Kritik an Aktienoptionen: Wenn Top-Manager Top-Insider sind

Kritik an Aktienoptionen: Wenn Top-Manager Top-Insider sind

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Aktienoptionen: Top-Manager sind immer auch Top-Insider

von Mark Fehr

Der Verdacht des Insiderhandels gegen den zurückgetretenen Börsenchef Carsten Kengeter stellt die am Kapitalmarkt weit verbreitete Entlohnung von Top-Managern mit Aktien des eigenen Unternehmens in Frage.

Aktienoptionen für Top-Manager gehören mehr oder weniger zum guten Ton am Kapitalmarkt. Das simple Kalkül dahinter: Wenn der CEO Anteil am finanziellen Schicksal seiner Eigentümer nimmt, indem er auch selbst üppig Aktien des von ihm geführten Unternehmens zeichnet, dann wird er sich schon anstrengen, um den Wert der Firmenanteile zu steigern. Das Konzept scheint so schlüssig, dass es bisher kaum in Frage gestellt wurde. Schließlich behauptete schon der Ökonom Adam Smith, dass die gesamte Volkswirtschaft vom Egoismus Einzelner profitiere. Warum sollen da nicht auch die Aktionäre eines Unternehmens vom finanziellen Eigennutz ihres CEO profitieren, indem sie ihn einfach zu einem der ihren machen?

Im Fall der Deutschen Börse allerdings endete es mit einem Betriebsunfall, den Chef als Anteilseigner ins Boot zu holen. Börsenchef Carsten Kengeter kaufte im Rahmen eines extra für ihn entwickelten Vergütungsprogramms in großem Stil Aktien der Deutschen Börse. Die Transaktion fand kurz vor Bekanntwerden von Fusionsverhandlungen mit der Londoner Konkurrentin statt. Die Folge war ein Verdacht des Insiderhandels gegen Kengeter, der mittlerweile zurückgetreten ist. Ein Vergleichsversuch mit der Justiz scheiterte wohl auch an der kritischen Haltung der Finanzaufsicht, sodass Kengeters bald auslaufender Vertrag nicht rechtzeitig verlängert werden konnte.

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Der SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel fordert nach dem Rücktritt des Börsenchefs auch Konsequenzen für Aufsichtsratschef Joachim Faber. „Das kann nicht ohne Folgen für den Aufsichtsratsvorsitzenden bleiben“, sagte Schäfer-Gümbel der WirtschaftsWoche. Denn es sei Fabers Idee gewesen, das luxuriöse Aktienoptionspaket für Herrn Kengeter zu schnüren, das ihn am Ende Amt und Reputation gekostet habe.

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Carsten Kengeter Quelle: dpa Picture-Alliance

Der Fall Kengeter sollte laut Schäfer-Gümbel Anlass sein, einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, ob die Option auf den Kauf von Aktien des eigenen Unternehmens ein geeignetes Incentive für die Vorstände großer Unternehmen sein könne. „Immerhin sind die Top-Manager immer auch Top-Insider“, so Schäfer-Gümbel. Die Gefahr, die solchen Aktienoptionen innewohne, habe man bei der Deutschen Börse gerade auf die denkbar unangenehmste Weise gesehen.

Der Sozialdemokrat Schäfer-Gümbel steht mit seiner Kritik an Aktienoptionen nicht allein da. Auch der Finanzanalyst Dieter Hein hat bereits Aktienkäufe für Spitzenmanager wegen des Insiderverdachts bei der Deutschen Börse in Frage gestellt. Top-Manager haben allein durch ihr Amt immer einen Informationsvorsprung, so sein Argument. Daher sei es die sauberste Lösung, Leute an der Unternehmensspitze keine Aktien des eigenen Unternehmens kaufen zu lassen.

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Carsten Kengeter (l), Vorstandsvorsitzender der Deutsche Börse AG, und der Aufsichtsratsvorsitzende Joachim Faber. Quelle: dpa

Der Finanzpolitiker Gerhard Schick von den Grünen betont, dass Aktienoptionen vor allem an den langfristigen Erfolg des Unternehmens geknüpft sein sollten, in der Praxis aber oft zu kurzfristigen Anreizen führten. Daher sei eine lange Haltedauer von fünf Jahren erforderlich und eine Grenze von variablen Vergütungen in Höhe von 25 Prozent des Gesamtgehalts. Beim Kauf und Verkauf der Manageraktien sei ein Automatismus sinnvoll. So könne erst gar kein Verdacht entstehen, dass hinter den Transaktionen ein von Insiderwissen getriebenes Timing stünde.

Ähnlich sieht es der Ökonom Zacharias Sautner von der Frankfurt School of Finance & Management. „Der Fall Deutsche Börse sollte nicht dazu führen, Aktienoptionen generell in Frage zu stellen, denn entscheidend ist die Ausgestaltung", sagt Sautner. Nach allem, was die Forschung nahelege, sollten Käufe und Verkäufe schrittweise und über einen langen Zeitraum verteilt erfolgen, statt das gesamte Aktienpaket auf einen Schlag zu übertragen. "Von einer solchen sinnvollen Stückelung des Programms wurde bei der Deutschen Börse aber offensichtlich Abstand genommen", so der Wissenschaftler.

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