicken Börsianer nun auf das vorläufige Ende der Talfahrt. "Die Kurse sind wegen der drastischen Maßnahmen der Regierung oben, deswegen geht der Markt noch nicht voll auf Risiko", sagte Devisenstratege Shinichiro Kadota von Barclays in Tokio. Immer noch ist fast die Hälfte der in China gelisteten Aktien auf Geheiß von Peking vom Handel ausgesetzt. "Von einem funktionierenden Kapitalmarkt, auf dem sich die Preise im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bilden, kann somit also keine Rede mehr sein", sagten Analysten der Commerzbank. "Das Vertrauen in das reibungslose Funktionieren der Börse ist erst einmal tief erschüttert."

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Das Problem: mittelfristig dürfte der Einfluss der China-Blase auf die Märkte deutlich größer sein, als Griechenlands Schuldenfrage. Insbesondere stellt sich die Frage, wie groß die ökonomischen Folgen des Crashs sein werden. Denn nicht nur bei den betroffenen Unternehmen wurde viel Wert verbrannt, viele Kleinanleger stehen nun vor einem Schuldenberg. Einige haben nicht nur ihr Erspartes in Aktien investiert, sondern sich noch zusätzlich verschuldet, um ihrem Traum vom Börsengewinner näher zu kommen. Mögliche Folgen für die Konjunktur, etwa eine schwächere Binnennachfrage oder wachsende Arbeitslosigkeit, werden wohl erst in einigen Monaten absehbar. Schon jetzt waren es in Europa vor allem die Aktien der Autohersteller wie VW oder BMW, die im Zuge des China-Crashs nachgaben. Für sie droht ein Einbruch auf dem wichtigsten Absatzmarkt.

Mittelfristig gilt China daher weiterhin eher als Belastung für die Märkte, während die meisten Anleger hoffen, dass sich das Thema Griechenland bald endlich erledigt hat.

Mit Material von Reuters

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