MF Global : Euro-Krise stürzt US-Broker in die Pleite

MF Global : Euro-Krise stürzt US-Broker in die Pleite

, aktualisiert 31. Oktober 2011, 20:37 Uhr
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Jon Corzine. Seine Firma MF Global ist insolvent.

von Ralf Drescher und Rolf BendersQuelle:Handelsblatt Online

Der Derivate-Broker MF Global von Ex-Goldman-Chef Jon Corzine hat sich am Euro-Markt verzockt. Nach Milliardenverlusten flüchtet sich die Firma in die Insolvenz. Betroffen sind auch Kunden der Deutschen Bank.

New YorkGroße Projekte misslingen auch den ganz Großen. Jon Corzine wollte 2009 den Derivate-Broker MF Global in eine Investmentbank umformen. Dazu plante der damals gerade abgewählte Gouverneur von New Jersey und Exchef von Wall–Street-Primus Goldman Sachs den Aufbau einer gut besetzten Eigenhandelsabteilung, wie sie auch sein Exarbeitgeber Goldman vor dessen Neuregulierung besaß. Doch die Händler von MF Global verzockten sich mit Wetten auf eine Erholung von europäischen Staatsanleihen und anderen Euro-Papieren.

Jetzt ist die Firma pleite, am Montagnachmittag beantragte sie Gläubigerschutz nach Kapitel 11 der US-Insolvenzordnung. Der Insolvenzantrag wurde gestellt, nachdem Gespräche über einen Anteilsverkauf mit der Interactive Brokers Group gescheitert waren. Nach „Chapter 11“ des US-Insolvenzrechts wird dem Schuldner ein zeitlich begrenzter Schutz vor seinen Gläubigern gewährt, um sich zu sanieren. Zu den Gläubigern gehören auch Kunden der Deutschen Bank, die rund eine Milliarde an Forderungen an MF Global haben.

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Bankaktien gaben im frühen New Yorker Handel nach: Die Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley sowie die führenden Großbanken JPMorgan Chase, Citigroup und Bank of America verloren zwischen drei und sechs Prozent. Die Titel der Deutschen Bank bauten ihre Verluste in Frankfurt bis zum späten Nachmittag auf neun Prozent aus.

Der Insolvenzantrag hatte sich bereits am Wochenende abgezeichnet. Nach einem unerwarteten Quartalsverlust hatten die Ratingagenturen MF Global Ende vergangener Woche auf Ramschstatus herabgestuft. Am Montag dann ging alles ganz schnell: Die New Yorker Notenbank sperrte MF Global und schloss Geschäfte mit anderen Unternehmen aus, die Aktien des Unternehmens wurden nach einem Einbruch um fast 50 Prozent in Europa vom Handel an der Wall Street ausgesetzt. Kurz nach 15 Uhr folgte dann die Bestätigung: MF Global ist pleite.

MF Global ist damit das prominenteste Opfer der Euro-Schuldenkrise in den USA. In Europa ist es bislang die belgisch-französische Großbank Dexia. MF Global scheiterte mit Spekulationen am Euro-Markt – die Rede ist von 6,3 Milliarden US-Dollar an Euro-Staatsanleihen, die drastisch an Wert verloren haben. Diese führten nicht nur zu hohen Verlusten sondern beschädigten das Kundengeschäft der Firma. Ein Broker wie MF Global vermittelt Wertpapiergeschäfte. Wenn die Bank A etwa eine Anleihe verkaufen will, übernimmt MF Global diese, um sie in einem nächsten Schritt an Bank B weiterzuverkaufen. Bank A muss dabei genügend Vertrauen in die Fähigkeit von MF Global haben, ihr nach Abschluss der Transaktion den Verkaufserlös auch überweisen zu können. Dieses Vertrauen schwindet, wenn Ratingagenturen die Bonität einer Firma oder deren Anleihen auf „Ramsch“ hinunterstufen. Medienberichten zufolge haben sich einige Kunden bereits Ende vergangener Woche abgewandt.


Erinnerungen an den Kollaps von Lehman Brothers werden wach

MF Global ist außerhalb der Wall Street kaum bekannt, hat sich innerhalb der Finanzwelt aber einen Namen gemacht: Die Firma wickelt etwa für Hedge-Fonds deren Geschäfte mit Aktien, Anleihen, Währungen, Derivaten oder Rohstoffen ab. MF Global hat knapp 2.900 Mitarbeiter.

Panische Marktteilnehmer hatten bis zuletzt versucht, sich Rat zu holen. Dick Bove, Bankenanalyst bei Rochedale Securities, berichtete von Kunden, die wissen wollten, ob sie ihr Geld bei MF Global nicht abziehen sollten. „Solche Anrufe hatte ich seit Lehman Brothers nicht mehr“, sagte er in Anspielung auf die chaotischen Tage vor dem Kollaps der Investmentbank im September 2008. Auch Lehman Brothers brach damals letztlich deswegen zusammen, weil Kunden ihr Vertrauen in die Bank verloren und ihre Gelder abzogen.

Um liquide zu bleiben hatte MF Global Anfang vergangener Woche eine Kreditlinie von 1,3 Milliarden Dollar bei Banken voll ausgeschöpft. Damals sprach Chef Corzine noch davon, die Umwandlung von MF Global in eine echte Investmentbank sei nur aufgeschoben. Im Laufe der Woche hieß es in Medienberichten dann, MF Global verkaufe seine Euro-Anleihen zu großen Abschlägen, um liquide zu bleiben.

Wenig später wurde bekannt, dass es jetzt ums Ganze geht. Medienberichten zufolge heuerte Corzine die Investmentbank Evercore an, um einen Verkauf von Teilen oder sogar der ganzen Firma zu prüfen. Eine Sprecherin von MF Global äußerte sich nicht dazu.

Wie Nachrichtenagenturen berichten, steht MF Global mit einem guten Dutzend Banken, darunter der Deutschen Bank, Barclays, Goldman Sachs und Macquarie in Verhandlungen über einen Notverkauf. US-Medien zufolge könnten auch der Private Equity Fonds KKR sowie der Finanzriese State Street Interesse haben. Keiner der genannten Verhandlungspartner will dies kommentieren.

Mit dem Antrag auf „Chapter 11“ des US-Insolvenzrechts strebt das Unternehmen nun einen zeitlich begrenzten Schutz vor seinen Gläubigern an, um sich Luft für eine Sanierung zu verschaffen. Der Wert der sich im freien Fall befindlichen Papiere wird eingefroren. Dadurch erhalten Kaufinteressenten die Möglichkeit, sich ein klareres Bild vom Zustand des Unternehmens zu machen. Die meisten Markteilnehmer rechneten damit, dass die Insolvenz keine hohen Wellen schlägt. Trotzdem fühlte sich Michael Epstein von CRG Partners an die Lehman-Pleite erinnert: „In gewisser Hinsicht handelt es sich um Baby-Lehman.“

In Zahlen lassen sich die beiden Fälle kaum vergleichen. Als Lehman auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 zusammenbrach, führte die Bank Vermögenswerte in Höhe von 639 Milliarden Dollar in ihrer Bilanz. Bei MF Global sind es „nur“ etwa 41 Milliarden, aber immer noch mehr als der Autobauer Chrysler 2009 bei seiner Insolvenz in den Büchern hatte.

mit dpa, Reuters.


Quelle:  Handelsblatt Online
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