Martin Siegel im Interview: „Die Politik will die Inflation“

Martin Siegel im Interview: „Die Politik will die Inflation“

, aktualisiert 14. Dezember 2011, 06:53 Uhr
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Martin Siegel, Fondsmanager Stabilitas GmbH und Geschäftsführer Westgold, warnt vor Inflation.

von Jörg Hackhausen und Christian PansterQuelle:Handelsblatt Online

Die Notenbank druckt Geld - und entwertet es damit, meint Martin Siegel. Der Fondsmanager und Goldexperte warnt im Interview vor Inflation. Der Politik wirft er „Lügen, Täuschungen und Verfassungsbruch“ vor.

Herr Siegel, wir haben schon vier Jahre Finanzkrise hinter uns. Wann wird die Krise endlich überstanden sein?

Die Probleme sind nicht gelöst, sie wurden nur in die Zukunft verschoben. Man hat die maroden Bankbilanzen auf den Staat übertragen, der dadurch überfordert ist. Wie man da wieder herauskommen soll, weiß niemand. Aber die Bevölkerung merkt, dass es so nicht mehr weitergeht.

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Wird Europa die Schuldenkrise überstehen?

Ich bin mir nicht sicher. Europa hat nicht nur ein Schulden-, sondern mittlerweile auch ein Legitimationsproblem.

Ein Freund Europas scheinen Sie nicht gerade zu sein.

Doch, das bin ich. Wenn wir alle Schulden und alle Steuereinahmen zusammenschmeißen, dann wäre das Verhältnis auch nicht schlechter als in den USA oder Japan. Warum sollen nicht alle Europäer in einem Bundesstaat zusammenleben? Deutschland ist doch ein gutes Beispiel. Vor wenigen hundert Jahren noch haben sich die Kleinstaaten gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Heute gilt die Bundesrepublik Deutschland weltweit für viele als Vorbild. Warum sollten nicht auch die Vereinigten Staaten von Europa funktionieren.

Aber was ist dann Ihr Problem?

Es wird uns, den Bürgern, nicht ehrlich gesagt, was mit Europa geschehen soll. Niemand gibt offen zu, dass wir schon in den nächsten 24 Monaten eine Fiskalunion mit gemeinsamem Haushalt bekommen sollen und dass die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa bereits hinter den Kulissen beschlossen worden ist. Der Weg dorthin ist mit Lügen, Täuschungen und Verfassungsbrüchen gepflastert. Die Mehrheit der Bevölkerung wird ohne ehrliche Information, mit Angst und ohne demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten in dieses neue Europa gezwungen. Es ist völlig unklar, wie Europa zukünftig regiert werden soll – mit einem Präsidentschaftswahlkampf wie in den USA oder mit einer Verwaltungsregierung wie in Belgien oder mit der Legitimation von Goldman Sachs Bankern wie in Italien und Griechenland.

Was wird Ihrer Meinung nach aus Europa?

Ich fürchte, wir bekommen eine Art Herrschaft der Brüsseler Bürokratie, bei der wesentliche Merkmale der Demokratie außer Kraft gesetzt werden. Für mich stellt sich auch die Frage, ob die Bevölkerung sich das in allen europäischen Ländern einfach so gefallen lässt, belogen und betrogen zu werden, um sich dann aus Brüssel verwalten zu lassen. Wenn auf dem Weg nach Europa die Grundgesetze und Verfassungen einfach so ausgehebelt werden, wie sieht es dann mit dem Recht in einem zukünftigen Europa aus. Die Gefahr, dass sich das Ganze auf dieser Basis totalitär entwickeln könnte, sollte wenigstens nicht ignoriert werden.

Was werden die Politiker tun, um das Schuldenproblem zu lösen?

Sie werden Geld drucken lassen. Zum Schluss werden nur noch die Notenbanken die Staatsanleihen kaufen. Dadurch wird die Geldmenge extrem erhöht, was wiederum zu höheren Inflationsraten führen muss. Ich glaube, die Verantwortlichen in den Regierungen und den Notenbanken haben sich längst darauf geeinigt: Ja, wir wollen die Inflation.

Die Experten der Banker sagen, dass die schwachen Wachstumsraten in Europa die Teuerungsraten dämpfen.

Das ist doch dummes Zeug. In Zimbabwe gab es in den vergangenen Jahren auch kein Wachstum, dafür aber Hyperinflation. Genauso war es in Deutschland in den 1920er-Jahren. Damals betrug die Inflationsrate 50 Prozent pro Woche. Gewachsen ist die Wirtschaft auch damals nicht. Inflation ist immer ein monetäres Problem.


"Die Verlierer sind die Sparer"

Allein die Geldmengenausweitung der Zentralbanken führt nicht zu Inflation.

Doch, die Ausweitung der Geldmenge ist bereits die Inflation,  die sich erst in der Folge in steigenden Preisen bemerkbar macht. Das Geld wird schlechter gemacht, indem man immer neues druckt. Und das wiederum schwächt das Vertrauen der Menschen in die Währungen. Sie werden ihre Euro ausgeben, weil sie fürchten, ihre Scheine könnten schon bald weniger wert sein. Das Geld wird in die Gütermärkte fließen und die Preise in die Höhe treiben. Wenn dann noch Kredite aufgenommen werden – von Unternehmen und Privaten -, dann haben wir sofort Inflation. Viele Politiker glauben, Inflation sei kontrollierbar, aber das ist ein Irrglaube.

Bundesbank und Bundesregierung beschwören dennoch die Währungsstabilität in der Eurozone. Wie seriös ist das?
Ich glaube davon kein Wort. Nachdem Bundesbankchef Axel Weber und EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark abgedankt haben, dürfte der Widerstand bald gebrochen sein. Der neue Bundesbankchef Weidmann tut zwar, als verfolge er eine ähnliche Stabilitätspolitik, aber darauf würde nicht allzu viel geben. Er hat nicht mehr viel zu melden.

Wann wird Inflation für uns zu einem Problem?

Ich glaube, wir sind schon auf dem besten Weg dorthin. In Großbritannien beträgt die Preissteigerungsrate bereits rund fünf Prozent. In der Eurozone sind es immerhin um die drei Prozent. Wenn man sich das allgemeine Zinsniveau anschaut, werden schon jetzt die Sparguthaben vieler Menschen durch die Inflation entwertet.

Gibt es denn eine Alternative zum Inflationsszenario?

Die gibt es, aber die wäre äußerst schmerzhaft. Ähnlich der Politik des ehemaligen US-Notenbankchefs Paul Volcker, der Anfang der 1980er- Jahren die Leitzinsen kräftig anhob, um die Inflation in Amerika zu bekämpfen. Eine solche Zinspolitik heute würde dazu führen, dass Staaten und Banken pleite gingen. Die Arbeitslosenzahlen würden rasant steigen, die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession fallen. Am Ende dieses schmerzhaften Prozess allerdings würde ein Neustart stehen, eine Grundsanierung der Haushalte. Ein solches Szenario ist allerdings nicht zu vermitteln. Inflation ist aus Sicht der Politiker die sehr viel einfachere Lösung.

Wer sind die Verlierer?

Ich kann Ihnen sagen, wer die Gewinner sind: die Investmentbanken. Sie bekommen Geld zum Nulltarif. Zu den Verlierern zählen die Arbeitnehmer, Sparer und Rentner, deren Geldvermögen, Versicherungsleistungen und Rentenbezüge weginflationiert werden.


"Schlangen vor den Bankfilialen"

Wie schützen Sie sich? Haben Sie Gold im Garten vergraben?

Nein, ich habe mein Häuschen abbezahlt. Der Rest ist in meinen Firmen investiert.

Sie verwalten nicht nur Goldfonds, sondern handeln daneben mit Münzen und Barren. Was sind das für Leute, die bei Ihnen Gold kaufen?

Das sind vor allem strategische Anleger. Sie wollen einen Teil ihres Vermögens in Edelmetallen anlegen, um es in Sicherheit zu bringen. Die meisten sagen: Verkaufen will ich eigentlich nie.

Und wie viel kaufen die Kunden?

Der typische Anleger kauft fünf bis zehn Krügerrand und dazu 100 oder 200 Silbermünzen. Im Schnitt geben die Leute 10.000 Euro pro Order aus. Hin und wieder kommt es vor, dass Kunden fast ihr gesamtes Vermögen in Gold umschichten.

Weil die Menschen den Banken misstrauen?

Erinnern Sie sich noch an die Schlangen vor den Bankfilialen von Northern Rock?

Das war im Jahr 2007.

Die Menschen hatten Angst, dass sie nicht mehr an ihr Geld kommen. Damals haben wir erstmals eine Ahnung davon bekommen, was passiert, wenn ein Finanzsystem richtig kracht. Solche Bilder könnten wir schnell wieder sehen. Wer einen Teil seines Vermögens in Gold angelegt hat, kann das etwas gelassener sehen.

Es heißt immer, Gold sei eine Krisenwährung. Aber in den vergangenen Monaten ist der Goldpreis gefallen, obwohl die Schuldenkrise in Europa eskaliert. Ist Gold doch nur ein Rohstoff wie jeder andere?

Im Moment mag das stimmen. Auf dem aktuellen Niveau halte ich Gold für fair bewertet. Gold war allerdings jahrelang viel zu niedrig bewertet. Das haben wir in der Finanzkrise aufgeholt – und dabei ein wenig übertrieben. Der Anstieg auf fast 2.000 Dollar je Feinunze ging zu schnell.

Die großen Banken haben vorhergesagt, dass der Goldpreis schon im nächsten Jahr auf 2.500 Dollar je Feinunze steigen wird. Ist das Unsinn?

Die Prognosen der Investmentbanken taugen nichts. Die Banken haben jahrelang nichts auf Gold gegeben – gleichzeitig stieg der Goldpreis immer weiter. Ausgerechnet auf dem Allzeithoch ändern sie ihre Meinung und sagen eine Goldrally voraus – kurz danach fällt der Goldpreis. Ich vermute, dass hinter solchen Prognose eigene Interessen stecken. Was öffentlich gesagt, und wie intern gehandelt wird, stimmt nicht immer überein.

Und wie ist Ihre Prognose?

Der Goldpreis wird seinen Anstieg parallel zur Inflation fortsetzen. Da Gold ein sehr emotionales Investment ist, sind dabei zeitweise Übertreibungen wahrscheinlich. Ich sehe Gold eher als Mittel zum Werterhalt, nicht um damit schnell reich zu werden.

Martin Siegel ist Buchautor, Herausgeber des Börsenbriefes "Goldmarkt", Chef der Stabilitas Fonds GmbH und Geschäftsführer der Edelmetallhandelsfirma Westgold. Siegel gilt als ausgewiesener Goldfachmann.

Quelle:  Handelsblatt Online
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