Plattform für Privatanleger: Die zweifelhafte Erfolgsgeschichte von Tradegate

Plattform für Privatanleger: Die zweifelhafte Erfolgsgeschichte von Tradegate

, aktualisiert 17. Dezember 2014, 10:43 Uhr
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Viele Anlagemöglichkeiten sind inzwischen zu teuer oder unsicher. Da bleiben nur noch Aktien

von Annina Reimann

Tradegate bietet Anlegern nicht immer die besten Preise - dennoch stieg das Unternehmen zur größten Börse für Privatanleger auf. Zum Erfolg verhilft der Plattform ausgerechnet die Deutsche Börse, in dem sie ihre Anteile an der Wertpapierhandelsbank aufstockt.

Die Männer wirken erstarrt: Einer ist mit verschränkten Armen im Stuhl versunken, der andere hat sich hinter acht Monitoren verschanzt. Regungslos starren sie auf ihre Schirme. Drei Stühle weiter hockt ein Leidensgenosse, die Hände gefaltet. Allein: Beten hilft Hessens Maklern auf dem Börsenparkett nicht – es mangelt an Kundenaufträgen.

Die Ursache dieser Tristesse suchen Frankfurts Händler in Berlin: Dort, an der Börse Tradegate, hat der Bulle den Bären längst erlegt. Die Skulptur im Besucherraum signalisiert: Hier steigen Kurse, Tradegate ist auf der Gewinnerseite. Genau genommen ist es Gründer Holger Timm.

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Tradegate in Zahlen

  • 41 Milliarden...

    ...Euro im Jahr setzte Tradegate zuletzt mit Aktien um, vor allem aus Orders von Privaten.

  • 58 Prozent...

    ...Marktanteil hat Tradegate, mehr als die sieben Regionalbörsen zusammen.

  • 80 Prozent...

    ...der Aktien handelt Tradegate zunächst auf eigene Rechnung.

Dem 57-Jährigen gehört die Mehrheit der Bank Tradegate AG, die an der Börse Tradegate Exchange mit Aktien handelt. Gegen den Trend im Börsenhandel ist sein Umsatz massiv gewachsen. Der Aufsteiger hat sogar das altehrwürdige Frankfurter Parkett überholt: 2013 setzte er 41,2 Milliarden Euro mit Aktien um – 31 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Frankfurt schaffte nur 25 Milliarden Euro. „Den Neid muss man sich erarbeiten“, sagt Timm.

Nun hat er einen großen Plan: Mithilfe seines Partners Deutsche Börse will der grauhaarige Mann Europa erobern. „Ich möchte die Tradegate Exchange als führende europäische Börse für Privatanleger weiterentwickeln“, sagt er und lupft seine Hornbrille. Sein „Baby“ Tradegate ist bereits führend bei deutschen Privatanlegern und brüstet sich, dass der Marktanteil am Aktienhandel im Vergleich zu den sieben Wettbewerbsbörsen 2013 auf „bis zu 58 Prozent gestiegen“ sei. Nicht drin in der Rechnung ist das elektronische Handelssystem Xetra, auf dem sich Profis tummeln.

Timms Geschichte ist ein Lehrstück, ein Musterbeispiel dafür, wie ein findiger Geschäftsmann von der gut gemeinten, aber realitätsfernen Regulierung der Europäischen Union (EU) profitiert. Betroffen sind Kunden fast aller Banken – von Sparkassen und Volksbanken bis hin zur Postbank.

Wer wissen will, warum Timm an Privatanlegern verdient, muss zurückschauen. Weil die EU Anleger schützen wollte, dokterte sie jahrelang an vermeintlich strengen Regeln für die Finanzmärkte herum – heraus kam die Regulierung Mifid. Die EU verdonnerte Banken dazu, Kundenaufträge („Orders“) zu den „bestmöglichen“ Konditionen auszuführen. Gibt der Kunde nicht vor, wo er handeln will – bei Volks- und Raiffeisenbanken ist das bei jedem dritten Auftrag so – entscheidet die Bank.

Was Tradegate-Anleger wissen müssen

  • Stopps sparsam setzen

    Morgens und abends weitet Tradegate die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis aus – die Gefahr steigt, dass Stop-Loss-Limits, bei denen Aktien automatisch verkauft werden, ausgelöst werden. Der Kurs geht kurz nach unten, die Aktien sind dann weg.

  • Nur mit Limit kaufen

    Wer dem Makler keinen Kauf- oder Verkaufspreis per Limit vorgibt, läuft Gefahr, dass Tradegate die Order zu einem ungünstigen Preis ausführt.

  • Nicht abends handeln

    Wenn die Handelsplattform Xetra geschlossen ist (vor 9 und nach 17.30 Uhr), steigt das Risiko, einen ungünstigen Kurs zu bekommen. Denn dann gibt es keinen liquiden Markt mehr.

Nur theoretisch bester Preis

Timm profitiert von den Schwächen der Vorschrift: So müssen Banken nur sicherstellen, dass ein Auftrag zum theoretisch besten Preis ausgeführt wird. Laut Vorgabe sei es „nicht entscheidend“, welchen Preis ein einzelner Auftrag erziele, sondern „ob das Verfahren typischerweise zum bestmöglichen Ergebnis“ führe, sagt Thomas Dierkes, Vorstand der Börse Düsseldorf. Jedes Mal zu prüfen, wo es in der Minute den besten Preis gibt, ist teuer und aufwendig.

Banken machen daher Stichproben: Wo ist der Preis am günstigsten, wie hoch sind Gebühren, wie schnell wird eine Order abgewickelt? Auf Basis der Tests wird eine Rangliste erstellt. Die Börse, die oben steht, kriegt alle Aufträge – oft ist es Tradegate.

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3 Kommentare zu Plattform für Privatanleger: Die zweifelhafte Erfolgsgeschichte von Tradegate

  • Interessant ist §5 der Tradegate-Geschäftsbedingungen:

    "Zur Vermeidung von wirtschaftlich nicht sinnvollen Teilausführungen wird eine Order, die ein Ordervolumen aufweist, das nicht größer ist als das zum Zeitpunkt des Eintreffens der Order im elektronischen Handelssystem der Börse im Rahmen der Vorhandelstransparenz veröffentlichte auf der Gegenseite der Order handelbare Volumen, automatisch von dem elektronischen Handelssystem der Börse mit dem Orderzusatz „AON (all or none)“ als Ausführungsweisung versehen."

    Was bedeutet das in der Praxis? Tradegate hat für einen Nebenwert das größte tägliche Handelsvolumen. Auf der Geldseite liegen 1000 Aktien zu 10,0 EUR, auf der Briefseite liegen 1000 Aktien zu 11 EUR. Ich möchte 500 Aktien kaufen und limitiere zu 10,50 EUR tagesgültig. Am Ende des Tages konnte meine Order nicht ausgeführt werden, obwohl ein Umsatz von 400 Aktien zu 10,20 EUR zustandekam.

    Meine Order wurde aufgrund von §5 automatisch auf AON gesetzt. Tatsächlich wäre es sowohl in meinem Interesse gewesen, die 400 Aktien zu 10,20 EUR zu kaufen, als auch im Interesse des Verkäufers für diese Aktien nicht nur 10,20 EUR sondern von mir 10,50 EUR zu bekommen. Mein Fazit: Nie wieder Tradegate, auch wenn dort für eine Aktie das größte tägliche Handelsvolumen liegt.

  • Beispiel aus der Praxis:
    Ein Stopp-Loss wird von Tradegate über Nacht, weil noch drüber, gebunkert.
    Am nächsten Morgen wird der Kurs der Aktie extrem gedrückt und damit wird der Stopp-Loss aktiv und zugunsten Tradegate und zum Schaden des Kunden umgesetzt. Bis zum Eröffnungszeitpunkt von XETRA wird der Kurs dann wieder langsam angepasst.
    Tradegate hat auf eigene Rechnung niedrigst gekauft und zu hohen, realistischen Kursen wieder verkauft.
    Merke: Wickle nur Geschäfte zu Zeiten ab, in denen auch XETRA geöffnet hat.
    Never, never ever ein STOPP-LOSS über Tradegate, weil dann der Selbstbedienungsladen zulasten des Kunden geöffnet wird.

  • Aufgrund rezenter eigener Erfahrung kann ich nur unterstreichen bei Tradegate Orders nur mit einem Limit zu platzieren. Leider habe ich diesen Artikel zu spaet gesucht und gefunden, nachdem ich festgestellt hatte, dass mein Ankauf des DekaLux Europa TF mit beinahe 80 Cent (ca. 1% des Kurses !) hoeher erfolgte, als ich vorher bei einer Information zum aktuellen Kurs auf dem Internet gefunden hatte und dieser Kurs auch weitgehend unveraendert ueber den weiteren Tagesverlauf bestehen blieb.
    Fazit (auch aufgrund der anderen Kommentare): Man sollte sich ausreichend ueber Tradegate informieren, bevor man diese Handelsplattform benutzt.

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