Staatsanleihen: Beruhigungspille für Anleger wirkt noch nicht

Staatsanleihen: Beruhigungspille für Anleger wirkt noch nicht

, aktualisiert 12. Dezember 2011, 09:52 Uhr
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Gläubiger sollen nicht mehr auf ihren Anleihen sitzen bleiben.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Politik versucht alles, um die Märkte zu beruhigen. Doch die Anleger trauen dem nicht. Eine Ratingagentur ist von den Beschlüssen des Krisengipfels nicht überzeugt. Nur einige Spekulanten werden mutiger.

FrankfurtEs soll eine Beruhigungspille für die Investoren sein - doch sie wirkt noch nicht: Auf dem EU-Gipfel in der vergangenen Woche gestanden die Politiker erstmals ein, dass es ein Fehler gewesen war, Banken und Versicherer bei der Rettung Griechenlands einzubeziehen. Die Märkte habe das verunsichert. Das Verfahren soll deswegen nicht mehr für andere Länder angewendet werden, sagte EU-Präsident Hermann Van Rompuy. Stattdessen werden sich die Euro-Staaten künftig bei einer möglichen Beteiligung des privaten Sektors streng an den Grundsätzen und der Vorgehensweise des IWF orientieren.

Die Gläubiger von Euro-Staatsanleihen werden sich demnach keine Sorgen mehr machen müssen, dass sie häufiger als international üblich zum Schuldenverzicht gedrängt werden. Die bisher vorgesehene "freiwillige" Beteiligung des Privatsektors wird es wohl nicht mehr geben, so die Interpretation der Commerzbank-Volkswirte in einem ersten Kommentar. Im Fall von Griechenland verzichten die privaten Gläubiger freiwillig auf die Hälfte des ausstehenden Geldes. Dadurch wurden keine Zahlungen aus Kreditausfallversicherungen fällig, mit denen sich Investoren gegen Verluste absichern.

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Trotz der weitreichenden Beschlüsse hat die Ratingagentur Moody's ihre Warnung an die EU-Staaten bekräftigt. Die Kreditwürdigkeit aller EU-Staaten werde im ersten Quartal 2012 einer genauen Prüfung unterzogen, teilte die Agentur am frühen Montagmorgen mit. Die Beschlüsse des EU-Krisengipfels gehen der Agentur nicht weit genug. Vor allem kurzfristige Maßnahmen zur Stabilisierung der angespannten Kreditmärkte fehlten. Die Eurozone und die gesamte EU stünden weiter unter Druck.

Darüber hinaus zeigt sich die Ratingagentur auch von den konkreten Beschlüssen der europäischen Staats- und Regierungschefs nicht überzeugt. Nur wenige der angekündigten Krisenmaßnahmen seien neu, vieles ähnele frühen Ankündigungen. Ungeachtet der Beschlüsse habe die europäische Schuldenkrise eine kritische Phase erreicht: Die Kreditmärkte für Banken und Staaten seien nach wie vor anfällig gegen Schocks. Selbst unter der Annahme, dass es in der Eurozone zu keinen weiteren Solvenzproblemen auf staatlicher Ebene komme, seien Bonitätsabstufungen in den kommenden Monaten möglich. Je länger die zögerliche Reaktion der Politik auf die Krise anhalte, desto größer werde das Risiko ungünstiger Entwicklungen mit möglichen Staatspleiten, heißt es bei Moody's.


Auch Versicherungen bleiben vorsichtig

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) begrüßte die Gipfelbeschlüsse. Die Anpassung der Privatgläubigerbeteiligung an die Bedingungen des IWF könnte das Vertrauen von Investoren in europäische Staatsanleihen stärken. Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt bei Barclays Capital, lobt den Schritt als "wichtigen Meilenstein", und der Oxford-Ökonom Clemens Fuest sieht den Vorteil des IWF-Verfahrens darin, dass es erprobt und damit die Unsicherheit geringer sei.

An den Staatsanleihemärkten war die Reaktion am Freitag jedoch nur verhalten positiv. Zwar stiegen die Kurse leicht, wodurch die sich umgekehrt entwickelnden Renditen für Papiere aus Italien, Spanien, Portugal und Frankreich um durchschnittlich 0,1 Prozentpunkte sanken. Die großen Käufergruppen Fondsmanager, Banken und Versicherungen sind nach wie vor sehr vorsichtig.

"Eine Beteiligung privater Investoren an einem Schuldenschnitt wird nicht generell ausgeschlossen", sagt Rüdiger Kerth, Euro-Anleihemanager bei Union Investment. Es gebe jetzt eine Fall-zu-Fall-Entscheidung. Aber es gibt noch viele offene Fragen, so dass man die neue Lage nicht endgültig bewerten könne.

Auch bei Pictet, die mit einem verwalteten Vermögen von rund 370 Milliarden Schweizer Franken zu den größten Privatbanken des Alpenlandes zählt, denkt niemand daran, trotz der jüngsten Gipfelbeschlüsse schon wieder zuzugreifen. Der Anteil an Anleihen von Staaten mit einer Bonität von schlechtestenfalls AA liegt in den ausgewogenen Portfolios bei unter zehn Prozent. "Wir haben die Positionen auf das tiefstmögliche Niveau zurückgefahren", sagt Chefstratege Alfred Roelli. Daran werde sich auch in nächster Zeit nichts ändern.

Die Banken werden sich mit neuen Engagements wahrscheinlich ebenfalls zurückhalten, weil sie erst die Ergebnisse des Eba-Stresstests verarbeiten müssen, glaubt Stefan Schneider, Volkswirt der Deutschen Bank. In den ersten neun Monaten des Jahres stießen die europäischen Geldhäuser Euro-Anleihen im Volumen von 65 Milliarden Euro ab, wie die "Financial Times" auf Grundlage der Stresstest-Ergebnisse ermittelte.

Und auch die Versicherungen bleiben vorsichtig. Bei einem mittelgroßen Anbieter heißt es, der Gipfelbeschluss werde an der Anlagepolitik nicht viel ändern. Die sinkende Attraktivität von Staatsanleihen sei auch eine Frage der Verzinsung. Unternehmensanleihen seien inzwischen oft attraktiver. Wenn jetzt tatsächlich die Nervosität an den Märkten zurückgehe, dann könne man auch wieder verstärkt in eigentlich solide Länder wie Italien investieren, heißt es bei einem Versicherer. Noch sei es aber zu früh für eine Bewertung, man müsse erst einmal abwarten.


Hedge-Fonds steigen ein

Tatsächlich aber gibt es schon erste Investoren, die mutiger sind. Das zeigt sich in den Anfang Dezember leicht gesunkenen Renditen. "Wir beobachten, dass einige Investmentfonds ihr Engagement in Italien und Spanien zumindest wieder auf ein neutrales Niveau nach oben fahren", sagt Stefan Mülheim vom Londoner Vermögensverwalter Sciens. So hat beispielsweise der Hedge-Fonds Sabas Capital zuletzt italienische Bonds gekauft. Auch der US-Investor George Soros kündigte am Freitag an, er wolle Euro-Anleihen des pleitegegangenen Brokers MF Global aufkaufen.

"Der Renditerückgang ist auf echte Käufe und nicht auf die Stützung der EZB zurückzuführen", glaubt Larry Kantor, Researchchef von Barclays Capital und fügt hinzu: "Wir versuchen, unsere Kunden davon zu überzeugen, dass es in der Euro-Zone inzwischen auch Chancen und nicht nur Risiken gibt." Aber den Versicherungen von Merkel und Sarkozy traut er dennoch nicht völlig: "Es ist inkonsistent, dass die Politiker versichern, dass es keinen Schuldenschnitt mehr für private Gläubiger geben wird, die Europäische Bankenaufsicht Eba aber genau dieses Szenario in ihrem jüngsten Stresstest unterstellt." Durch solche Ungereimtheiten würden die Märkte weiter verunsichert.

Und Deutsche-Bank-Volkswirt Stefan Schneider ergänzt: "Langfristig bleibt das Risiko der zu hohen Staatsverschuldung in vielen Ländern. Deshalb wird es ein sorgenfreies Investieren wie vor der Krise nicht mehr geben."

Quelle:  Handelsblatt Online
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