Riedls Dax-Radar

Gefährliche Kettenreaktionen aus Großbritannien

Die Folgen des Brexit verschärfen die kritische Lage, in der sich der deutsche Aktienmarkt seit Wochen befindet. Von der Insel ausgehend bedrohen Kettenreaktionen das Festland - auch den langjährigen Aufwärtstrend im Dax.

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Mit ungewöhnlich heftigen Reaktionen quittieren die Märkte die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. Das Pfund Sterling kracht gegenüber dem Dollar in den Bereich der Tiefen von 2008 und 2001. Der Rückgang des Pfunds gegenüber dem Dollar ist stärker als der Rückgang des Pfunds gegenüber dem Euro. Hier schwankt das Pfund immer noch etwa auf dem Niveau von 2014. Das ist zwar niedrig, aber keine Währungskatastrophe.

An den Aktienmärkten zeigt sich ein differenziertes Bild: Der britische FTSE 100 liegt am Morgen bei sechs bis sieben Prozent im Minus. Im Euro Stoxx sind es neun Prozent, im Dax waren es anfangs sogar elf Prozent.

Es gibt auch große Gewinner: Gold schießt am Morgen bis auf 1360 Dollar, der Bund Future erreicht ein historisches Hoch bei 167 Prozent, der Schweizer Franken legt zu.

Auch wenn am Freitagvormittags nach dem ersten Schock eine Beruhigung eintrat: Das Zwischenfazit zu den ersten Reaktionen an den Märkten lautet knapp: Pfund kräftig runter; Euro nicht ganz so schwach, aber ebenfalls abwärts; deutsche und europäische Aktien deutlich schwächer; britische Aktien schwach, aber kein Fall ins Bodenlose; klassische Sicherheits-Assets gefragt.

Märkte auf der Suche nach dem neuen Gleichgewicht

Die Reaktionen an den Märkten fallen auch deshalb so heftig aus, weil in den vergangenen Wochen die Hoffnung auf einen Verbleib der Briten in der EU die Kurse beflügelt hat. Wenn man diese vorübergehende Hoffnungs-Rally ausblendet, sieht es nicht mehr ganz so dramatisch aus.

Wichtig ist zudem, dass es am Morgen nach dem Brexit zwar zu heftigen Verkäufen kam, aber nicht zu einer Massenpanik. Nach dem Sell-Out zu Beginn des Handels hat sich der Dax innerhalb von zwei Stunden von 9200 auf 9600 Punkte hochgearbeitet. Das ist keine Entwarnung, sondern Teil der Suche nach dem neuen Marktgleichgewicht.

Die Folgen für die Märkte sind nicht nur außergewöhnlich vielfältig, sie wirken sich auch unterschiedlich auf der Zeitebene aus. Den Rückschlag des Pfunds spüren die Unternehmen sofort – und schon das hat verschiedene Konsequenzen: Während es für EU-Unternehmen ein Nachteil gegenüber der britischen Konkurrenz ist, kann die daraus Vorteile ziehen. Der Verfall des Pfunds ist der Hauptgrund, warum britische Aktien bisher weniger stark verlieren als europäische.

Doch auch hier führt die neue Währungskonstellation nicht zu einem widerstandslosen Durchrutschen. Das schwache Pfund belastet zwar die Dax-Unternehmen, die immerhin an die zehn Prozent ihres Umsatzes in Großbritannien machen (dieser Umsatzanteil ist fast so hoch wie der mit China). Andererseits wirkt der gedämpfte Euro gegenüber der Weltwährung Dollar als Entlastung.

So sähen Kaufkurse für die 30 Dax-Aktien aus

Eine weitere Entlastung kommt den europäischen Unternehmen von der Zinsseite zugute. Dabei geht es nicht nur darum, dass die EZB ihren schon bisher extrem großzügigen geldpolitischen Kurs angesichts der Krise fortsetzen wird. Die jüngste Hausse des Bund Futures festigt die Tendenz zu Negativzinsen. Das ist für Anleger bedauerlich, für die Finanzierung der Unternehmen aber ein Vorteil.

Kettenreaktion aus Pfundverfall, Immobiliencrash und Bankenkrise?

Über die jetzt schon spürbaren, kurzfristigen Folgen der Währungsturbulenzen hinaus wird der Brexit handfeste Konsequenzen für die europäische Wirtschaft haben. Dabei geht die Gefahr von Großbritannien aus. Der Verfall des Pfunds führt zu einem massiven Kapitalabfluss. Der wird verstärkt durch administrative Folgen, da viele Unternehmen – zumal Banken – sich aus London teilweise verabschieden.

Für den Finanzplatz London ist der Brexit eine Katastrophe. London ist seit Jahrhunderten das führende Finanzzentrum Europas – das reicht weit zurück bis in die Zeiten der Hanse mit ihrem legendären Handelsplatz in London, dem Stalhof an der Themse. Der Vorteil von London war immer ein doppelter: Einerseits die enge Verbindung zu Kontinentaleuropa und andererseits die zentrale Position im internationalen Verkehr von Waren und Kapital. Und nun ist die eine Seite dieser historisch genialen Position, die nach Europa, gekappt.

Die EU wird den Briten kaum entgegenkommen

Eine der größten Unsicherheiten für die Märkte besteht darin, welche Position Großbritannien gegenüber der EU einnehmen wird. Es wird viele Jahre dauern, bis die Verträge, die darüber im Einzelnen ausgehandelt werden, dingfest gemacht sind. Dass die EU den Briten dabei entgegenkommt ist unwahrscheinlich. Darunter wird die britische Wirtschaft insgesamt leiden und London als Finanzplatz besonders.

Eine Gefahr geht vom britischen Immobilienmarkt aus, der eine jahrelange Hausse hinter sich hat. Ein Zusammenbruch des aufgeblähten Immobilienmarkts auf der Insel hat direkte Folgen für die britischen Banken – und damit wiederum Auswirkungen auf das gesamte europäische und weltweite Finanzsystem. Kein Wunder, dass am Morgen nach dem Brexit im Dax die Bankaktien mit deutlich zweistelligen Verlusten besonders schwach notieren.

Auch die langfristigen, politischen Folgen des Brexit, die Gefahr eines Dominoeffekts der europäischen Wackelkandidaten, werden an den Börsen mit einem Auge beachtet. Andererseits gibt es aus strukturellen politischen Erwägungen auch die Chance, die EU ohne die Briten nun klarer auf europäische Bedürfnisse auszurichten. Für Anleger stehen aber die Reaktionen auf die Entwicklung von Währung und Wirtschaft zunächst im Vordergrund.

Doppelte Gefahren für den Dax

Im Dax sind die Verluste unterschiedlich. Besonders stark erwischt es die Banken und die Versorger. Gründe sind die Angst vor einer neuen Finanzkrise und die britischen Geschäfte der Energiekonzerne. In einem schwachen Gesamtmarkt geraten aber auch klassische Industriekonzerne wie Siemens, BASF oder Thyssenkrupp unter die Räder.

Am glimpflichsten kommen Pharmawerte davon – und der Immobilienkonzern Vonovia. Der hat zwar Wohn- und nicht Geschäftsimmobilien im Portfolio, doch insgesamt dürfte der deutsche Immobilienmarkt zu den Gewinnern des britischen Sonderwegs zählen. Schon seit Wochen sind auf dem deutschen Wohnungsmarkt große Käufer aus anderen europäischen Metropolen zu sehen, etwa aus Paris. Die schwindende Attraktivität in Britannien dürfte zu einem weiteren Kapitalfluss nach Deutschland führen.

Seit März besteht die Gefahr einer Abwärtswende

Im Dax war die Situation schon vor der Brexit-Enttäuschung angespannt. Hier besteht eine doppelte Bedrohung, die sich durch den Briten-Schock noch einmal verschärft: Gemessen an den Schlusskursen im Dax besteht seit März die Gefahr einer mittelfristigen Abwärtswende. Die entscheidende Untergrenze dafür liegt bei 9400 bis 9500. Die wurde an diesem Freitag im frühen Handel schon unterschritten.

Sollte sich diese Abwärtswende manifestieren, muss spätestens das Niveau um 8900 halten. Hier etwa verläuft die entscheidende Untergrenze einer möglichen Abwärtswende, deren Anfänge bis 2013 zurückreichen. Diese große Abwärtswende wiederum hätte eine Zielzone, die deutlich unter 7000 Punkten liegt. Dabei entsteht noch ein zusätzliches Problem. Sollte der Dax wirklich bis in den Bereich 8900 abrutschen, wäre der seit 2009 bestehende langfristige Aufwärtstrend ernsthaft in Gefahr.

Warten auf Kaufgelegenheiten

Fazit: In den nächsten Wochen geht es schlichtweg darum, ob die gesamte Hausse-Bewegung seit der Finanzkrisen-Baisse 2009 weiter Bestand hat oder nicht. Die Entscheidung darüber wird nicht an einem Tag fallen, auch nicht an einem Schock-Tag wie dem 24. Juni 2016. Dennoch wäre es leichtfertig, die enorme fundamentale Unsicherheit bei einer gleichzeitig brisanten Marktverfassung auf die leichte Schulter zu nehmen.

Europa und die europäische Wirtschaft stehen vor schwierigen Monaten – und genau diese tiefe Verunsicherung spiegelt sich an den Märkten wider. Als Anleger kann man dem nur mit Vorsicht begegnen. Für die gesamte Dax-Tendenz heißt das: Die Märkte ausschwingen lassen, Pulver trocken halten, in kurzen Anstiegsphasen auch einmal etwas verkaufen. Lieber beweglich bleiben als hohes Risiko fahren. Günstige Kaufgelegenheiten für Aktien dürfte es in den nächsten Wochen immer wieder geben.

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