Ökonom Daniel Stelter: "Der Wohlstand der Mittelschicht wird sinken"

InterviewÖkonom Daniel Stelter: "Der Wohlstand der Mittelschicht wird sinken"

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Das viele Notenbankgeld hat das Schuldenproblem nicht gelöst. Die Halter von Geldvermögen sind in jedem Fall die Gekniffenen, sagt Stelter.

von Stefan Hajek und Andreas Toller

Deutschland hat die Krisen seit 2008 kaum gespürt, wir leben in einer "Wohlfühlblase", sagt Daniel Stelter. Noch. Denn die Blase könnte bald platzen. Geld und Vermögen sind bedroht. Anleger sollten sich vorbereiten.

WirtschaftsWoche Online: Herr Stelter, der Dax ist noch immer nahe seinen Höchstkursen, die Beschäftigung ist so stark wie noch nie seit der Wiedervereinigung, die Steuereinnahmen sprudeln. Ihr neues Buch heißt „Eiszeit in der Weltwirtschaft“. Wenn das die Eiszeit ist, dann freuen wir uns schon auf den nächsten Boom nach ihrer Definition.

Daniel Stelter: Was Sie beschreiben ist ja nur eine Momentaufnahme, noch dazu eine unvollständige. In den meisten Ländern blühen Beschäftigung und Steuereinnahmen keineswegs. Ich bezeichne die Situation in Deutschland gerne als Wohlfühlblase: Deutschland hat in den vergangenen Jahren enorm von Sonderfaktoren profitiert, die verhindert haben, dass wir die Krise so schmerzlich zu spüren bekommen haben, wie beinahe alle Länder um uns herum. Diese Sonderfaktoren werden jedoch, wie der Name schon sagt, nicht für immer anhalten. Und dann wird die Krise auch hier zu Lande viel härter zuschlagen.

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Finanzmarktexperte Daniel Stelter schreibt jede Woche die Kolumne "Stelter strategisch" für WirtschaftsWoche Online

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Welche Sonderfaktoren haben uns denn unsere "Wohlfühlblase" beschert?

Vor allem der Boom der chinesischen Industrie, ohne den der Aufschwung der deutschen Exportbranchen nicht denkbar wäre. Chinas Wachstum ebbt bereits ab, und es gibt nichts, was es aus deutscher Sicht adäquat ersetzen könnte. Hinzu kommt: Derzeit arbeiten noch die geburtenstarken Jahrgänge; bald gehen die meisten dieser Babyboomer, die 1950 bis 1965 geboren sind, in Rente und zahlen netto nichts mehr in die Sozialsysteme ein, sondern nehmen heraus. Außerdem konsumiert eine überalterte Bevölkerung erfahrungsgemäß weniger als eine jüngere. Die Demografie wird durch die Flüchtlinge zwar etwas entschärft, dürfte aber nach wie vor zu extremen Problemen führen. Und schließlich sind die Ursachen, die 2008 zum Beinahe-Kollaps der Weltwirtschaft geführt haben, alles andere als beseitigt; sie sind im Gegenteil sogar noch schlimmer geworden.

Zur Person

  • Daniel Stelter

    Daniel Stelter war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Seit 2007 berät Stelter internationale Unternehmen zu den Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Zusammen mit David Rhodes verfasste er das 2010 preisgekrönte Buch „Nach der Krise ist vor dem Aufschwung“. Weitere Bücher folgten, so eine Replik auf das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty unter dem Titel „Die Schulden im 21. Jahrhundert“. Im Februar 2016 erschien sein neues Buch, „ Eiszeit in der Weltwirtschaft“. Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums „Beyond the Obvious“, das Antworten auf die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen unserer Zeit sucht.

Welche Krisenursachen sind das?

Die weltweite Verschuldung – und zwar nicht nur die der Staaten, auf die die Schuldenproblematik ja meistens reduziert wird, sondern die Gesamtverschuldung der meisten Volkswirtschaften – ist seit 2008 weiter gewachsen. Das sind die Schulden der Staaten, Unternehmen und der Privatleute zusammen. Sie liegen in fast allen Ländern heute höher als 2008. In den USA lag die Gesamtverschuldung Ende 2014, mehr als sechs Jahre nach Beginn der Krise, bei rund 235 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung, in Deutschland bei 183 Prozent und in Japan sogar bei 380 Prozent des jeweiligen BIP, also des Bruttoinlandsprodukts. Das sind Niveaus, die dauerhaft untragbar sind. Fast überall sind die Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung seit Beginn der Krise weiter gestiegen.

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Quelle: Getty Images

Mit derart hohen Verschuldungsquoten leben einige reiche Länder, etwa Japan, schon sehr lange. Warum sollten Sie jetzt plötzlich zum unkalkulierbaren Risiko werden?

Zunächst sind Schulden nicht per se etwas Schlechtes. Wenn sie in einem vernünftigen Rahmen bleiben, da würden wir aber von maximal 140 Prozent des BIP sprechen, und wenn sie produktiv eingesetzt werden, etwa durch Unternehmen oder den Staat für Zukunftsinvestitionen, sind Schulden sogar gut, weil sie wachstumssteigernd wirken.

Aber?

Aber die Kredite wurden in den vergangenen Jahren gegeben, um damit unproduktive Dinge zu finanzieren, zum Beispiel Immobilienblasen. Ein Beispiel: 1990 standen in Großbritannien Kredite in Höhe von etwa 25 Prozent des damaligen BIP an das produzierende Gewerbe aus, weitere Kredite in Höhe von 35 Prozent des BIP an Bau-, Hypotheken- und Konsumentenkrediten. Heute sind es noch immer 25 Prozent des BIP an Krediten für das produzierende Gewerbe, aber 100 Prozent an Immo- und Konsumkrediten. Auf gut Deutsch: wir finanzieren volkswirtschaftlich Unsinniges mit den wachsenden Schuldenbergen, und wir verkaufen uns gegenseitig mit dem geliehenen Geld bereits vorhandene Vermögenswerte zu immer höheren Preisen, hauptsächlich Immobilien. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sind immer mehr Schulden nötig, um damit ein bisschen Wachstum zu erzeugen.

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