Märkte in Aufruhr: Italien feiert Pyrrhussieg am Bondmarkt

Märkte in Aufruhr: Italien feiert Pyrrhussieg am Bondmarkt

, aktualisiert 10. November 2011, 16:11 Uhr
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Nach der Fußball-WM 2006 hatten die Italiener Grund tatsächlichen Grund zum Jubeln.

von Andrea Cünnen und Ralf DrescherQuelle:Handelsblatt Online

Die Welt hat ein neues Sorgenkind. Die Gefahr einer Kapitulation Italiens vor dem Schuldenberg wächst. Zwar findet das Land noch Käufer für seine Anleihen. Doch der Preis ist hoch und die Herkulesaufgabe kommt erst 2012.

Düsseldorf/FrankfurtItalien hat das Vertrauen der Anleger noch nicht komplett verspielt. Zwei Tage nach dem angekündigten Rücktritt von Ministerpräsident Silvio Berlusconi und einen Tag nach dem Kurssturz italienischer Staatsanleihen brachte das Land am Donnerstag Anleihen mit einjähriger Laufzeit im Wert von fünf Milliarden Euro am Markt unter. Dafür musste Italien einen Zins von knapp 6,1 Prozent zahlen. Die Auktion war fast doppelt überzeichnet.

Am Anleihemarkt wurde dieses Ergebnis mit Freude aufgenommen, die Renditen für italienische Staatsanleihen sanken. Im Vorfeld war befürchtet worden, dass das Land bis zu 7,5 Prozent an Zinsen würde zahlen müssen. Die Freude über die Auktion zeigt allerdings, in welch desaströser Lage sich Italien befindet. Der Zins von 6,1 Prozent ist der höchste seit 1997. Damals hatte Italien noch die Lira. Und auch der Vergleich mit der letzten Emission vor Monatsfrist symbolisiert, wie sich die Krise zugespitzt hat: Damals musste Italien Anlegern lediglich 3,57 Prozent für einjährige Bonds zahlen.

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Den Anlegern war das zunächst egal. Sie griffen ganz vorsichtig wieder bei italienischen Papieren zu. Die Renditen der zehnjährigen Anleihen sanken daraufhin deutlich auf 6,86 Prozent. Am Morgen waren sie zeitweise noch auf 7,39 Prozent gestiegen und damit fast auf den Rekordwert vom Vortag. Zu diesem Zeitpunkt griff allerdings Händlern zufolge die Europäische Zentralbank wieder in den Markt ein und drückte bereits dadurch die Renditen.

Am Mittwoch waren die Anleger in Scharen aus italienischen Staatsanleihen geflüchtet und hatten damit auch an den Aktienmärkten eine weltweite Verkaufswelle ausgelöst. Der italienische Leitindex MIB-30 verlor fast vier Prozent, der Dax mehr als zwei Prozent. An den US-Börsen hatten die Leitindizes Dow Jones und S&P 500 jeweils mehr als drei Prozent verloren, in Asien brachen die Aktienkurse ebenfalls ein. Am schlimmsten erwischte es den Hang-Seng-Index in Hongkong, der um mehr als fünf Prozent abstürzte.

Neben der politischen Unsicherheit in Italien hatte eine Ankündigung des Finanzdienstleisters LCH Clearnet den Kurssturz ausgelöst. Das auf Wertpapierleihen spezialisierte Unternehmen hatte am Mittwoch erklärt, dass es für Geschäfte mit italienischen Staatsanleihen und Wertpapieren höhere Aufschläge fordere. Zinspapiere des italienischen Staats können Investoren künftig nur noch mit höheren Preisabschlägen als Sicherheit für Kredite hinterlegen. LCH Clearnet erhöhte die Abschlagsmargen um 3,5 bis fünf Prozentpunkte. So steigt beispielsweise der Abschlag für sieben- bis zehnjährige italienische Anleihen von 6,65 auf 11,65 Prozent. Die Folge: Für italienische Bonds gibt es weniger Kredit als vorher.

Am Donnerstag setzte sich die Abwärtsbewegung zunächst fort, kurz nach Handelseröffnung drehte sowohl am Aktien-, als auch am Anleihemarkt jedoch die Stimmung. An eine Beruhigung mögen Marktexperten aber nicht glauben: „Die Sorge, dass Italien seine Schulden zukünftig nicht mehr bedienen kann, wächst“, sagt Gregor Kuhn, Marktanalyst bei IG Markets. „Berlusconis angekündigter Rücktritt kann das nicht ändern, das Schuldenproblem bleibt.“

Italien hat mit einer Quote von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach Griechenland die zweithöchsten Schulden aller Euro-Staaten. Um der Schuldenmisere zu entkommen, will das Land noch in dieser Woche ein umfassendes Sparpaket beschließen. Doch die Entwicklung am Anleihemarkt droht die Sparbemühungen ins Leere laufen zu lassen. Je höher die Renditen der italienischen Staatspapiere klettern, desto teurer wird die Refinanzierung am Kapitalmarkt. Und je mehr Italien für neue Anleihen bezahlen muss, desto schwerer wird der Schuldenabbau.


Italien braucht 2012 mehr als 300 Milliarden Euro

Dass Italien die heutige Auktion einjähriger Anleihen wie geplant durchzog, dürfte auch damit zu tun haben, dass das Land den Märkten nach dem schwarzen Mittwoch kein weiteres negatives Signal senden will. Zudem würden die Probleme allenfalls aufgeschoben: Insgesamt hat Italien im November einen Refinanzierungsbedarf von knapp 15 Milliarden Euro, im Dezember will das Land weitere 22,5 Milliarden Euro aufnehmen.

Und auch der Emissionskalender für 2012 ist mehr als üppig gefüllt: Insgesamt muss Italien auslaufende Anleihen im Wert von mehr als 300 Milliarden Euro refinanzieren, mehr als die Hälfte davon im ersten Jahresdrittel.

Angesichts des massiven Renditeanstiegs drohen Italien damit gewaltige Mehrkosten. Schlimmer noch: Die Flucht der Anleger schürt Sorgen, dass dem Land die Käufer für seine Schulden ausgehen. Welche Folgen das hätte, zeigen die Beispiele Irland, Portugal und in extremer Ausprägung auch Griechenland, die sich in ihrer Not unter den europäischen Rettungsschirm flüchteten. Mit dem Unterschied, dass Italien ein Vielfaches des Kapitalbedarfs dieser Länder hat. Den europäischen Rettungsfonds EFSF droht eine Hilfsaktion für Italien zu sprengen.

Für viele ist die Krise in Italien deswegen auch die entscheidende Probe für die Zukunft der Euro-Zone. „Italien ist der wahre Testfall“, sagte Eric Chaney, Chefvolkswirt beim Versicherer Axa, der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Der Markt testet, wie sehr Europas größte Verfechter hinter dem Euro stehen.“

Der Euro selbst hält sich vor dem Hintergrund der wachsenden Sorge um die Zukunft der Gemeinschaftswährung noch vergleichsweise gut. Am Morgen stieg der Euro auf gut 1,36 Dollar. Damit liegt er zwar deutlich unter den Höchstkursen im Oktober, aber immer noch im Bereich seines Durchschnittswerts der vergangenen zwei Monate. Verglichen mit seinem Stand zu Jahresbeginn liegt der Euro gegenüber der US-Währung sogar immer noch leicht im Plus.

 

Quelle:  Handelsblatt Online
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