Milchpreis-Verfall: Wie die Börse die Milchbauern retten könnten

Milchpreis-Verfall: Wie die Börse die Milchbauern retten könnten

, aktualisiert 26. Oktober 2016, 16:37 Uhr
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Der Deutsche Bauernverband sieht in Termingeschäften eine mögliche Lösung für die Preiskrise auf dem Milchmarkt.

Quelle:Handelsblatt Online

Landwirte in ganz Europa ächzen unter dem Milchpreis-Verfall. Der Deutsche Bauernverband bringt nun eine neue Idee ins Spiel, um die Existenzängste zu mildern: Milch soll wie Getreide an Terminbörsen gehandelt werden.

BerlinBillige Milch freut die Kunden im Supermarkt, doch viele Bauern bangen wegen des anhaltenden Preistiefs um ihre Existenz. Nun gibt es einen neuen Vorschlag, um Stabilität in den Milchmarkt zu bekommen: Der Deutsche Bauernverband (DBV) setzt sich für einen groß angelegten Handel mit Rohmilch über Terminbörsen ein, den es etwa für Getreide seit langem gibt. Es gebe gute Chancen, den Preisverfall abzuschwächen, wenn sich die Unsicherheit über künftige Preise durch feste Terminkontrakte senken lässt, heißt es.

Trotz leichter Erholung hatten die Landwirte zuletzt im Schnitt 23 Cent je Liter erhalten. Um die Kosten zu decken, gelten mindestens 35 Cent als erforderlich. Neben der schwachen Nachfrage aus China und einem hohen Angebot aus den USA und Neuseeland macht Russlands Importstopp für westliche Lebensmittel den Bauern zu schaffen.

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Im Jahr 2015 ist der durchschnittliche Milchpreis weltweit um 33 Prozent zurückgegangen, wie aus dem IFCN Dairy Report 2016 hervorgeht – es war das schlimmste Jahr für viele Erzeuger seit Jahrzehnten. „Wir befinden uns gerade in der dritten Milchpreiskrise seit 2007“, betont IFCN-Geschäftsführer Torsten Hemme. Über drei Viertel der Milchbauern in Westeuropa, Nordamerika und Ozeanien konnten ihre Kosten nicht decken.

Der Terminhandel soll nun die Märkte stabilisieren. Bei einem Symposium zur Preisgestaltung hatte der Bauernverband zuletzt kritisiert, dass der deutsche Milchsektor im internationalen Vergleich in diesem Bereich hinterherhinke. „Auch wenn nur eine Handvoll Teilnehmer dabei ist, wäre das sinnvoll“, meint Commerzbank-Rohstoffanalyst Eugen Weinberg. „Es würde Transparenz schaffen.“ Seiner Ansicht nach würden nicht einzelne Bauern in das Termingeschäft einsteigen, sondern eher größere Molkereien oder Genossenschaften. „Diese könnten Preisvorteile dann an die Landwirte weitergeben“, heißt es aus der Verbandszentrale in Berlin.

Auch Sebastian Hess, Professor am Lehrstuhl für Ökonomie der Milch- und Ernährungswirtschaft der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, hält die Preisabsicherung über Terminkontrakte für sinnvoll: „Für kleinere Betriebe wären Sammelkontrakte, die Molkereien oder Genossenschaften anbieten, eine gute Lösung.“ In größeren Betrieben mit mehreren Angestellten und höheren Fremdkapitalquoten plädiert er aber für ein Umdenken: „In Deutschland sind es die Landwirte gewohnt, dass das Milchgeld gezahlt wird. Sie halten die Preise mitunter noch für ein rein politisches Problem, was sich aus dem jahrzehntelangen Milchmarkt-Dirigismus erklären mag.“

Doch das individuelle Risikomanagement werde für sie immer wichtiger. In Ländern wie den USA handeln auch die Bauern in den einzelnen Betrieben schon länger mit Milch: „Das liegt zum einen an den im Schnitt deutlich größeren Betrieben. Zum anderen ist die Einstellung dort eine andere: Die Produzenten sehen sich nicht nur als Lieferanten, sondern auch als Vermarkter ihrer Milch.“

Die Hoffnung ist daher auch, dass mit dem Terminhandel die Politik in Deutschland entlastet wird. Die große Koalition hat den Milchbauern ein „Maßnahmenpaket“ inklusive Bürgschaftsprogramm, Steuerentlastungen und aufgestockten Hilfen zugesagt, das noch in diesem Jahr beschlossen werden soll. Das Unterstützungspaket für die Landwirtschaft setze ein gutes Signal in die richtige Richtung, meinte der Präsident des Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) hatte jedoch bereits im Juli Erwartungen an eine rein politische Lösung nach dem Ende der EU-Milchquote gedämpft.


Mehr Planungssicherheit – oder eher eine Gefahr?

Die Milchkrise solle daher als Chance für Veränderungen im Milchsektor begriffen werden, heißt es beim Bauernverband. Der Terminhandel könnte zu mehr Planungssicherheit beitragen: Denn anders als im Wirtschaftsleben oft üblich, folgen Bezahlung und Lieferung dann nicht sofort bei Vertragsschluss. Stattdessen liegt die Abwicklung des Handels dann in der Zukunft – zum Teil zu schon heute vereinbarten Konditionen. Käufer und Verkäufer einigen sich also auf eine Umsetzung „per Termin“. Landwirte machen sich dieses Grundprinzip schon seit Jahrhunderten zunutze.

Im Gegensatz zur Milch gibt es für viele Rohstoffe seit langem Börsen, an denen Tag pro Tag Milliardenumsätze anfallen. Terminkontrakte werden unter anderem mit Metallen, Kohle und Erdöl gehandelt. Kupfer und Zink werden beispielsweise an der London Metal Exchange gehandelt. Die Energiekonzerne verkaufen zudem riesige Mengen Strom über Terminbörsen, um schon Jahre im Voraus mit der Preisentwicklung kalkulieren zu können. Agrargüter wie Getreide, Zucker oder Baumwolle werden vor allem in Chicago und Paris gehandelt. Großhändler und Verarbeiter versuchen dort, sich mit Vorverträgen Teile künftiger Ernten zu sichern. Der Bauernverband schlägt für Milch nun Ähnliches vor.

Termingeschäfte sind eine Spekulation auf die Preisentwicklung: Wenn die Möglichkeit größerer Schwankungen besteht, kann es sich lohnen, auf den künftigen, noch unbekannten Preis zu setzen. Ziel ist es, beim Liefertermin Gewinn aus der Differenz zu ziehen. Bauern oder ihre Genossenschaften könnten also dann ein gutes Geschäft machen, wenn sie sich einen aktuellen Preis für die Zukunft sichern – und die Preise später in den Keller gehen.

Allerdings gibt es auch Gefahren: Sollten die Preise später unerwartet steigen, müssen Landwirte auf dieses Plus in diesen Fällen verzichten – und könnten auch Verluste einfahren. Darüber hinaus können unerwartete Schocks wie Missernten den Terminpreis platzen lassen. Auch dann drohen Verluste.

Und Skeptiker weisen auf möglichen Missbrauch durch Insiderspekulationen oder Leerverkäufe hin. Aus der Sicht mancher Beobachter mutet es zudem zynisch an, mit Wetten auf den Wert von Nahrungsmitteln Geld zu verdienen. Einige Banken haben das Geschäft daher an den Nagel gehängt.

Spekulation ist aber nicht immer etwas Schlechtes. Zumindest bei realen Gütern kann sie unter anderem dann stabilisierend wirken, wenn etwa nach der Ernte ein Teil des Angebots durch Lagerung verknappt und die Erzeugerpreise so gefestigt werden. Es komme also immer auf die Umstände an, betont Weinberg von der Commerzbank: Als Grundmechanismus sei Spekulation wichtig. Instabilität kann sie aus Sicht vieler Ökonomen dagegen vor allem bei Finanzprodukten auslösen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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