Schuldenkrise: Alle wollen die EZB melken - Wirtschaftsweiser warnt

Schuldenkrise: Alle wollen die EZB melken - Wirtschaftsweiser warnt

, aktualisiert 16. November 2011, 19:21 Uhr
Bild vergrößern

Melken an einem künstlichen Euter: Wenn es so einfach wäre, die EZB anzuzapfen...

Quelle:Handelsblatt Online

Die Europäische Zentralbank soll es richten und Anleihen der Schuldenstaaten aufkaufen. Das wünschen sich jetzt auch die Franzosen für ihr eigenes Land. Doch der deutsche Wirtschaftsweise Franz warnt genau davor.

Rom, MailandDie Europäische Zentralbank gerät in der Schuldenkrise immer stärker in die Rolle der Krisenfeuerwehr. Nach Aussage von Händlern hat sie am Mittwoch erneut Anleihen von Italien und Spanien aufgekauft. „Sie greift massiv bei zwei- und zehnjährige Anleihen zu“, sagte ein Händler. Doch kaum haben die Hüter des Euro die hohen Zinsen etwas gedrückt, kommen neue Forderungen auf sie zu.

Eine französische Regierungssprecherin sagte, sie vertraue darauf, dass die EZB alle für die Finanzstabilität der Euro-Zone nötigen Maßnahmen ergreifen werde. Etwas konkreter wurde sie im nächsten Satz: „Wir denken, dass der Risikoaufschlag französischer Anleihen gegenüber deutschen nicht gerechtfertigt ist.“ Der eine oder andere dürfte das als indirekte Aufforderung verstehen: im Ernstfall soll die EZB auch französische Staatsanleihen aufkaufen.

Anzeige

Genau davor warnt der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz. Die „Monetarisierung von Staatsschulden“ gehöre zu den „Todsünden einer Zentralbank“, sagte Franz der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung fürchtet, die EZB könne ihre Unabhängigkeit verlieren, wenn sie als „Geldgeber der letzten Instanz“ für überschuldete Staaten einspringe.

Der Sachverständigenrat hatte in seinem jüngsten Gutachten vorgeschlagen, einen Teil der europäischen Schulden in einen gemeinschaftlichen Topf mit gemeinsamer Haftung zu legen.

Ganz anders hört sich das auf Seiten der französischen Regierung an. Der französische Finanzminister Francois Baroin sagte: "Wir begrüßen die Anstrengungen aller europäischen Institutionen, einschließlich der EZB, die besten Antworten auf diese Krise zu geben". Die Zeitung Les Echos zitierte ihn außerdem mit den Worten: "Die Zentralbank, deren Unabhängigkeit ich betone, hat klar gemacht, dass sie im Ernstfall zur Stelle sein wird."

Damit liegt Franreich im direkten Widerspruch zu Deutschland. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprach sich vehement gegen einen massiven Schuldenaufkauf durch die EZB aus. „Die fundamentalen Probleme sind neben einem Mangel an Regulierung der Finanzmärkte, die wir schrittweise beheben, dass wir ein Übermaß an Staatsverschuldung haben“, sagte der CDU-Politiker bei einem Besuch des irischen Ministerpräsidenten Enda Kenny in Berlin. Das könne vielleicht in den USA mit dem Einsatz der Notenbank Fed noch für einige Zeit überbrückt werden. „In Europa wird das nicht funktionieren“, mahnte Schäuble.

Das wäre eine falsche Lösung, mit der man nur kurz Zeit gewinne, dafür aber später einen höheren Preis zahle. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuvor abgelehnt, dass sich die EZB beim Ankauf von Staatsanleihen angeschlagener Eurostaaten stärker engagiert. Dies sei nach den bestehenden Verträgen nicht möglich. Beide mahnten, dass man statt einer Politik des lockeren Geldes endlich die Strukturprobleme angehen müsse.

Die irische Regierungschef Kenny forderte wiederum, dass die EZB sehr wohl als letzte Hilfe einspringen müsse. Die Eurozone brauche eine ausreichenden „Feuerkraft“. Allerdings dürfe dies nicht geschehen, ohne dass man Bedingungen stelle und durchsetze, mahnte auch Kenny.

Der Marktzins für zehnjährige französische Anleihen liegt derzeit fast zwei Prozentpunkte höher als die Rendite für vergleichbare deutsche Papiere. Noch ernster ist die Lage in Italien. Die Rendite der italienischen Bonds fiel nach den EZB-Käufen zwar vorübergehend unter die Sieben-Prozent-Marke, die allgemein als Obergrenze für eine auf Dauer tragfähige Refinanzierung über die Kapitalmärkte gilt. Doch die Krisenhilfe verpuffte bereits am Mittag, die Rendite stieg wieder auf sieben Prozent stieg.

Das hoch verschuldete Italien versucht unter dem designierten Ministerpräsidenten und Finanzfachmann Mario Monti derzeit einen politischen Neuanfang nach der von Affären überschatteten Ära des früheren Regierungschefs Silvio Berlusconi. Der Schritt konnte die wegen der Euro-Krise nachhaltig verunsicherten Märkte jedoch nicht nachhaltig stabilisieren. Am Dienstag kam es sogar zu einem wahren Ausverkauf an den Anleihemärkten, der auch Kernstaaten der Euro-Zone wie Frankreich und Österreich traf.

Die Experten der Großbank RBS sehen nur noch ein Mittel, um die Krise nachhaltig zu entschärfen. Sie plädieren für eine Fiskal-Union und die Aufgabe des Widerstands der nordeuropäischen Staaten gegen Eingriffsmöglichkeiten der EZB: „Bis dahin scheint Europa schutzlos gegen die „Angriffe' auf die Staatsanleihen - gleichgültig, ob sie spekulativ oder fundamental gerechtfertigt sind.“


Italiens Banken wollen auch an die Tränke

Die Staatsanleihen-Ankaufpolitik der EZB, die der Stützung des Marktes dient, ist innerhalb der Notenbank umstritten. Die Zentralbank hatte ihre Ankäufe vorige Woche zurückgeschraubt und mit 4,4 Milliarden Euro nicht einmal die Hälfte des Volumens der Vorwoche erreicht. Seit Mai 2010 hat die EZB Bonds im Gesamtwert von 187 Milliarden Euro aufgekauft. Die Bundesbank und andere Kritiker des Programms sehen damit die Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik verwischt. Die Gegner des Programms wollen verhindern, dass die EZB in eine Rolle als 'Geldgeber der letzten Instanz' für klamme Staaten hineingerät.

Diese Aufgabe erfüllt die Zentralbank bereits im Rahmen ihres Mandats für Finanzinstitute, die im Zuge der Vertrauenskrise am Interbankenmarkt bei anderen Geldhäusern keinen Kredit mehr bekommen. Nun bemühen sich italienische Geldhäuser darum, leichter an Zentralbank-Liquidität zu kommen. Bei einem Treffen am Mittwoch wollte der Chef der Großbank UniCredit, Federico Ghizzoni, der EZB entsprechende Bitten vortragen. Dabei sollte es um „eine Erweiterung des Rahmens der Sicherheiten“ gehen, die die Geldhäuser bei der EZB für die Refinanzierungsgeschäfte hinterlegen müssen, wie Ghizzoni der Zeitung „Corriere della Sera“ anvertraute. Sein Sprecher bestätigte die Gesprächsabsicht. Die EZB selbst wollte sich dazu jedoch nicht äußern.

Die italienischen Banken stützen sich seit der Eskalation der Euro-Schuldenkrise im Sommer bereits verstärkt auf die Liquiditätslinien der EZB. Diese hat die Zentralbank in der Krise ausgeweitet, und sie drückt auch bei der Qualität der als Pfand eingereichten Papiere bereits ein Auge zu. Die Banken können sich über verschiedene Tender auch längerfristig zum Festzins mit Geld vollsaugen und dabei auch griechische, portugiesische und irische Anleihen als Sicherheiten einreichen. Im Oktober stieg die EZB-Ausleihsumme an italienische Banken auf gewaltige 111,3 Milliarden Euro.

Über der UniCredit ziehen sich derzeit dunkle Wolken zusammen: Der größten Geschäftsbank Italiens droht nach dem rekordverdächtigen Verlust von 10,6 Milliarden Euro im dritten Quartal eine Herabstufung der Bonität. Die Ratingagentur Moody's teilte mit, die Noten für die langfristige Kreditwürdigkeit des Mailänder Instituts sowie zahlreicher Töchter zu prüfen.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Immobilien-Wertfinder:Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet
Immobilien-Wertefinder

Mit unserem interaktiven Tool finden Sie Interessierte Mieten und Kaufpreise in ihrem Viertel und ihrer Straße. Mehr...

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%