Deutsche Börse nimmt Abstand von klassischen Fusionen

Nach LSE-Debakel: Deutsche Börse nimmt Abstand von klassischen Fusionen

, aktualisiert 27. April 2017, 16:52 Uhr
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Blick in den Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt am Main (Hessen).

Der Zusammenschluss mit der London Stock Exchange (LSE) scheiterte kläglich. Von klassischen Börsen-Zusammenschlüssen will der Konzern daher nun lieber absehen und hat stattdessen andere Investitionsfelder im Blick.

Die Deutsche Börse will nach dem gescheiterten Zusammenschluss mit der London Stock Exchange (LSE) künftig die Finger von solchen Deals lassen. "Wir haben gelernt, dass Konsolidierung im Kerngeschäft der Börsen etwas schwierig ist und politisch nicht unterstützt wird", sagte Deutsche-Börse-Finanzchef Gregor Pottmeyer am Donnerstag. Deshalb müsse sich der Konzern in anderen Bereichen nach Zukaufsmöglichkeiten umsehen - etwa im Geschäft mit Indizes, Währungen und Rohstoffen. Fürs erste will Deutschlands größter Börsenbetreiber seine Eigentümer jedoch mit einem 200 Millionen Euro schweren Aktienrückkauf bei der Stange halten.

Bei Investoren kam das gut an. Deutsche-Börse-Aktien legten in der Spitze 4,5 Prozent auf 91,22 Euro zu - der höchste Stand seit neun Jahren. Innerhalb des Unternehmens sehen einige den Kurs des Vorstands aber kritisch, zumal von den Mitarbeitern parallel weitere Sparanstrengungen gefordert werden und etliche strategische Projekte auf Eis gelegt wurden.

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Die EU-Kommission hatte die gut 25 Milliarden schwere Fusion mit der LSE Ende März untersagt. Es war bereits der fünfte Versuch, einen deutsch-britischen Börsengiganten zu schaffen. Offiziell wurde der Deal Fusion aus Wettbewerbsgründen abgesagt. Der wahre Grund war Insidern zufolge jedoch der Streit über die Ansiedlung der Mega-Börse nach dem Brexit.

Stimmrechtsberater Glass Lewis gegen Entlastung von Deutsche-Börse-Management

Angesichts der Ermittlungen gegen Börsenchef Kengeter empfiehlt der Stimmrechtsberater Glass Lewis, dem Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Börse die Entlastung zu verweigern.

Carsten Kengeter, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Börse AG Quelle: dpa

"Sehr offen etwas neues zu machen"

Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter hat bereits deutlich gemacht, dass er derzeit keine andere Großfusion in Angriff nehmen will. Konzerninsider gehen davon aus, dass er stattdessen das Angebot in einzelnen Geschäftsbereichen ausbauen und kleinere Zukäufe stemmen will. Große Würfe seien nicht zu erwarten. Bisher ist offen, wann Kengeter Details der künftigen Ausrichtung vorstellt. Finanzchef Pottmeyer kündigte an, Investoren am 14. Juni bei einer Veranstaltung in London Details zu bestehenden und neue Wachstumsmöglichkeiten zu präsentieren.

Bei Übernahmen sei das Unternehmen besonders im Geschäft mit Indizes und Marktdaten "sehr offen, etwas zu machen", sagte Pottmeyer. Grundsätzlich könne sich Deutschlands größter Börsenbetreiber Übernahmen mit eigenen Mitteln vorstellen, aber auch Gemeinschaftsunternehmen seien denkbar.

"Eine Ausschüttung aus der Substanz"

Vorstandschef Kengeter steht vor der Hauptversammlung am 17. Mai unter Druck. Viele Investoren sind der Ansicht, der ehemalige Investmentbanker habe den Zusammenschluss mit der LSE unzureichend vorbereitet. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den 50-Jährigen wegen des Verdachts auf Insider-Handel.

Carsten Kengeter Kengeter will Deutsche-Börse-Chef bleiben

Nach der gescheiterten Fusion von Deutscher Börse und LSE und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Insiderhandels ist Carsten Kengeter angeschlagen. Chef der Deutschen Börse will er trotzdem bleiben.

Carsten Kengeter Quelle: REUTERS

Rund drei Wochen vor dem Aktionärstreffen bekam Kengeter allerdings Rückendeckung vom einflussreichen Aktionärsberater ISS. Die US-Firma sprach sich im Gegensatz zu ihrem kleineren Konkurrenten Glass Lewis für eine Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat aus. Zudem baute das Unternehmen seinen Gewinn im ersten Quartal deutlich aus.

Mit dem Aktienrückkauf will die Deutsche Börse ihre Eigner nach eigenem Bekunden auf ausgewogene Weise an den Einnahmen aus dem Verkauf der US-Optionsbörse International Securities Exchange (ISE) beteiligen. Der Konzern hatte die schwächelnde Tochter im vergangenen Sommer für 1,1 Milliarden Dollar an den Konkurrenten Nasdaq losgeschlagen. Das übrige Geld soll für organisches Wachstum und Zukäufe verwendet werden.

Einige Unternehmensinsider sehen es kritisch, dass die Deutsche Börse neben einer Dividende von 439 Millionen Euro nun auch noch Aktien für 200 Millionen Euro zurückkauft. "Das ist eine Ausschüttung aus der Substanz", sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Er verwies darauf, dass die Deutsche Börse nach dem Kauf der ISE im Jahr 2007 für knapp drei Milliarden Dollar noch immer Schulden vor sich herschiebt, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. 2012 begab das Unternehmen eine 600 Millionen Euro schwere Anleihe, um einen Teil der langfristigen Verbindlichkeiten von 1,5 Milliarden Euro zu refinanzieren. Dieser Bond läuft noch bis 2022.

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