Mythos oder Wahrheit?: Die Deutschen sparen sich ärmer

Mythos oder Wahrheit?: Die Deutschen sparen sich ärmer

, aktualisiert 31. Januar 2017, 15:09 Uhr
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Die Deutschen sparen viel, aber legen ihr Geld nicht gut an.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Die Inflation in der Euro-Zone zieht kräftig an, doch die Zinsen bleiben niedrig. Für Sparer ist das ein Problem: Ihr Vermögen ist langfristig weniger wert. Zudem haben sie einen wichtigen Verbündeten verloren.

DüsseldorfDie Zinsen sind zwar mehr oder weniger abgeschafft, doch die Deutschen bunkern ihre Billionen weiterhin lieber auf Sparkonten. Das halten sie für sicher, im Gegensatz zur Börse. Dort können die Kurse schließlich massiv schwanken. Eine besonders kluge Anlageentscheidung ist das nicht, auch wenn der Reichtum der Bundesbürger auf dem Papier steigt.

Dabei heißt es doch oftmals: „Die Deutschen sparen sich ärmer.“ Ein Mythos oder Wahrheit? Geht das überhaupt? Leider ja. Nämlich eben dann, wenn die Inflation ins Spiel kommt.

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Ulrich Kater bringt das Problem auf den Punkt: „Wenn die Deutschen sparen, dann meinen sie, mit dem Einzahlen aufs Sparkonto sei der Job getan“, sagt der Chefvolkswirt der Dekabank. „Das war schon falsch zu Zeiten, als es noch Zinsen gab.“ Denn der Sparer gibt sich gern mit Zinsen zufrieden, ohne danach zu fragen, ob sie denn höher sind als die Inflation. Denn erst dann bleibt das Kapital erhalten. „Schwindende Kaufkraft der Ersparnis – die Fachleute sagen: ein negativer Realzins – gab es bereits oft in den letzten Jahrzehnten“, so Kater.

In den vergangenen Jahren hieß es häufig, die niedrigen Zinsen seien kein allzu großes Problem, weil die Inflation ebenfalls homöopathisch dosiert war. Doch das hat sich mittlerweile geändert. Die Inflation steigt, in Deutschland so stark wie seit Juli 2013 nicht mehr. Im Januar legten die Verbraucherpreise um 1,9 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Daten am Montag mitteilte. Im Dezember lag die Teuerungsrate noch bei 1,7 Prozent. Insbesondere der anziehende Ölpreis sorgte dafür, dass sich die Lebenshaltungskosten hierzulande erhöhten. Auch Nahrungsmittel erwiesen sich als Kostentreiber.

„Die Zeit der niedrigen Inflationsraten ist in Deutschland passé“, ist Ulrike Kastens, stellvertretende Leiterin Volkswirtschaft von Sal. Oppenheim, überzeugt. „Der höhere Ölpreis wird die deutsche Inflationsrate auch in den kommenden Monaten weiter über die Zwei-Prozent-Marke katapultieren.“ Doch dies seien nur temporäre Effekte, denn trotz guter Konjunktur und Lohnsteigerungen sei der Preiswettbewerb in Deutschland sehr hoch, was den Preisauftrieb generell begrenzen würde. Für das Gesamtjahr rechnet die Expertin zwar mit einer Inflationsrate von 1,8 Prozent, eine weitere Beschleunigung darüber hinaus prognostiziert sie aber nicht.

Die Europäische Zentralbank strebt mittelfristig eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent in den Staaten der Währungsgemeinschaft an. Dass der Wert nun in der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone annähernd erreicht wurde, ist Wasser auf die Mühlen der Gegner einer lockeren Geldpolitik. Bundesbankchef Jens Weidmann hat mit Blick auf die anziehende Teuerungsrate bereits laut über eine Abkehr von der laxen geldpolitischen Linie der EZB nachgedacht. Die EZB will damit die Konjunktur beflügeln und die unerwünscht niedrige Inflationsrate nach oben treiben.

Die Verbraucherpreise im Euro-Raum sind zum Jahresstart auf Grund gestiegener Energiekosten so stark nach oben geschnellt wie seit rund vier Jahren nicht mehr. Im Januar kosteten Waren und Dienstleistungen im Schnitt 1,8 Prozent mehr als vor Jahresfrist, wie das Statistikamt Eurostat am Dienstag mitteilte. Hauptgrund des Anstiegs waren die Energiepreise, die um kräftige 8,1 Prozent zulegten. Das Opec-Kartell und andere Förderländer hatten sich auf eine Produktionskürzung geeinigt, wodurch der Rohölpreis anzog. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 3,3 Prozent, Dienstleistungen um 1,2 Prozent.


Das Wohlstandsniveau schmilzt

Die Inflation ist also zurück, doch die Zinsen sind nach wie vor bei null, und daran dürfte sich in absehbarer Zeit im Euro-Raum auch nichts ändern, allen kritischen Stimmen zum Trotz. Das ist für Anleger noch aus einem anderen Grund problematisch. „Dem Sparer ist mit dem Zinseszins sein bester Verbündeter verlorengegangen“, sagt Thomas Richter, Geschäftsführer des Fondsverbandes BVI. „Die Folge: Die Deutschen sparen sich tatsächlich gerade ärmer – das Wohlstandsniveau schmilzt. Gegen die Erosion des Geldvermögens kann – und muss – etwas unternommen werden.“

Das heißt aber natürlich nicht, dass die Deutschen ihre Sparquote runterfahren sollen. Jahr für Jahr legen die Bundesbürger etwa einen Zehntel ihres Geldes zurück. Das kann sich im internationalen Vergleich sehen lassen und ist auch gut so. „Sparen ist grundsätzlich keine schlechte Angewohnheit“, sagt Commerzbank-Chefanlagestratege Chris-Oliver Schickentanz. Viele Krisen in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte seien dadurch entstanden, dass nicht gespart, sondern schuldenfinanziert investiert worden sei. „Wir müssen nur lernen, ‚anders‘ zu sparen als bisher. Der Wertpapier-Sparplan ist in Zeiten niedriger Zinsen das bessere Instrument als Tagesgeld oder Sparbuch.“

Zwar steigt das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland, aber leider immer langsamer. Die Bundesbürger verschenken Rendite. Berechnungen der DZ Bank zufolge ist das Geldvermögen im vergangenen Jahr um rund 230 Milliarden Euro auf 5,7 Billionen Euro gestiegen - ein Plus von 4,1 Prozent. Doch im Jahr zuvor war es noch ein Plus von 4,8 Prozent. Ein Trend, den es doch renditestärkere Anlageklassen aufzuhalten gilt.

Doch die deutschen Privatanleger meiden Aktien. Im internationalen Vergleich sind sie eher risikoscheu. Nur gut neun Millionen Aktionäre und Aktienfondsbesitzer zählt das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Das sind rund 14 Prozent der Bevölkerung. Alle anderen lassen die Finger von dieser Anlageform. Zu riskant oder/und nur was für Profis lautet das allgemeine Vorurteil. Doch langfristig sind Aktien die renditestärkste Anlageklasse überhaupt. Das hat sogar die Bundesbank höchstamtlich in einem ihrer Monatsberichte festgestellt.

Viel Überzeugungsarbeit, die noch getan werden muss. BVI-Experte Richter sieht neben Produktanbietern und Vertrieben auch die Politik in der Verantwortung, um sinnvolleres Sparen zu fördern. „Nur gemeinsam kann es gelingen, das Sparen in Deutschland so auszurichten, dass es der Wohlstandssicherung dient“, ist er überzeugt. „Die Politik sollte der Gefährdung des Wohlstands nicht länger zuschauen.“


Bequeme, aber keine cleveren Sparer

Statt über die Finanztransaktionssteuer oder die Abschaffung der Abgeltungsteuer und damit zusätzliche Belastungen der Sparer zu diskutieren, böte es sich an, die regulatorischen Hindernisse für das Sparen in Substanzwerten zu beseitigen. „Andere Länder fördern das Wertpapier- beziehungsweise Aktiensparen, Deutschland benachteiligt es.“ So würden Dividenden mit Körperschaft-, Gewerbe- und Abgeltungsteuer insgesamt mit rund 50 Prozent belastet.

Die deutsche Politik würde sogar Fehlanreize setzen. „Im Wettbewerb der Finanzprodukte gibt es ein Regulierungsgefälle, das eine Lenkungswirkung weg vom Wertpapier und hin zu anderen – zumeist zinsbasierten – Anlageprodukten hat“, sagt er. „Künftige Regulierung muss daher berücksichtigen, wie das Sparen in Anlageformen gelenkt werden kann, die der Verbraucher zur Sicherung seines Wohlstands einsetzen kann.“

Und dazu gehören eben auch Aktien. Doch die Deutschen lassen ihr Erspartes lieber unverzinst auf Sparkonten liegen. Dekabank-Chefvolkswirt Kater fasst es zusammen: „Die Deutsche sind bequeme Sparer, aber keine cleveren Sparer.“ Im Grunde sparen sich die Deutschen also sehr wohl ärmer. Auch wenn der Kontostand wächst, knabbert die Inflation an der Kaufkraft. „Das einzige Gegenmittel dagegen war in der Vergangenheit das Langzeitsparen in Wertpapieren“, sagt Kater.

Das sieht Thomas Richter ähnlich. Wenig überraschend empfiehlt der Fonds-Lobbyist Investmentfonds als Lösung. „Sie bieten wie kein anderes Produkt die Möglichkeit, renditestarke Anlagen wie Aktien mit anderen Anlageklassen wie Anleihen oder Immobilien zu mischen und damit das Risiko zu streuen“, sagt er. „Es gibt nicht das eine Produkt, das für alle Anleger passt. Der Mix macht’s.“ Und zu dem gehören eben nicht nur Sparprodukte.

Quelle:  Handelsblatt Online
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