Riedls Dax-Radar: Aktienmärkte mit russischem Risiko

kolumneRiedls Dax-Radar: Aktienmärkte mit russischem Risiko

Kolumne von Anton Riedl

Die Gefahr einer neuen Eiszeit im großpolitischen Szenario bringt die Aktienmärkte mächtig unter Druck. Wie groß ist das neue Risiko, das sich aus den Turbulenzen um die Ukraine und ihren geopolitischen Verwicklungen ergibt, für die Börsen wirklich?

Seitdem Putin seine Truppen in Bewegung setzte, seitdem müssen die Märkte wieder mit dem politischen Risiko rechnen. Wirtschaftsdaten, Hausbauzahlen, Arbeitslosigkeitsstatistik, ja selbst die gefürchtete Inflation/Deflations-Debatte verblassen dagegen.

Wie groß ist das neue Risiko, das sich aus den Turbulenzen um die Ukraine und ihren geopolitischen Verwicklungen ergibt, für die Börsen wirklich?

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Natürlich, sicher beantworten kann derzeit niemand diese Frage. Allein schon die Nachrichtenlage ist höchst heterogen. Als heute Morgen bekannt wurde, Putin würde Truppen wieder zurückziehen, die an der Grenze zur Ukraine ein Manöver abhielten, ging der Dax sofort deutlich hoch, Gold rutschte wieder unter 1340. Solche Reaktionen zeigen, dass die Lage an den Börsen höchst nervös ist.

Politische Börsen haben kurze Beine – ein alter Börsenspruch, der aber keineswegs immer stimmt. Denn wenn sich wirklich im Verhältnis zu Russland ein neuer, kalter Krieg (mit gelegentlichen Tendenzen zu einem heißen) entwickeln würde, wäre das ein völlig neues Szenario für die westlichen Wirtschaften. Nicht umsonst warnt EZB-Präsident Draghi davor, dass damit noch ganz andere Probleme entstehen würden als bei einer Schwellenländerkrise.

Moskau geht es schlicht um den eigenen Machtbereich

Allerdings, ob es nun gleich wirklich zu einer solchen großpolitischen Auseinandersetzung kommen muss, ist offen. Das Russland von heute ist nur noch ein Bruchteil der Sowjetunion (inklusive Ostblock) von damals. Von einem Gleichgewicht des Schreckens, wie es damals hieß, kann heute keine Rede mehr sein.

Chronologie - Dramatische Tage auf der Krim

  • Die Lage

    Schon lange ist die Krim zwischen Russen und Ukrainern umstritten. Seit dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch am 22. Februar haben sich die Spannungen auf der überwiegend von Russen bewohnten Schwarzmeer-Halbinsel dramatisch verschärft. Ein Rückblick:

  • 26. Februar

    Wenige Tage nach dem Umsturz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geraten auf der Krim Anhänger und Gegner einer Annäherung an Russland aneinander. Tausende Krimtataren demonstrieren gegen eine Abspaltung der autonomen Republik. Prorussische Demonstranten fordern die engere Anbindung an Moskau.

  • 27. Februar

    Bewaffnete besetzen Regionalparlament und Regierungsgebäude in der Hauptstadt Simferopol - um die russische Bevölkerung auf der Krim zu verteidigen, wie sie sagen. Das prorussische Krim-Parlament spricht sich für eine Volksbefragung über die Autonomie der Region im Mai aus und setzt die Regierung ab.

  • 28. Februar

    Eine bewaffnete prorussische Gruppe besetzt kurzzeitig den Flughafen der Hauptstadt. Das ukrainische Parlament appelliert an Moskau, alles zu unterlassen, was die territoriale Einheit des Landes gefährde. Nach ukrainischen Berichten sind auf der Krim russische Militärmaschinen mit rund 2000 Soldaten gelandet. Interimspräsident Alexander Turtschinow spricht von einer „militärischen Invasion“ unter dem Deckmantel einer Übung.

  • 1. März

    Der moskautreue neue Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow übernimmt vorübergehend die Befehlsgewalt und bittet Kremlchef Wladimir Putin um Beistand. Er zieht das Referendum über die Zukunft der Krim auf den 30. März vor. Die russische Staatsduma ruft Putin auf, der neuen Regierung auf der Krim Beistand beim Schutz der Bürger zu leisten. Die prorussische Krim-Regierung und die auf der Halbinsel stationierte russische Schwarzmeerflotte vereinbaren eine Zusammenarbeit bei der Sicherung der öffentlichen Ordnung. In mehreren russisch geprägten Städten der Schwarzmeer-Halbinsel gibt es Proteste gegen die Regierung in Kiew.

    Putin erklärt, Russland könne bei weiterer Gewalt gegen die russischsprachige Bevölkerung „nicht tatenlos zusehen“. In Kiew ordnet Interimspräsident Alexander Turtschinow die volle Kampfbereitschaft der ukrainischen Armee an und droht, eine Intervention Moskaus werde „der Beginn eines Krieges und das Ende aller Beziehungen sein“.

  • 2. März

    Das ukrainische Parlament, die Oberste Rada, berät in nicht-öffentlicher Sitzung über die heikle Lage. Die sieben führenden Industrienationen der Welt (G7) setzen alle Vorbereitungstreffen für den G8-Gipfel mit Russland im Juni in Sotschi aus. US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel werfen Russland vor, mit der Intervention auf der Krim gegen das Völkerrecht zu verstoßen.

  • 3. März

    Auf der Krim herrscht gespannte Ruhe. Russland lehnt die Entsendung einer Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) in die Ukraine ab. Außenminister Sergej Lawrow sagt, es gehe Moskau um die „Frage der Verteidigung unserer Bürger und Landsleute“. Die EU-Außenminister beraten bei einer Krisensitzung in Brüssel über die Lage auf der Krim.

Allerdings, weniger gefährlich ist die Auseinandersetzung deshalb nicht. Denn wie schon vergangene Woche an dieser Stelle geschrieben, werden die Machthaber im Kreml  nach 25 Jahren Rückzug jetzt keine Bastion mehr freiwillig räumen. Und während westliche Medien vor allem auf die Unabhängigkeitsbewegungen in den ehemaligen russischen Trabanten blicken, geht es Moskau vor allem um die politische Macht.

Diese beiden Sichtweisen sind jetzt kollidiert – und es wird Aufgabe der westlichen Diplomatie sein, die Unabhängigkeitsbewegungen in den Ländern einerseits nicht vor den Kopf zu stoßen, und andererseits nicht den großen Konflikt mit Russland zu suchen.

Politisch gibt es derzeit mehr Anzeichen dafür, dass die nächsten Monate zwar turbulent bleiben werden, dass die Westmächte (der alte Begriff passt durchaus wieder) aber eher auf Deeskalation setzen – jenseits politischer Rhetorik.

Und genau dieses Szenario wäre für die Börse eine Chance, den gesamten Konflikt einigermaßen zu überstehen.

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