Leser fragen Dirk Müller: „De facto ist das schon der Staatsbankrott“

Leser fragen Dirk Müller: „De facto ist das schon der Staatsbankrott“

, aktualisiert 02. November 2011, 11:29 Uhr
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Dirk Müller ist als Makler an der Frankfurter Börse bekannt geworden. Heute schreibt er Bücher und gibt Geldanlage-Tipps. Unsere Leser haben viele Fragen an den Experten - wir haben elf ausgesucht, die Müller beantwortet.

Quelle:Handelsblatt Online

Kann Griechenland noch gerettet werden? Wann ist Deutschland pleite? Brauchen wir eine neues Geldsystem? Das sind Fragen unserer Leser, die der Börsenmakler und Bestsellerautor Dirk Müller beantwortet.

Sebastian Cla: Für wie wahrscheinlich halten Sie die Möglichkeit, dass alle Maßnahmen Griechenland betreffend fruchten und ein Staatsbankrott noch abgewendet werden kann?

Dirk Müller: Für ausgesprochen gering. Die Entscheidungen der letzten ‚Brüsseler Runde’ sind ja de facto schon der Staatsbankrott, wenn auch anders benannt. Die gestrigen unerklärlichen Entwicklungen um eine angesetzte Volksbefragung machen eine ungeordnete Staatspleite inklusive Euroaustritt Griechenlands noch wahrscheinlicher.

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Dirk Gerhardt: Sind wir nicht nach klassischen Maßstäben schon lange insolvent?

Müller: Würden wir eine saubere Buchhaltung machen und alle Verpflichtungen mit einrechnen, sicherlich ja. Aber es ist wie beim Privatmann: So lange Ihre Bank Ihnen immer weiter die Kreditlinie erhöht, haben Sie kein Problem. Sie sind zahlungsfähig. Erst wenn die Bank den Hahn zudreht, sind Sie insolvent. Das ist beim Staat nicht anders. So lange er – woher auch immer – neue Kredit bekommt, um seine Rechnungen bezahlen, spielt der Schuldenstand keine Rolle. 50, 120 oder 200 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt sind egal, so lange der Staat weiter Geld bekommt - bis die Finanzmärkte den Hahn zudrehen.

Oliver Erlitz: Wie schätzen Sie die Konsolidierbarkeit des deutschen Staatsdefizits ein?

Müller: Gar nicht. Da Geld nur durch Kreditvergabe entsteht, bedeutet das: Wenn man Schulden vernichtet, muss man gleichzeitig Geld vernichten. Wenn der Staat jetzt durch höhere Steuern Kredite zurückzahlt, hat er es entweder dem Bürger aus dessen Ersparnissen weggenommen oder der Bürger hat es durch Wirtschaftswachstum und neue Kreditaufnahme zuvor aufgenommen. Dann sind lediglich die Schulden des Staates zu den Schulden der Bürger geworden, was für diesen keinen Unterschied macht. Er kann die Last nicht mehr tragen. Das Problem ist nicht nur der Schuldenstand des Staates, sondern der des Gesamtsystems.

Cornelius Grätz: Wie realistisch ist, dass Politik und Banken weitreichende Maßnahmen erarbeiten und umsetzen, die Krisen dieser Art künftig vermeiden?

Müller: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das Grundproblem liegt im Zinseszins und in der Art der Geldschöpfung - da heißt Geld als Schuldgeld, geschöpft von privaten Banken. Dieses System ist so stark über Jahrzehnte und teilweise Jahrhunderte verwurzelt, dass ein Aufbrechen nicht wahrscheinlich ist. Bestenfalls gelingt es mit vereinten Kräften und dem Druck der Bevölkerung, die auf Dauer schädlichen Teile des Mechanismus in stärkerem Maße als bislang zu entschärfen. Eine völlige Neustrukturierung des Geldsystems wäre wünschenswert, aber nicht realistisch umsetzbar.

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Philipp Grözinger: Müsste man nicht, grundsätzliche Reformen bezüglich Geldschöpfung und Zinssystem durchführen, anstatt durch einen ‚Reset’ die Probleme der globalen Finanzarchitektur ein weiteres Mal neu zu implementieren? Wie könnten diese aussehen?

Müller: Gratulation! Genau richtig erkannt. Eine wichtige Maßnahme ist, mittels eines Vollgeldsystems  - bitte mal googeln - den privaten Banken die Geldschöpfung zu entziehen. Ein zinseszinsloses System wäre überdenkenswert, aber das werden wir wohl nicht mehr erleben. Es wäre schon hilfreich, wenn die nach menschlichem Ermessen einfach umsetzbaren Dinge wie Trennbankensystem, Vollgeldsystem etc. umgesetzt würden. Auch eine deutliche steuerliche Bevorzugung von Arbeitsentgelt und Risikokapital, in Form einer Unternehmensbeteiligung durch Aktienbesitz, gegenüber Zinseinkünften und Spekulationseinkünften wäre eine sinnvolle und einfach umzusetzende Maßnahme.

Jarek Olszewik: Wie stehen sie zu einem Glass-Steagall-Gesetz (Trennbankensystem)?

Müller: Definitiv sinnvoll! Es gab gute Gründe für dessen Einführung nach den 1929er Verwerfungen. Dass das Finanzsystem mit neuer Selbstüberschätzung in den 80er und 90er Jahren diese Trennung wieder gekippt hat, ist schlimm genug. Das sollte dringend korrigiert werden. Wer zocken will, soll das gefälligst mit eigenem Geld tun - und dabei nicht die Gelder von Kunden aufs Spiel setzen.

Benjamin Diefenbach: Kennen Sie Alternativen zum heutigen Geldsystem - beispielsweise Geld mit Verfallsdatum oder ressourcenbasierte Wirtschaft?

Müller: Sogar etliche. Wer sich damit befassen möchte, sollte sich beispielsweise einmal die vielen Regionalwährungen in Deutschland ansehen. Der berühmteste ist der Chiemgauer. Diese ‚Währungen’ funktionieren ohne Zinseszins, im Gegenteil sogar mit Strafgebühren für denjenigen, der das Geld aus dem Wirtschaftskreislauf entzieht. Es gibt hier sehr viele interessante Modelle, die alle dazu beitragen könnten am Ende ein völlig neues Geldsystem zu entwickeln. Aber daran haben diejenigen, die heute an den Hebeln der Macht und des Geldes sitzen - was häufig nahe beieinander liegt - natürlich sehr gebremstes Interesse. Aber es lohnt sich allemal, das Geldsystem zu hinterfragen und vielleicht ein paar Veränderungen vorzunehmen.

Oliver Ginsberg: Müssen wir nicht viel mehr als bisher Nachhaltigkeitsaspekte bei der Geldanlage berücksichtigen?

Müller: Natürlich. Das fängt bei jedem privat an. Man sollte stets darüber nachdenken: Was stellt mein Geld gerade an, während ich es irgendwo angelegt habe. Auch die Politik muss sich von der Finanzindustrie emanzipieren und ihre Regeln wieder mehr an genau dieser Nachhaltigkeit orientieren. Jeder politischen Gesetzgebung in diesem Bereich sollte die Frage vorangestellt werden: Nutzt es der Gesellschaft und dem Zusammenleben? 

Sascha Schneidaa: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass der Dollar in zehn Jahren vom Renminbi als Reservewährung abgelöst wird?

Müller: Sehr gering. China wird in den nächsten drei Jahren in Schwierigkeiten kommen, die heute kaum jemand für möglich hält. Vor zwei Jahren wurde der Euro als Nachfolger des Dollar als Weltleitwährung gehandelt. Davon spricht heute wohl niemand mehr ernsthaft. Mit dem Renminbi wird es in zwei bis drei Jahren ähnlich sein. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir in einigen Jahren eine weitere globale Weltleitwährung, möglicherweise an einem Warenkorb gekoppelt, haben werden, gegen die sämtliche anderen nationalen Währungen verrechnet werden.

Rainer Bender: Wo steht der Goldkurs in zwei Jahren?

Müller: Wo hab ich gleich meine Kristallkugel… Sorry, da muss ich passen! Nicht seriös prognostizierbar.

Marky Marc: Ich würde gern die Lottozahlen für Samstag wissen!

Müller: 6, 18, 24, 27, 45, 47… oder irgendeine der anderen 14 Millionen Kombinationen.


Zur Person

Der Makler Als Börsenhändler lag Dirk Müllers Arbeitsplatz fast zehn Jahre lang direkt unter der großen Anzeigetafel mit der Dax-Kurve in der Frankfurter Börse. Die Fotografen lichteten ihn gerne vor der Tafel ab, denn sein Gesichtsausdruck passte meist zur Stimmung an der Börse. Die Medien verpassten ihm den Titel „Mister Dax“.

Der Ratgeber Die Medien entdeckten, dass Müller nicht nur gute Miene zum Dax machen konnte, sondern etwas zu den Märkten zu sagen hat. Inzwischen kennen ihn viele auch als Buchautor. Sein erstes Buch „Crashkurs“ schaffte es auf den Bestsellerlisten ganz nach oben. Ein Nachfolgeband „Cashkurs“ ist vor kurzem erschienen. 

Quelle:  Handelsblatt Online
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