Riedls Dax-Radar: Der Dax setzt auf Europa

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Einzelne europäische Werte werden abgestraft, aber insgesamt bleibt der Markt stabil

Kolumne von Anton Riedl

Solange die Europa-Entscheidung der Briten nicht feststeht, dürfte die Korrektur an den Aktienmärkten anhalten. Immerhin, der robuste Dax ist ein europafreundliches Vorzeichen.

Die Phase extrem niedriger Zinsen wird in Europa länger anhalten, als bisher gedacht. Man könnte sogar sagen, sie wird zum Dauerzustand. Denn die Schulden- und Konjunkturprobleme, die sich weiterhin abzeichnen, sind sicher nicht geeignet dafür, dass die EZB den Hebel umlegt.

Und zunächst einmal gibt sie Gas. Ab 8. Juni wird sie auch Unternehmensanleihen aufkaufen, monatlich im Volumen mehrerer Milliarden Euro. Es wird nur solide Anleihen treffen – aber genau darin liegt das Problem für Privatanleger: Die EZB wird dazu beitragen, dass auch noch die letzten einigermaßen rentablen Papiere unter den weniger riskanten Anleihen nichts mehr bringen.

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Schon heute gibt es von großen, starken Unternehmen selbst für mittlere Laufzeiten kaum noch mehr als ein Prozent. Wenn man da noch Gebühren und Steuern abzieht, bleibt selbst bei Null-Inflation nichts mehr übrig.

Immer noch besser, als mit dem Kauf von Bundesanleihen Geld zu verbrennen, mag man einwenden. Doch in der Praxis läuft es für die meisten Anleger anders: Auf der Suche nach den letzten, noch verbliebenen Prozenten gehen sie immer weiter ins Risiko.

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Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Quelle: Bloomberg

Wie gefährlich das für die Depots privater Anleger wirklich ist, dürfte sich erst in den nächsten Jahren erweisen. Denn sowohl bei vielen hochverzinslichen Anleihen von Unternehmen als auch von Staaten ist die Gefahr groß, dass die Zinsen gar nicht effektiv verdient werden – und die Tilgung nur durch die Aufnahme wieder neuer Schulden möglich ist. Die Risiken, die sich in den Depots auftürmen, werden damit nur vertagt.

Der Euro gerät in die Defensive

Ein wachsendes Systemrisiko kommt hinzu. In den vergangenen Monaten hat sich der Euro noch ziemlich gut behauptet – und die These, dass der Euro an den Märkten robuster sei, als ihn viele Kommentare erscheinen lassen, wurde auch hier an dieser Stelle vertreten.

Dennoch braut sich durch die immer stärker werdenden, divergierenden Kräfte in Europa etwas zusammen, das für den Euro kein Vorteil ist. Die antieuropäischen Tendenzen in Polen, Ungarn, Großbritannien und anderen Länder haben mittlerweile eine Dimension erreicht, die man nicht mehr als Extremismus abtun kann. Im Gegenteil: Noch nie seit der Gründung der EU waren die antieuropäischen Kräfte so stark wie heute.

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Der Abstimmung der Briten am 23. Juni über den Verbleib in der EU kommt damit eine besondere Bedeutung zu: Auch wenn Großbritannien immer eine Sonderrolle spielte, wenn es um Europa ging – sollte es zu einem deutlichen Votum gegen die EU kommen, drohen erhebliche negative Folgen für Wirtschaft, Währung und Kapitalmärkte.

Kein Anleger sollte vergessen, dass der gesamte Wirtschaftsanstieg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg untrennbar mit dem europäischen Einigungsprozess verbunden war. An den Aktienmärkten kam es deshalb zur ersten großen Hausse, die in Deutschland bis in die Sechzigerjahre dauerte. Die zweite große Hausse von 1982 bis 2000 verdankten die Märkte abermals einer übernationalen Tendenz, der Globalisierung. Sollte sich diese für Wirtschaft und Märkte positive Grundrichtung umkehren, ist die Aussicht auf eine nachhaltige Hausse dahin.

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